Über das Land und noch weiter

Pe­ter Stamms „Weit über das Land“ ist ein Buch über das Da­von­ge­hen, über tie­fe Bin­dun­gen und das Le­ben. Zu Recht stand es ver­gan­ge­nes Jahr auf der Long­list des Deut­schen Buch­prei­ses. – Von Zei­chen­set­ze­rin Ale­xa

„Weit über das Land“ be­ginnt mit all­täg­li­chen Din­gen. Es geht um eine Fa­mi­lie, die ge­ra­de erst vom Ur­laub zu­rück­ge­kehrt ist. Der Abend ist ru­hig. Mann und Frau sit­zen auf der Holz­bank vor ih­rem Haus und trin­ken Wein, wäh­rend die Kin­der in ih­ren Bet­ten lie­gen. Tho­mas lässt die Ge­dan­ken schwei­fen, stellt sich vor, wie der nächs­te Tag aus­se­hen und wie der All­tag wie­der be­gin­nen wür­de. Wie al­les sei­nen ge­wohn­ten Ab­lauf wie­der an­neh­men wür­de. Er konn­te alle Schrit­te sei­ner Frau vor­aus­sa­gen, die sei­ner Kin­der, die der Nach­barn.

Ge­hen

„Tho­mas stand auf und ging auf dem schma­len Kies­weg am Haus ent­lang. An der Ecke an­ge­langt, zö­ger­te er ei­nen Au­gen­blick, dann bog er mit ei­nem er­staun­ten Lä­cheln, das er mehr wahr­nahm als emp­fand, zum Gar­ten­tor ab.“ (S. 13) Tho­mas geht. So plötz­lich, dass es selbst beim Le­sen un­wirk­lich er­scheint, so als wür­de er das nur in sei­nen Ge­dan­ken tun. Eine „was wäre, wenn“-Vorstellung. Aber dem ist nicht so. Tho­mas geht und ver­lässt sei­ne Frau und sei­ne Kin­der. Lässt al­les hin­ter sich zu­rück, um das ei­ge­ne Le­ben zu le­ben, fern­ab des All­tags, der Ver­ant­wor­tung und ge­sell­schaft­li­chen Zwän­gen. Er geht durch die Na­tur und fin­det zum „Le­ben“ zu­rück: „Es war ihm, als laue­re et­was in der Dun­kel­heit, kein Mensch, kein Tier, eine Art all­ge­mei­ner Le­ben­dig­keit, die den gan­zen Wald um­fass­te.“ (S. 15/16)

Ver­las­sen

Tho­mas zieht im­mer wei­ter, lernt an­de­re Men­schen ken­nen, ar­bei­tet hier und da, schlägt sich durch, sieht viel von der Welt. As­trid, sei­ne Frau, lebt das Le­ben mit ih­ren Kin­dern wei­ter, geht ih­rer Ver­ant­wor­tung nach und küm­mert sich um al­les. An­fangs ver­sucht sie noch den Schein zu wah­ren, in­dem sie Tho­mas auf der Ar­beit krank­mel­det und den Kin­dern er­zählt, ihr Va­ter sei schon frü­her zur Ar­beit ge­fah­ren. „Aber plötz­lich war sie si­cher, dass Tho­mas auch zum Abend­essen nicht kom­men wür­de und auch mor­gen nicht. Das Ge­fühl nahm ihr den Atem, sie mach­te sich kei­ne Sor­gen, sie emp­fand eine läh­men­de Angst, als wüss­te sie schon, was ge­sche­hen wür­de.“ (S. 27/28) Bald muss sie sich dem Ge­fühl, ver­las­sen wor­den zu sein, stel­len – mit al­lem, was da­zu­ge­hört.

