Lesung mit Clemens Meyer und Roman Ehrlich

by Zeichensetzerin Alexa

„Das Schöne an Lite­ra­tur ist ja, dass Sie die Leser gar nicht daran hin­dern kön­nen, beim Lesen an Leip­zig zu den­ken.“ (Lothar Müller)

Am 26.01.14 lasen in der „Glo­cke“ in Bre­men die Preis­trä­ger des 60. Lite­ra­tur­prei­ses Cle­mens Meyer („Im Stein“) und Roman Ehr­lich („Das kalte Jahr“) aus ihren neuen Wer­ken vor. Die Mode­ra­tion führte Lite­ra­tur­kri­ti­ker Dr. Lothar Mül­ler (Süd­deut­sche Zei­tung), der auch Vor­sit­zen­der der Jury des Bre­mer Lite­ra­tur­prei­ses 2014 war. – Von Zei­chen­set­ze­rin Alexa

Als die Autoren den vol­len Saal in der „Glo­cke“ betre­ten, ist die Span­nung förm­lich zu spü­ren. Die vie­len Men­schen, die sich an die­sem Sonn­tag­abend die Zeit genom­men haben, begrü­ßen sie mit kräf­ti­gem Applaus. Die Neu­gier auf das, was kom­men mag, ist groß – wel­chen Cha­rak­ter haben diese Autoren? Wie ver­hal­ten sie sich? Was haben sie zu erzäh­len? Wäh­rend Dr. Lothar Mül­ler die bei­den vor­stellt, ist der Blick Mey­ers gesenkt, Ehr­lich ist für die auf der lin­ken Seite sit­zen­den Zuschauer, hin­ter einem Pult ver­schwun­den. Es wirkt, als rede Mül­ler mit den Zuschau­ern, obwohl die Fra­gen an Meyer und Ehr­lich gerich­tet sind. Manch­mal scheint es, als lang­weile Meyer sich. Eine direkte Frage lässt ihn kurz auf­schauen, er schweigt aber wei­ter­hin, deu­tet nur mit einer klei­nen Geste zu Ehr­lich, als solle die­ser mit dem Ant­wor­ten begin­nen. Einige Zuschauer run­zeln schein­bar ver­wirrt die Stirn, andere lachen.

Cle­mens Meyer gehört wohl zu den bekann­tes­ten Autoren Deutsch­lands. Er erhielt bereits viele Aus­zeich­nun­gen, sein Roman „Im Stein“ war auf der Short­list des Deut­schen Buch­prei­ses – nun wurde er mit dem Bre­mer Lite­ra­tur­preis aus­ge­zeich­net. Den För­der­preis des Lite­ra­tur­prei­ses Bre­men erhielt Roman Ehr­lich für sei­nen Roman „Das kalte Jahr“. Zwei unge­wöhn­li­che Autoren, mit einem sehr unter­schied­li­chen Lebens­lauf, aber einer Gemein­sam­keit: beide haben im Deut­schen Lite­ra­tur­in­sti­tut Leip­zig stu­diert. Und an die­ser Gemein­sam­keit knüpft Lothar Mül­ler an, indem er fragt: „Was ist Lite­ra­tur? Kann man Lite­ra­tur über­haupt stu­die­ren?“ Da in Ehr­lichs Roman auch Bil­der auf­tau­chen, kommt die Frage auf, inwie­fern Bil­der mit Lite­ra­tur zu tun haben. Sind Bil­der nicht auch eine Art von Lite­ra­tur? Ehr­lich bestä­tigt die­sen Gedan­ken, denn auch Bil­der erzäh­len auf ihre Weise Geschich­ten. Meyer betont, dass mit dem Alter die Erfah­rung kommt und der Text eines 21 Jäh­ri­gen nicht ver­gleich­bar wäre mit dem eines 40 Jäh­ri­gen. Im Stu­dium würde man ler­nen, den eige­nen indi­vi­du­el­len Stil zu ver­bes­sern, mit sprach­li­chen Mit­teln zu arbeiten.

Der Stil Mey­ers ist tat­säch­lich nicht all­täg­lich. In sei­nem Roman springt er Stel­len­weise zwi­schen Prä­sens und Prä­ter­itum, wei­ter­hin ist die Geschichte nicht chro­no­lo­gisch auf­ge­baut. Ein Grund, wes­halb es ihm nichts aus­macht, das vor­letzte Kapi­tel aus sei­nem Roman vor­zu­le­sen – „Zu viel wird dabei eh nicht ver­ra­ten“, so seine Begrün­dung. Er liest lang­sam, mit rauer Stimme, ganz anders als Ehr­lich, des­sen Stimme viel schnel­ler dahin­fließt und die Zuhö­rer mit­reißt. Zwei so unter­schied­li­che Stile, aber beide auf ihre Weise fesselnd.

