Vom Anfang der Welt bis zu den Ragnarök

by Buchstaplerin Maike

Woher stammt Thors Ham­mer? Was hat es mit dem Met der Dicht­kunst auf sich? Und kommt der lis­tige Loki aus dem Schla­mas­sel her­aus, in den er sich mal wie­der selbst gebracht hat? Buch­stap­le­rin Maike bekommt Ant­wor­ten auf all diese Fra­gen in Neil Gai­m­ans Nach­er­zäh­lung „Nor­di­sche Mythen und Sagen“.

Derb, wit­zig, zeit­los: Neil Gai­man, der seine Erzähl­kunst unter ande­rem schon in „Ame­ri­can Gods“ unter Beweis gestellt hat, wid­met sich dies­mal einem ein­zi­gen Sagen­kreis und drückt ihm sei­nen Stem­pel auf. Seine Nach­er­zäh­lung basiert auf aus­ge­wähl­ten Epi­so­den der Lie­der- und Prosa-Edda.
Wie bei alten Sagen­ge­schich­ten üblich, bauen die ver­sam­mel­ten Geschich­ten nur grob auf­ein­an­der auf. Zwar wird inhalt­lich der Bogen geschickt vom Anfang der Welt bis zu den Ragna­rök, dem Ende der Göt­ter, geschla­gen. Doch eigent­lich ste­hen die Kapi­tel gut für sich allein. Eine Vor­stel­lung der Haupt­fi­gu­ren berei­tet auf die Kapi­tel vor, ein Glos­sar am Ende hilft, den Über­blick über all die Sagen­ge­stal­ten und ‑orte nicht zu verlieren.

„Vor dem Anfang war nichts – keine Erde, keine Winde, keine Sterne, kein Himmel […].“

Die Spra­che ist zeit­los und gut les­bar und die ein­zel­nen Kapi­tel haben für fast jeden Geschmack etwas dabei. Phi­lo­so­phi­sche Pas­sa­gen haben ebenso ihren Platz wie aus­ge­dehnte Kampf­sze­nen. Der­ber Witz wech­selt sich ab mit Ver­rat und Tra­gik. Selbst Lie­bes­ge­schich­ten kom­men zwi­schen all den (manch­mal nicht sehr hel­den­haf­ten) Hel­den­ta­ten der Göt­ter und Men­schen nicht zu kurz.

Schnell wird beim Lesen klar: Gai­man lie­fert ein Buch ab, dem es nicht gerecht wird, im stil­len Käm­mer­lein gele­sen zu wer­den. Vor­ge­le­sen ent­fal­ten sich die Aben­teuer bes­ser und die Figu­ren erhal­ten wie von selbst leben­dige Stim­men. Doch „Nor­di­sche Mythen und Sagen“ ist kein Vor­le­se­buch für jün­gere Kin­der: Einige recht gewalt­same Pas­sa­gen soll­ten dann doch der Vor­auswahl der Erwach­se­nen unter­zo­gen wer­den. Aber ins­ge­samt erzeugt Gai­man die Atmo­sphäre, wie es sein muss, in einem zünf­ti­gen Trink­ge­lage von Nord­män­nern und ‑frauen zu sit­zen und einem Meis­ter­ge­schich­ten­er­zäh­ler zu lau­schen. Nicht sel­ten mel­det sich ein Ich-Erzäh­ler zu Wort, der direkt zu sei­nem Publi­kum spricht.

Trotz des Vor­worts ist oft nicht klar, wo Gai­man sich künst­le­ri­sche Frei­hei­ten her­aus­ge­nom­men hat und wo er sich treu an die Inhalte der alten Erzäh­lun­gen hält. Es schim­mert hin­durch, dass er die Ereig­nisse und Schlach­ten als ein gro­ßes Schach­spiel insze­niert, das immer wie­der von vorn beginnt. Sicher­lich eig­nen sich diese „Nor­di­sche Mythen und Sagen“ als Start­punkt, sich mehr mit den Vor­la­gen zu beschäftigen.

„Ich werde euch erzäh­len, wie alles enden und wie alles von Neuem begin­nen wird.“

Thor und Loki kön­nen es nicht lassen

Buch­stap­le­rin Mai­kes per­sön­li­che Lieb­lings­ge­schichte im Band ist übri­gens „Frey­jas unge­wöhn­li­che Hoch­zeit“. Und unge­wöhn­lich ist sie alle­mal: Thor lässt sich im Schlaf sei­nen mäch­ti­gen Ham­mer vom Rie­sen Thrym steh­len. Nur unter einer Bedin­gung bekommt er ihn zurück: Die Göt­tin Freyja hei­ra­tet Thrym. Sie wei­gert sich – Thor soll sei­nen Feh­ler selbst aus­bü­geln. Ihm bleibt nichts ande­res übrig, als selbst ins Braut­ge­wand zu schlüp­fen. Loki, selbst in der Gestalt einer wun­der­schö­nen Magd, beglei­tet ihn, damit Thrym nicht sofort merkt, wes­sen Mus­keln sich da unter dem Schleier wölben…
Diese Epi­sode ist nicht die ein­zige, die von der Unter­schied­lich­keit der Zieh­brü­der lebt: Der kampf­starke, aber nicht beson­ders schlaue Thor und der lis­tige Loki, des­sen Pläne aber stän­dig nach hin­ten los­ge­hen, tra­gen gemein­sam einen Groß­teil des Buches.

Nicht erst seit Mar­vel sind Odin, Loki und Thor ver­schla­gene Hel­den. Neil Gai­m­ans Nach­er­zäh­lun­gen kom­men aber zur rech­ten Zeit und stau­ben die (teils lei­der durch den Natio­nal­so­zia­lis­mus in Ver­ruf gebrach­ten und instru­men­ta­li­sier­ten) Sagen ab. Er lädt dazu ein, sie ein­fach wie­der als Geschich­ten zu genie­ßen – allein oder bes­ser noch in Gesell­schaft. Met ist nicht zwin­gend erforderlich.

Nor­di­sche Mythen und Sagen. Neil Gai­man. Über­set­zung: André Mumot. Eich­born. 2017.

Von Göt­tern, Mün­zen und gespreng­ten Schubladen

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