„Wenn unsere Welt zerspringt“

by Satzhüterin Pia

Die fran­zö­si­sche Schrift­stel­le­rin Samira Sedira erzählt in ihrem Roman „Wenn unsere Welt zer­springt“ eine Geschichte nach wah­rer Bege­ben­heit – so kurz und fes­selnd, dass Satz­hü­te­rin Pia den schma­len Roman an einem Tag ver­schlun­gen hat.

Cover Wenn unsere Welt zerspringtDie Geschichte spielt in Frank­reich, in Car­mac, einem abge­le­ge­nen Dorf in den Ber­gen. Als Aus­gangs­lage dient eine Gerichts­ver­hand­lung: Eine zuge­zo­gene, fünf­köp­fige Fami­lie wurde im Dorf bru­tal ermor­det … von Annas Mann Con­stant. Die Ich-Erzäh­le­rin spricht ihren Mann an, ver­sucht zu ergrün­den, was gesche­hen ist.

„Du hiel­test den Kopf gesenkt, wie jemand, der gegen star­ken Wind ankämpft“ (S. 48)

Über Rück­bli­cke wird von der Zeit vor dem Mord erzählt, und auch von eini­gen frü­he­ren Gescheh­nis­sen. Der zeit­li­che Ablauf ist dabei immer nach­voll­zieh­bar, die Beweg­gründe Con­stants hin­ge­gen … nun ja. Die äußer­li­chen und inner­li­chen Impulse, die Con­stant zu die­ser Tat getrie­ben haben mögen, hel­fen dabei, über mög­li­che Beweg­gründe nach­zu­den­ken, ohne ein abschlie­ßen­des Ergeb­nis zu prä­sen­tie­ren. Was könnte es auch recht­fer­ti­gen, ein Ehe­paar und ihre drei Kin­der zu töten?

Anna selbst ist trotz der erzähl­stim­men­be­ding­ten Innen­sicht eher sach­lich und unnah­bar. Sie berich­tet fast wie eine Unbe­tei­ligte. Daran ändern auch per­sön­li­chere Worte kaum etwas – der Text liest sich manch­mal wie im Schock geschrie­ben. Denn auch die Rück­bli­cke wer­den aus der zeit­li­chen Per­spek­tive her­aus erzählt, als der Mord bereits gesche­hen war und die Gerichts­ver­hand­lung in vol­lem Gange ist, Anna also nicht mehr neu­tral berich­ten kann.

„Affaire Flac­tif“

Grund­lage für den Roman ist ein Kri­mi­nal­fall aus dem Jahr 2003, die „Affaire Flac­tif“, in der die fünf­köp­fige Fami­lie Flac­tif aus schein­bar bana­lem Grund, näm­lich Neid, von einem Mann ermor­det wurde. Sedi­ras Roman erzählt die Geschichte nicht eins zu eins nach, nimmt sie aber als Aus­gangs­lage und trans­por­tiert sie leicht ver­än­dert ins Jahr 2015 – das Jahr der Pari­ser Anschläge. Anders als bei den Ermitt­lun­gen und Bericht­erstat­tun­gen von 2003, ver­sucht sie über die Erzäh­le­rin Anna auch die ras­sis­ti­schen Motive und den Klas­sen­kon­flikt her­aus­zu­ar­bei­ten. Die im Roman ermor­dete Fami­lie Lan­g­lois ist näm­lich, wie auch die reale Fami­lie Flac­tif, Schwarz, bezie­hungs­weise der Vater Bakary sowie die drei bira­cial Kinder.

„Je mehr Kon­takt du zu ihm hat­test, umso uner­gründ­li­cher wurde er tat­säch­lich für dich. Er war immer zugleich die eine Sache und ihr Gegen­teil. Als wären zahl­rei­che Pla­ne­ten auf ein­mal hef­tig auf­ein­an­der­ge­prallt, doch statt dass sie aus­ein­an­der­ge­bro­chen wären, hat­ten sie fusio­niert.“ (S. 88)

Sprach­lich ist der Roman eher unauf­ge­regt, man fliegt durch die Sei­ten, die inhalt­lich umso bri­san­ter sind. Aus zwei Grün­den wäre eine Trig­ger­war­nung vorab wün­schens­wert gewe­sen: Zum einen wegen der aus­ge­spro­chen detail­lier­ten Schil­de­rung der Gewalt- und Tötungs­hand­lung durch Con­stant im Gerichts­ver­fah­ren, zum ande­ren wegen der Repro­duk­tion ras­sis­ti­scher Spra­che. Dies hätte aus mei­ner Sicht sen­si­bler gestal­tet wer­den kön­nen: Allein das N‑Wort hätte in die­ser Kurz­form geschrie­ben wer­den kön­nen, statt es aus­zu­schrei­ben. Wie dies im Fran­zö­si­schen gehand­habt wird, kann ich nicht sagen, even­tu­ell ist es also der Über­set­zung anzukreiden.

