Wehre dich, denn „Bitches bite back“

by Satzhüterin Pia

Nach­dem die 18-jäh­rige Izzy O’Neill in das Zen­trum eines poli­ti­schen Sex­skan­dals gera­ten und Opfer von Rache­porno, Sluts­ha­ming und Vic­tim bla­ming gewor­den ist („Speak up“, Laura Ste­ven), sind zwei Monate ver­gan­gen. Als schließ­lich ein ande­res Mäd­chen ihrer Schule ganz Ähn­li­ches erfah­ren muss, möchte sie ihre hilf­lose Wut in Ener­gie umwan­deln: Bit­ches bite back. – Von Satz­hü­te­rin Pia

Die laute, oft­mals über­zo­gen-wit­zige Art der High­school­schü­le­rin Izzy hat einen Dämp­fer bekom­men. Ihr Leben hat sich nach dem Skan­dal um ein gele­ak­tes Foto von ihr mit einem Sena­to­ren-Sohn beim Sex auf einer Gar­ten­bank sowie einer Nackt­auf­nahme, die sie an ihn geschickt hatte, nahezu kom­plett ver­än­dert. Noch immer leben sie und ihre Groß­mutter in Armut, aber sie hat nicht nur ihren bes­ten Freund seit Kin­der­ta­gen ver­lo­ren, mit Meg eine neue Freun­din gefun­den und mit Car­son einen fes­ten Freund, son­dern vor allem hat ihr uner­schüt­ter­li­ches Selbst­ver­trauen einen gro­ßen Dämp­fer bekom­men. Die lus­tige Maske, die sie sich ange­legt hat, hat Risse bekom­men und Izzy, die nie­mals Gefühle zei­gen konnte, ist nun zumin­dest nicht mehr immer für sar­kas­ti­sche und vor­laute Kom­men­tare zu haben.

„Aber im Ernst, es kommt mir vor, als würde mir ein Spie­gel vor mein eige­nes Beneh­men vor­ge­hal­ten. Anders als beim Blick in einen ech­ten Spie­gel gefällt mir nicht, was ich da sehe. Kom­men andere Leute sich so vor, wenn sie mit mir reden? Wenn ich dau­ernd Witze reiße, anstatt mich rich­tig auf Gesprä­che ein­zu­las­sen? Denn es ist ver­dammt ner­vig.“ (S. 115)

Ihren Mut hat Izzy nicht gänz­lich ver­lo­ren, denn es gibt Hoff­nung: Die Web­site „Bit­ches bite back“, die sie mit ihren Freun­din­nen Ajita und Meg am Ende von Band 1 gegrün­det hatte, ist inzwi­schen sehr erfolg­reich und nach­dem das Sexvi­deo eines ande­ren Mäd­chens an ihrer Schule ver­öf­fent­licht wurde, möchte Izzy nicht mehr nur für sich kämp­fen, son­dern beson­ders für Hazel und alle ande­ren Mäd­chen, denen es in der Zukunft noch so erge­hen könnte. Wäh­rend Revenge Porn in den meis­ten ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten ver­bo­ten ist, gibt es in ihrem eige­nen Bun­des­staat kein Gesetz dage­gen. Ajita, Meg und sie möch­ten dies ändern und eine wirk­li­che Ver­än­de­rung bewir­ken. Als wäre die­ses Vor­ha­ben nicht schon her­aus­for­dernd genug, wird Izzy gezwun­gen, sich ihrer Ver­letzt­heit, der Angst und Scham zu stellen.

„Wenn ich alles sein lasse, dann lasse ich jeden im Stich. Dann gebe ich der Welt nach, dem Patri­ar­chat, Ted Vaug­han und Danny und jedem ande­ren ein­ge­bil­de­ten Arsch­loch da drau­ßen. Aber wenn ich durch­halte, wird es fürch­ter­lich. Es könnte all meine Hoff­nun­gen begra­ben, die ich für meine Zukunft habe.“ (S. 248)

Bitches Bite Back CoverDie Ent­wick­lung der Prot­ago­nis­tin ist wäh­rend des Buches, aber beson­ders im Ver­gleich zum ers­ten Band, deut­lich zu spü­ren. Immer wie­der wird sie von Gefüh­len und Ängs­ten über­wäl­tigt, hat selbst Pro­bleme damit, sich im Spie­gel nackt zu betrach­ten. Die Ziele der Bit­ches-bite-back-Bewe­gung zer­ren die Inhalte des Skan­dals wie­der her­vor und erschwe­ren es Izzy, all das zu über­win­den und Ver­let­zun­gen hei­len zu las­sen. Dass genau dies Teil der Hei­lung wer­den muss, näm­lich sich zu weh­ren, Unter­stüt­zung zu erfah­ren und einen Schritt zu einer bes­se­ren Welt für junge Frauen in Ame­rika zu machen, offen­bart sich ihr erst nach und nach. Umso mehr darf man ihren Mut bewundern.

