Zwei Indiebooks aus der Wildnis „Skabelon“ & „Angsttier“

by Worteweberin Annika

SkabelonMit zwei Neu­erschei­nun­gen aus Indie-Ver­la­gen ist Worte­we­be­rin Annika in die Wild­nis abge­taucht: „Ska­be­lon“ von Malin C.M. Røn­ning und „Angst­tier“ von Lola Randl zei­gen nicht nur wilde Wäl­der, son­dern auch das Wilde in uns Men­schen – und sind außer­dem ganz beson­dere Romane.

Angsttier

Frie­del und Jakob träu­men von einem Leben auf dem Land. Unkom­pli­zier­ter soll es sein, idyl­li­scher, ein­fa­cher. In der ost­deut­schen Pro­vinz sto­ßen sie auf ein Häus­chen im Wald und dank Frie­dels stein­rei­chem Vater ist der Kauf schnell abge­schlos­sen – aller­dings mit einem Haken: Jakob steht nicht mit im Kauf­ver­trag. Ein ers­ter Knacks für das Selbst­be­wusst­sein des mäßig erfolg­rei­chen Schrift­stel­lers und damit auch für die Bezie­hung der bei­den. Dabei sollte diese im neuen Haus doch eigent­lich auf­blü­hen, beson­ders, weil Nach­wuchs unter­wegs ist.

Spä­tes­tens als sich nach einem Tier­biss in Jakobs Hand das Angst­tier in ihm breit macht, ist es mit der Idylle aber voll­ends dahin: Er wird aggres­siv, gibt das Schrei­ben an sei­nem zwei­ten Roman auf, ver­liert die ver­meint­li­che Rea­li­tät aus den Augen – und auch wir Leser*innen tap­pen im Unge­wis­sen. Was sind Jakobs Fan­ta­sien und Fie­ber­träume, was ist Wahn, was ist Wirk­lich­keit? Mehr und mehr nimmt der anfangs lang­sam erzählte Roman Fahrt auf, mehr und mehr ent­glei­tet Jakob sein Leben. Auf den letz­ten Sei­ten blei­ben wir Leser*innen fas­sungs­los zurück, obwohl Jakobs Ent­wick­lung völ­lig strin­gent und über­zeu­gend erzählt ist. Oder viel­leicht auch gerade des­we­gen! Denn Lola Randl zeigt, wie schnell es gehen kann, dass aus einem Men­schen ein Geschöpf der Wild­nis wird.

Randls Roman spielt mit Wer­wolf­my­then, die in dem klei­nen ost­deut­schen Ort erzählt wer­den und selt­sam an Jakobs Weg in die Wild­nis erin­nern. Nach den bei­den schon durch ihre Per­spek­tive weib­li­chen Roma­nen „Der große Gar­ten“ und „Die Krone der Schöp­fung“ ist ihr neuer Roman „Angst­tier“ aus der Sicht eines Man­nes erzählt. Er stellt Fra­gen nach der Rolle eines Man­nes, Vaters und Fami­li­en­ver­sor­gers in unse­rer heu­ti­gen Gesell­schaft. Erwar­tun­gen, denen Jakob nicht glaubt, gerecht wer­den zu kön­nen und denen er sich letzt­lich ent­zieht. Der Ton im Roman ist rau, der Stoff schwer ver­dau­lich. Keine der Figu­ren ver­mag es, Sym­pa­thie zu wecken. Das ist auch nicht nötig, die­ses Buch möchte eher auf­wüh­len als ein­lul­len. „Angst­tier“ ist ein intel­li­gen­ter Roman, der den Hor­ror vor­führt, der in uns allen schlum­mert. Nichts für ganz schwa­che Nerven.

Cont­ent­war­nung: Sexua­li­sierte Gewalt

Angst­tier. Lola Randl. Mat­thes & Seitz. 2022.

