Wildes, fremdes, zerrissenes Afrika

by Satzhüterin Pia

Wuoth Ogik ist „der Ort, an dem die Reise endet“. Aber was für eine Reise ist das? Satz­hü­te­rin Pia ist den Weg durch den wuch­ti­gen 500 Sei­ten-Debüt­ro­man der Kenia­ne­rin Yvonne Adhiambo Owuor ange­tre­ten und zeigt sich beein­druckt. Beein­druckt von einer Geschichte, die viel­leicht nicht son­der­lich kom­plex und letzt­end­lich eigent­lich nur trau­rig ist, aber vor sprach­li­cher Bild­ge­walt nur so strotzt.

der-ort-an-dem-die-reise-endetEine zer­ris­sene Familie

Wir befin­den uns im Jahr 2007 in Kenia, als ein jun­ger Mann in den Stra­ßen Nai­ro­bis erschos­sen wird. Der Tod des Stu­den­ten Moses Ebe­we­sit Odidi Oganda zwingt seine Schwes­ter Ara­bel Ajany Oganda aus Bra­si­lien zurück nach Kenia zu kom­men. Gemein­sam mit ihrem Vater über­füh­ren sie den Leich­nam des Bru­ders und Soh­nes Odidi zurück auf die Fami­li­en­farm in Wuoth Ogik, wo schon die Mut­ter auf sie war­tet. Diese Heim­kehr ist schwer – für den Vater, für die Mut­ter, für die Schwes­ter. Schmerz, Trauer, Wut und Ver­zweif­lung las­sen die Mut­ter Akai in die Wild­nis ent­flie­hen. Der Vater Nyipir muss sich einer bru­ta­len Wahr­heit stel­len und die Schwes­ter? Ajany hält den Tod ihres gelieb­ten Bru­ders eben­falls kaum aus und begibt sich auf die Suche nach Odi­dis Spu­ren durch sein kur­zes Leben.

Ein zer­ris­se­nes Land

Es ist nicht nur die Geschichte der Fami­lie Oganda, son­dern auch die eines zer­ris­se­nen Kon­ti­nents. Afrika ist geprägt von kolo­nia­ler Gewalt­herr­schaft, blu­ti­gen Klein­krie­gen nach der erreich­ten Unab­hän­gig­keit und nicht zuletzt ist es über­füllt mit Volks­glau­ben und Ritua­len, die das Leben der Men­schen über­wie­gend bestim­men. Die Autorin Owuor arbei­tet viel mit der Geschichte Kenias, lässt sie hier und dort mit Rück­bli­cken und Ein­bli­cken in die Erzäh­lung ein­flie­ßen. Und trotz­dem wird den (euro­päi­schen, mög­li­cher­weise wei­ßen) Leser:innen die­ses fremde, wilde, zer­ris­sene Land nicht ver­trau­ter. Bis zum Schluss über­wiegt eine fremde Faszination.

Eine zer­ris­sene Geschichte

Die Geschichte wird nur häpp­chen­weise ser­viert, es wird mit der Zeit gespielt und von Ort zu Ort gesprun­gen. Eben befin­det man sich noch im gegen­wär­ti­gen Wuoth Ogik, dann springt die Geschichte Jahre zurück und Odidi erkun­det mit Ajany eine Höhle, zurück in die Gegen­wart, aber zu einem ganz ande­ren Ort oder einer ganz ande­ren Per­son. Auch die Hand­lung wirkt dadurch zer­ris­sen und nicht sel­ten fällt es schwer, bei den Sprün­gen mit­zu­kom­men und nah an der Erzäh­lung zu blei­ben. Über viele Sei­ten hin­weg braucht es einen Moment der Ori­en­tie­rung, wenn es wie­der einen Wech­sel zum neu begin­nen­den Absatz oder Kapi­tel gibt. Was bleibt, ist die Sprache...

Eine kraft­volle Sprache

Owuor war­tet in „Der Ort, an dem die Reise endet“ mit einer beein­dru­cken­den Sprach­ge­walt auf. Die Autorin, bis­her nur für ihre Kurz­ge­schich­ten bekannt, bleibt beson­ders zu Anfang in einem Stil, der für kurze, kna­ckige Geschich­ten geeig­ne­ter scheint, als für einen 500 Sei­ten Wäl­zer. Über die ers­ten 100 Sei­ten trägt die künst­le­ri­sche Spra­che mit ihrer Bild­lich­keit, ihrem Tempo und ihrer Eigen­wil­lig­keit über die schwer zu ver­fol­gende Geschichte hin­weg. Danach wird der Text flie­ßen­der, die Spra­che gewohn­ter und die Neu­gierde, der nun bes­ser zu erschlie­ßen­den Geschichte fol­gen zu wol­len, über­nimmt. Und manch­mal fragt man sich doch, ob die schein­bare Zusam­men­hang­lo­sig­keit man­cher Absätze wahl­lo­ser Ein­schub oder doch (schwer erkenn­ba­res) Genie ist. Viel­leicht erge­ben sich man­che Zusam­men­hänge auch erst beim zwei­ten Lesen. Oder beim dritten.

Fazit

Die sprach­ge­wal­tige Stärke der 1968 gebo­re­nen Owuor ist zugleich auch ihre Schwä­che. Der eigen­wil­lige Stil der Autorin dürfte über Kurz­ge­schich­ten hin­weg schlicht bril­lant wir­ken. Bei einem Umfang wie bei die­sem Roman braucht es jedoch einen kon­zen­trier­ten Leser, der bereit ist, sich nicht nur in die Geschichte fal­len zu las­sen, son­dern statt­des­sen gedank­lich mit­zu­ar­bei­ten. Dann jedoch wird er mit einem fas­zi­nie­rend erzähl­ten Ein­blick in eine kenia­ni­sche Geschichte belohnt.

Der Ort, an dem die Reise endet. Yvonne Adhiambo Owuor. Über­set­zung: Simone Jakob. Dumont. 2016.

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2 comments

wortsonate 29. März 2016 - 16:03

Auch wenn einige Sätze zu wuch­tig sind, und ihre Erfah­rung mehr auf Kurz­ge­schich­ten beruht, mag ich gerade die jün­ge­ren afri­ka­ni­schen Autorin­nen. Ken­nen­ge­lernt habe ich die afri­ka­ni­sche Lite­ra­tur, bei einem Fernkurs_Literatur.

Reply
Seitenkünstler Aaron 30. März 2016 - 16:31

@Wortsonate: Wenn Du möch­test, emp­fiehl uns gern Werke von den erwähn­ten jün­ge­ren afri­ka­ni­schen Autorinnen!

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