Die Dis­kus­sio­nen, die der Lite­ra­tur­kri­ti­ker Dr. Lothar Mül­ler immer wie­der aufs Neue ent­facht, sind das wahre High­light die­ses Abends. Er schafft es auch bei auf­brau­sen­den Ant­wor­ten sei­tens Mey­ers das Gespräch so zu wen­den, dass das Erle­ben die­ser Dis­kus­sion eine Freude ist. Mül­ler: „Beim Lesen musste ich an Leip­zig den­ken…“, Meyer: „Leip­zig wird im Buch mit kei­nem Wort erwähnt. So etwas will ich hier gar nicht hören!“ Nach eini­gem Argu­men­tie­ren bringt der Lite­ra­tur­kri­ti­ker es dann auf den Punkt: „Das Schöne an Lite­ra­tur ist ja, dass Sie die Leser gar nicht daran hin­dern kön­nen, beim Lesen an Leip­zig zu den­ken.“ Für die­sen Satz ern­tet Mül­ler einen begeis­ter­ten Applaus.

Die Lesung hin­ter­lässt neben dem nach­hal­ti­gen Ein­druck der span­nen­den Dis­kus­sio­nen und der Autoren auch den Gedan­ken: „Das kalte Jahr“ und „Im Stein“ sind zwei auf­fal­lende Romane – aber haben sie den Bre­mer Lite­ra­tur­preis ver­dient? Die Mei­nung der Jury ist klar:

Das kalte Jahr, Dumont Ver­lag, 2013
»Der För­der­preis zum Bre­mer Lite­ra­tur­preis geht an Roman Ehr­lich für sei­nen Debüt­ro­man ›Das kalte Jahr‹, der mit nüch­tern-sug­ges­ti­ver Spra­che den Leser in ein Eltern­haus, einen aus Raum und Zeit gefal­le­nen Unort hin­ein­zieht. In die­ser Win­ter­reise zu Außen­sei­tern und Unter­gän­gern hält den lau­ern­den Kata­stro­phen nur eines stand: die Frei­heit des Erzählens.«

Im Stein, S. Fischer Ver­lag, 2013
»Der Bre­mer Lite­ra­tur­preis geht an Cle­mens Meyer für sei­nen Roman ›Im Stein‹, der in einem kunst­vol­len Chor von Stim­men zwi­schen Wen­de­zeit und Gegen­wart die Rück­seite der bür­ger­li­chen Gesell­schaft her­vor­tre­ten lässt: die Welt, in der das Leben ver­kauft wird und die Kör­per zu Waren wer­den. Mit expres­si­ver Sprach­kraft lässt die­ser unge­stüme Roman im schein­bar Dokumen¬tari¬schen der Lebens­läufe sei­ner Figu­ren die Mytho­lo­gie der Unter­welt aufscheinen.«

Wel­che Mei­nung habt ihr? Und was ist Lite­ra­tur für euch? Muss man Lite­ra­tur stu­diert haben, um schrei­ben zu kön­nen und vor allem, um erfolg­reich zu sein?
Wir sind gespannt auf eure Antworten!

Mehr über den Bre­mer Lite­ra­tur­preis erfahrt ihr hier.

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3 comments

literaturen 29. Januar 2014 - 8:35

Ich war im Dezem­ber im Rah­men der Lite­ra­Tour Nord auch auf einer Lesung von Cle­mens Meyer – und kann den Ein­druck nur bestä­ti­gen. Der Mann ist irgend­wie in sei­ner eige­nen Welt und sei­nem eige­nen Kos­mos. Was ihn durch­aus inter­es­sant macht. Aber er ist eben auch ein biss­chen kratzbürstig. 😉

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buzzaldrinsblog 29. Januar 2014 - 13:41

Ach Gott, ach Gott – wie gerne wäre ich dabei gewe­sen. Cle­mens Meyer habe ich übri­gens in Frank­furt erlebt, ganz ähn­lich wie du und wirk­lich sym­pa­thisch gewor­den ist er mir nicht. 

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Bücherstadt Kurier 30. Januar 2014 - 20:10

Ich dachte anfangs noch, ob das nicht ein­fach nur Show sei. Aber wenn ihr einen ähn­li­chen Ein­druck habt, dann wird das wohl sein Cha­rak­ter sein. 😉

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