Wenn der Postbote dreimal klingelt

Ich besu­che meine Fami­lie am Wochen­ende (die etwas wei­ter weg wohnt), und vor­aus­schau­end wie ich bin, lasse ich mir auch gleich meine Bücher­be­stel­lung dort­hin lie­fern, da ich unter mei­ner eige­nen Adresse nicht erreich­bar sein werde. Ich erwarte sehn­süch­tig den zwei­ten Band einer Reihe, denn ich will schließ­lich naht­los wei­ter­le­sen können.

Nor­ma­ler­weise kommt der Post­bote so zwi­schen zwölf und eins bei mei­ner Mut­ter vor­bei. Er ist immer pünkt­lich – man könnte fast schon von Tra­di­tion spre­chen, wie es auf dem Dorf so üblich ist. So setze ich auch an die­sem Tag auf seine Zuver­läs­sig­keit, um meine Beute mit auf die Zug­fahrt zurück­neh­men zu kön­nen und auch bei mei­ner Fami­lie auf dem Sofa schon etwas zu schmö­kern. Eupho­risch warte ich auf das Klin­geln, bereite mich see­lisch dar­auf vor, meine Unter­schrift zu set­zen und dem Boten das Päck­chen aus der Hand zu reißen.

Bei jedem Moto­ren­ge­räusch, das ich in Nähe der Haus­tür ver­nehme, laufe ich zum Fens­ter und spähe auf­fäl­lig unauf­fäl­lig hin­ter der Gar­dine her­vor. Mist, wie­der nur die Nach­barn, die von ihrem Wochen­end­ein­kauf nach Hause kom­men. Ner­vös sitze ich auf dem Sofa. Viel­leicht hätte ich mir die Bestel­lung doch lie­ber direkt zu mir ohne Umwege nach Hause schi­cken las­sen sol­len? Was, wenn mein genia­ler Plan nicht auf­ge­hen sollte? Dann müsste ich bis zum nächs­ten Wochen­end­be­such bei mei­ner Fami­lie war­ten, bis ich mei­nen Schatz end­lich mit­neh­men könnte; vor­bei und aus­ge­träumt; zer­platzt die Sei­fen­blase mit dem Traum vom naht­lo­sen Über­gang … Nein, das darf nicht sein, er wird schon kom­men, denke ich mir, – ganz sicher! Zuver­sicht keimt in mir auf.

Da – wie­der ein fah­ren­des Auto, und wie­der laufe ich zum Fens­ter. Hmm, wohl doch nur ein­ge­bil­det. Ganz ruhig, durch­at­men, es ist ja erst eins.
Es wird zwei. Zwei­fel nagen an mir.
Es wird halb drei. Ich fange an zu schwitzen.
Es wird drei. Mein Herz hämmert.
Ich höre gna­den­los die Uhr: Tick tack tick tack.
Wie lange arbei­ten Post­bo­ten an einem Sams­tag eigentlich?
Er wird mich doch nicht ver­ges­sen haben?
Viel­leicht ist das Paket unter­wegs ver­lo­ren gegangen?
Wei­tere Hor­ror­sze­na­rien blit­zen auf.
Ich logge mich im Fünf­mi­nu­ten­takt auf mei­nem Mail­ac­count ein. Nein, jeg­li­che Zwei­fel aus­ge­schlos­sen: Der Online­bü­cher­ver­sand kün­digt die Lie­fe­rung für heute an.
Wo bleibt er denn bloß?
Streikt die Post?
Tick tack tick tack.
Wie­der am Fens­ter hin­ter der Gar­dine, jetzt laufe ich schon ohne jeg­li­ches Anzei­chen dort­hin. Bleib ruhig Kath­rin, sage ich mir, in der Lie­fe­rungs­be­nach­rich­ti­gung von DHL hatte der kleine abge­bil­dete Post­bote das Paket doch schon in der Hand …
Tick tack tick tack.
Es wird vier. Ver­dammt noch­mal, lang­sam will meine Ver­zweif­lung in Wut umschlagen.
Da – meine Mama ruft, jetzt steht aber wirk­lich ein Fahr­zeug auf unse­rer Auffahrt.
Ich rase vom Fens­ter über den Flur. Ich hüpfe auf der Stelle, beiße mir in die Faust, um mein Krei­schen zu unterdrücken.
Ich plat­ziere mich hin­ter der Haus­tür, meine Hand schwebt über der Klinke.
Tick tack tick tack. Wie lange braucht er denn um Him­mels wil­len für die fünf Schritte?!
Es klin­gelt – endlich.
Ich warte und zähle lang­sam bis 10 – der Post­bote soll schließ­lich nicht mer­ken, dass ich mei­nen gan­zen Tag mit War­ten ver­bracht habe. Tzzz, das wäre ja lächerlich!

Ich atme tief durch und fokus­siere mich. Betont läs­sig öffne ich die Tür, um ihn nicht noch ein vier­tes Mal klin­geln zu las­sen, und begrüße ihn mit einem noch coo­le­ren Hallo. Dann setze ich meine Unter­schrift auf das elek­tro­ni­sche Dings und nehme ihm beherrscht das Päck­chen ab – man könnte fast sagen: lei­den­schafts­los. Doch das ist alles nur Fas­sade. Sou­ve­rän spiele ich meine Rolle. Tschüss, sage ich mit einem Lächeln und schließe gemäch­lich die Haustür.

Aaaaah, ich springe kurz auf der Stelle, wirble herum und renne dann mit dem Paket ins Wohn­zim­mer, wo ich den Papp­kar­ton aus­ein­an­der­fetze, um an das hei­lige Gut zu kom­men. Ich schnappe mir eine Decke, schlage behut­sam das Buch auf und fange an zu lesen.

Ach, ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!

Bücher­städ­te­rin Kathrin
Bild: CBS, „Old Mail­box“, piqs​.de

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3 comments

Maike 12. Mai 2016 - 14:09

Sehr schön! Ja, das kenne ich auch, und die armen Post­men­schen wis­sen gar nicht, warum ich so mys­te­riös grinse (ob die sich über­haupt noch wun­dern, was Leute so bestel­len?). Und manch­mal erwarte ich nicht mal Bücher­sen­dun­gen, son­dern werde kom­plett über­rascht. Man stelle sich meine Reak­tion vor, wie ich ver­wirrt auf dem Unter­schreib­sel­dings unter­schreibe, wäh­rend ich begreife, dass das Paket, das nun im Flur an der Wand lehnt, Bücher­größe hat.

Reply
Kathrin 22. Mai 2016 - 19:37

Bücher­größe ist immer super 😀 Mich würde auch mal die Sicht des Post­bo­ten interessieren 😉

Reply
Buchstaplerin Maike 23. Mai 2016 - 17:57

Ich glaube fast, die Post­bring­men­schen wun­dern sich über gar nichts mehr, in Zei­ten, in denem man so gut wie alles online bestel­len kann xD
Aber manch­mal stelle ich mir vor, der Post­bote würde sich vor­stel­len, ich hätte eine geheime Biblio­thek, in der nur coole Men­schen Mit­glied wer­den dürfen.

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