Gegen Sexis­mus, Dis­kri­mi­nie­rung und das Patriarchat

Genau wie bereits in „Speak up“ strotzt auch die­ser Band vor wich­ti­gen The­men und diver­sen Figu­ren. Armut, Ras­sis­mus, Sexis­mus, Dis­kri­mi­nie­run­gen und Angst auf­grund von Andro­hun­gen von Gewalt sind nur einige der The­men. Der Fokus bleibt klar beim Thema des Buches, näm­lich Gewalt an jun­gen Frauen auf­grund von Rache­porno, aber die ande­ren ebenso wich­ti­gen The­men wer­den dabei nicht ein­fach aus­ge­blen­det. Die Autorin gibt auch ihnen einen gewis­sen Raum, wie zum Bei­spiel Ras­sis­mus: Car­son hat Angst, bei einer Demons­tra­tion mit­zu­lau­fen – als Schwarze, männ­li­che Per­son. Eine wei­tere Stärke der bei­den Bücher ist es, die Diver­si­tät der Figu­ren als selbst­ver­ständ­lich dar­zu­stel­len (was sie in zu vie­len Lebens­rea­li­tä­ten sicher nicht ist). Es wird jeweils erst zum Thema, wenn es zum Bei­spiel um die Dis­kri­mi­nie­rungs­for­men geht. Ajita, die sich auf­grund der Ableh­nung ihrer Fami­lie nicht offen als les­bisch outen kann (ein Kon­flikt, der lei­der nicht wirk­lich auf­ge­löst wird). Meg, die in ihrem Roll­stuhl wegen des hohen Schnee­auf­kom­mens nicht mit­de­mons­trie­ren kann. Und Izzy, deren gesamte Zukunft auf der Kippe steht, weil sie sich kaum eine neue Zahn­bürste leis­ten kann …

Bitte mehr von Izzy

Trotz ihres jun­gen Alters und all der an den Tag geleg­ten Komik, ist Izzy eine bemer­kens­wert reflek­tierte Figur, die es zum Bei­spiel nicht bei unge­steu­er­ter Wut belässt. Sie kann dem Men­schen, der die ver­hee­rende Web­site gegen sie ins Leben rief, nicht ver­zei­hen, aber auch nicht in blin­dem Hass gegen ihn ver­wei­len. Sie erkennt auch sei­nen Schmerz und wünscht ihm Gene­sung, ohne dabei die Taten oder ihren Scha­den zu rela­ti­vie­ren. Die Ent­wick­lung im Ver­lauf der Geschichte zu betrach­ten, macht neu­gie­rig auf die Per­son, die Izzy ein­mal wer­den dürfte: selbst­be­stimmt, humor­voll, reflek­tiert und durch und durch femi­nis­tisch. Ich würde gerne mehr von ihr lesen.

Am Ende gelingt es Laura Ste­ven mit Izzys Geschichte erneut, die Balance zwi­schen Witze­rei­ßen und Ernst­haf­tig­keit zu fin­den. Obwohl beide Bände leicht zu lesen sind, blei­ben die The­men sehr im Gedächt­nis und durch die ten­den­zi­ell auf­ge­drehte Art der Prot­ago­nis­tin fühlt sich die Lek­türe recht wild an. Die Menge an The­men ist nicht ohne, obwohl die Linie erkenn­bar bleibt. Beson­ders gelun­gen finde ich die Inklu­sion ver­schie­de­ner Lebens­rea­li­tä­ten und die Band­breite an schwe­ren The­men, die viele Gedan­ken­an­stöße und Grund zur eige­nen Reflek­tion bieten.

Emp­feh­len kann ich beide Bände – beson­ders für die Figu­ren­ent­wick­lung –, aber auch für sich gele­sen dürfte die Geschichte in „Bit­ches bite back“ stim­mig zu ver­ste­hen sein.

Bit­ches bite back. Laura Ste­ven. Über­set­zung: Hen­ri­ette Zelt­ner Shane. Droemer HC. 2021.

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