Umkeh­rung ras­sis­ti­scher Strukturen

Ras­sis­mus ist ein im Roman eher sub­til behan­del­tes Thema. Es gibt zwar expli­zite ras­sis­tisch moti­vierte Sze­nen und ras­sis­ti­sche Grund­an­nah­men schei­nen für die Tat min­des­tens teil­weise eine Rolle gespielt zu haben, aber es ist (schein­bar?) nicht der Haupt­grund. Dass Con­stant am Ende so bru­tal gehan­delt hat, dürfte durch grund­le­gende ras­sis­ti­sche Ansich­ten jedoch über­haupt erst „ermög­licht“ wor­den sein. Ver­stärkt wird die­ser Ein­druck durch ver­schie­dene Umkeh­run­gen übli­cher (ras­sis­ti­scher) Struk­tu­ren: Die weiße Frau (Anna) arbei­tet für den Schwar­zen Mann (Bakary); die­ser ist mäch­tig und reich, wäh­rend der weiße Mann (Con­stant) bei­nahe unter­wür­fig wirkt; das spä­tere Opfer (Bakary) hat den spä­te­ren Mör­der (Con­stant) betro­gen, also ist das Opfer auch ein Betrü­ger und der Mör­der auch ein Opfer.

„Bei den Lan­g­lois aß man umge­ben vom Duft des Papiers. Die beein­dru­ckende Anzahl der Werke impo­nierte dir, der du kein gro­ßer Leser warst, und eines Tages wag­test du es end­lich, ihn zu fra­gen, ob er denn alle gele­sen habe, wor­auf­hin er schal­lend lachte und ant­wor­tete, dass er nicht wisse, wes­halb man Bücher bei sich haben sollte, wenn man sie dort nur ein­stau­ben lasse.“ (S. 86)

Anna ist ein­deu­tig die Sym­pa­thie­trä­ge­rin im Roman. Die Figu­ren sind in ihrer Zahl über­schau­bar, aber auch in ihrer Kom­ple­xi­tät. Ein wenig erfah­ren wir über die getö­te­ten Erwach­se­nen, zu ihren Kin­dern jedoch fast nichts. Das, was man erfährt, reicht schon, um den Schre­cken über eine sol­che Tat deut­lich und fühl­bar zu machen, mehr wäre kaum aus­zu­hal­ten. Als sym­pa­thisch wird die ermor­dete Fami­lie aber nicht geschildert.

Eben­falls blass blei­ben die Freunde von Con­stant, Anna und der Fami­lie Lan­g­lois – Neben­fi­gu­ren wie Simon. Auch Anna selbst ist uns trotz der bio­gra­fi­schen Sta­tio­nen ten­den­zi­ell unbe­kannt – am Ende habe ich nur eine vage Vor­stel­lung von ihr (viel­leicht auch des­halb, weil ihr nie opti­sche Merk­male zuge­schrie­ben wer­den). Durch ihre Posi­tion als unver­schul­det Betei­ligte hat sie jedoch einen span­nen­den Blick­win­kel auf das Gesche­hen und das Gefühl des Schocks und des Unver­ständ­nis­ses lässt sich gut auf uns Leser:innen über­tra­gen. Denn der Fokus liegt klar auf Con­stant, der als Fünf­fach­mör­der auf ewig ein Rät­sel bleibt.

Samira Sedi­ras Roman „Wenn unsere Welt zer­springt“ ist auf­wüh­lend und fes­selnd, er ist kurz und dicht, tief­grün­dig, aber sub­til – und er regt dazu an, wei­ter über die Motive und das Gesche­hene nach­zu­den­ken. Ganz ähn­lich wie die Erzäh­le­rin Anna ver­ste­hen wir als Leser:innen nicht, was hier eigent­lich pas­siert ist … wie so etwas gesche­hen konnte. Es ist keine leichte „Zwi­schen­durch­lek­türe“, obwohl man nur so durch die Sei­ten fliegt. Aus mei­ner Sicht hätte dem Buch eine Trig­ger­war­nung vor­weg gestellt wer­den müssen.

Trig­ger­war­nung: Expli­zite Beschrei­bung von Gewalt- und Tötungs­hand­lung, Repro­duk­tion ras­sis­ti­scher Sprache

Wenn unsere Welt zer­springt. Samira Sedira. Über­set­zung: Alex­an­dra Baisch. Piper. 2022.

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