Zwei Wel­ten

Pe­ter Stamm ist es ge­lun­gen, zwei Le­bens­wel­ten aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven auf­zu­zei­gen, die voll­kom­men ge­gen­sätz­lich sind. Wäh­rend Tho­mas den Wunsch nach Frei­heit und Selbst­be­stim­mung ver­kör­pert, stellt As­trid die ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Frau und Mut­ter dar. Die­se Rol­len­ver­tei­lung wirkt auf den ers­ten Blick kli­schee­haft, wirft je­doch auch die Fra­ge in den Raum, ob es Müt­tern grund­sätz­lich schwe­rer fällt, ihre Fa­mi­lie zu ver­las­sen. Mit Si­cher­heit wird As­trid, ge­nau wie Tho­mas, ihre Träu­me ha­ben, wel­che sie we­gen ih­rer Kin­der nicht aus­le­ben kann. Aber es ist nicht sie, die geht, um sie zu ver­wirk­li­chen, son­dern ihr Mann. Als Frau ist sie nicht nur der Ver­ant­wor­tung ge­gen­über ih­rer Fa­mi­lie ver­pflich­tet, son­dern auch ge­sell­schaft­li­chen Zwän­gen und Nor­men. Wür­de sie ihre Kin­der ver­las­sen, wäre sie der Kri­tik al­ler Au­ßen­ste­hen­den aus­ge­setzt. Wenn ein Mann geht, wird das we­ni­ger kon­tro­vers auf­ge­fasst.

Und das ist auch der Grund, wes­halb sich im Lau­fe des Ro­mans das Ge­fühl von Un­fair­ness ein­schleicht. Die Le­ser se­hen durch sprach­li­che Bil­der, was Tho­mas er­lebt. Es ist eine schö­ne, na­tur­na­he Welt, die zwar ihre Ge­fah­ren hat, aber den­noch den Ein­druck ver­mit­telt, es sei eine schö­ne­re als jene, in der As­trid lebt. As­trid ist die, die ver­lo­ren hat. Ver­las­sen, der kom­plet­ten Ver­ant­wor­tung über­las­sen, an ei­nem Ort ge­fan­gen. Sie kann aus ih­rer Welt nicht aus­bre­chen, weil es nie­man­den gibt, der sie er­set­zen könn­te.

Le­bens­nah

„Das Früh­stück ohne Tho­mas war fast schon Rou­ti­ne, aber nach­dem die Kin­der aus dem Haus wa­ren, ging As­trid ru­he­los durch die Räu­me, nahm Din­ge in die Hand und leg­te sie wie­der hin.“ (S. 47)

Tho­mas‘ Hand­lung ist un­vor­stell­bar und vor­stell­bar zu­gleich. Der Schreib­stil ver­mit­telt eine der­ar­ti­ge Leich­tig­keit und Klar­heit, dass sie den Kon­trast zur Ge­fühls­la­ge der Prot­ago­nis­ten bil­det. Die Zei­len ver­flie­gen, die Spra­che trägt mit kla­ren Wor­ten und Sät­zen durch die Ge­schich­te. Sprach­lich er­scheint al­les ein­fach. In­halt­lich springt man in tie­fe Ge­wäs­ser, vol­ler Ge­dan­ken und Ge­fühls­be­schrei­bun­gen. So­wohl Tho­mas als auch As­trid müs­sen mit ih­ren Er­in­ne­run­gen und ih­rer Si­tua­ti­on klar­kom­men. Ge­ra­de die­ser Stil trägt dazu bei, dass die Ge­schich­te le­bens­nah er­scheint. Man kann sich in die Lage bei­der Prot­ago­nis­ten hin­ein­ver­set­zen und sich vor­stel­len, dass sich die­se Ge­schich­te auch in der Rea­li­tät hät­te ab­spie­len kön­nen.

Wenn­gleich die Rol­len­ver­tei­lung in „Weit über das Land“ kri­tisch zu be­trach­ten ist, ist der Ro­man vor al­lem im Hin­blick auf die emo­tio­na­le und ge­dank­li­che Tie­fe so­wie die sti­lis­ti­sche Um­set­zung sehr le­sens­wert.

Weit über das Land. Pe­ter Stamm. S. Fi­scher. 2016.

Über Zeichensetzerin Alexa 93 Artikel

Zeichensetzerin Alexa ist - in Begleitung des Buchfinken - an verschiedenen Orten der Bücherstadt anzutreffen. Außerhalb dieser arbeitet sie als Erzieherin in einem Bremer Elternverein, studiert Germanistik und Kunst-Medien-Ästhetische Bildung und gestaltet ihr Projekt Zeichenblicke.

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