Skabelon

Auch „Ska­be­lon“ der nor­we­gi­schen Autorin Malin C.M. Røn­ning nimmt uns mit in den wil­den Wald, und auch die­ses Buch for­dert viel von sei­nen Leser*innen. Wir erfah­ren darin aus der Ich-Per­spek­tive von einer Kind­heit in einem Häus­chen im Wald. „Nur Babys brin­gen Glück. Das Unglück kommt wie­der, wenn sie groß wer­den“, sagt Urds Mut­ter. So wächst die Kleine als sechs­tes von acht Kin­dern auf, mit zu wenig zu essen, zu wenig Liebe, zu wenig Inter­esse von Sei­ten der Eltern. Urd ist Ein­zel­gän­ge­rin, liebt den Wald und die Tiere, nimmt sehr genau die Natur unter die Lupe. Auch das Leben im Haus beob­ach­tet sie und notiert, wel­che Dinge mit der Zeit ver­schwin­den: Ihre Geschwis­ter, Gegen­stände... Doch im Gespräch mit den ande­ren Geschwis­tern zeigt sich auch: Ihre Erin­ne­run­gen sind nicht zuver­läs­sig, jede*r macht sich ein ande­res Bild vom gemein­sa­men Leben im Wald.

„Men­schen haben in ihrem Inne­ren nur Platz für sich selbst, und etwas Hel­les und etwas Dunk­les. Aber ich habe mehr, ich habe alle Tiere, mein Kör­per ist eine Land­schaft, und darin woh­nen sie, in ver­schie­de­nen Räu­men: Viel­fraße und Füchse und Bären und Hir­sche und Elche und Spin­nen und Krä­hen und Habichte und Hechte und Rat­ten und Eich­hörn­chen und Amei­sen und Raben und Schlan­gen und Libel­len und Wür­mer und Dachse und Sper­linge und Flie­gen.“ (S. 105–106)

Immer zieht Urd den Ver­gleich zu den Tie­ren und dem, was sie rund um das Haus beob­ach­ten kann. Ihre Welt ist die Wild­nis. Doch als Urd in die Schule kommt, wird sie zuneh­mend mit dem Leben außer­halb des Wal­des kon­fron­tiert, mit den Vor­ur­tei­len und dem, was andere Men­schen als „nor­mal“ anse­hen. So durch­wan­dern wir mit Urd ihre Erin­ne­run­gen, teils sprung­haft, und je älter das Kind wird, desto erschre­cken­der wird das Erzählte.

Røn­nings Roman hat eine unge­heure Sog­kraft, erschüt­tert beim Lesen zugleich immer wie­der. Die Ver­wahr­lo­sung der Kin­der ist nur schwer erträg­lich, auch wenn sie durch Urds kind­li­che Augen geschil­dert und vie­les nur zu erra­ten ist. Auch Urd selbst macht es ihrer Umge­bung und uns Leser*innen nicht immer leicht. Sie kennt die Regeln des Zusam­men­le­bens nicht – woher auch? –, ver­hält sich son­der­bar, mal ani­ma­lisch, mal bös­ar­tig. Inhalt­lich ist das nicht leicht zu ertra­gen, sprach­lich ist „Ska­be­lon“ so flir­rend schön wie der Umschlag des Romans (übri­gens auf fan­tas­ti­schem Struk­tur­pa­pier gedruckt).

„Dass die­ser Wald mir gehört, das sollst du wis­sen. Die­ses Moor, das ver­gilbte Gras. Aber der Friede gehört mir nicht, und auch nicht das Licht.“ (S. 155)

„Ska­be­lon“ war für mich ein abso­lu­tes High­light, das ich nur wärms­tens wei­ter­emp­feh­len kann. Wer die Natur und schöne Bücher liebt, ist hier genau richtig.

Cont­ent­war­nung: Totgeburt

Ska­be­lon. Malin C.M. Røn­ning. Aus dem Nor­we­gi­schen von Andreas Donat. Karl Rauch Ver­lag. 2022.

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