Unter dem Mistelzweig (Teil 1) Ein RAC Weihnachts-Special in vier Teilen | #litadvent

by Bücherstadt Kurier

Was bis­her geschah ...
Vor etwa einem hal­ben Jahr schloss sich Marian der Riege Außer­ge­wöhn­li­cher Cha­rak­tere, kurz RAC, an. Die Riege ist eine Gruppe von Élite-Cos­play­ern, die es sich zur Auf­gabe gemacht haben, einige Comic-Cha­rak­tere rea­lis­tisch in ihre Welt zu brin­gen. Letz­ten Monat musste Marian in einer Prü­fung unter Beweis stel­len, ob er dem Man­tel des „Jokers“ wür­dig war. Dies wurde ihm nicht nur durch zwei andere Cos­player erschwert, auch Kom­mis­sar Darius Kolb war schnel­ler als gedacht vor Ort, denn er hatte von sei­nem Nef­fen Moritz, Mari­ans Part­ner, den ent­schei­den­den Hin­weis und damit Hilfe bei Mari­ans Fest­nahme bekommen.

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Marian sah noch ein­mal auf sein Tele­fon, als er vor der gro­ßen Dop­pel­tür der Käs­sach-Villa stand. Noch immer keine Nach­richt von Momo. Die Ein­la­dung war mit Part­ner gewe­sen und noch war das Momo. Marian hatte ihn ange­fleht mit­zu­kom­men, ihrer Bezie­hung neues Ver­trauen zu geben, indem Momo seine Welt ken­nen­lernte und ver­stand, warum er es getan hatte. Seit Mari­ans Fest­nahme vor einem Monat und dem Frei­spruch mit Bewäh­rungs­auf­lage war ihre Bezie­hung nicht mehr die glei­che wie zuvor. Kleine Ges­ten, die zu ihrem All­tag gehör­ten, waren ver­schwun­den. Anstatt näch­te­lan­ger Gesprä­che herrschte nun Stille zwi­schen ihnen.
Laut hallte klas­si­sche Musik durch das Anwe­sen und es dau­erte nicht lange, bis er gedämpfte Schritte hin­ter den Türen hörte. Kurz dar­auf sprach jemand zu ihm, aber kaum ein Wort war ver­ständ­lich. Marian rollte mit den Augen, seine Gedan­ken husch­ten kurz zu den bei­den Stö­ren­frie­den, die sich ihm bei sei­ner Prü­fung in den Weg gestellt hat­ten, dann schrie er nahezu: „Jules, du weißt genau, dass die Tür zu mas­siv ist für deine Spielchen.“
Schwung­voll öff­ne­ten sich die Tür­flü­gel und vor ihm stand der Sohn des Hau­ses in piek­fei­nem, grü­nem Anzug mit pas­sen­dem Hut, aber ohne die Domi­no­maske, die er nor­ma­ler­weise als Ridd­ler trug. „Bevor du ein­tre­ten darfst, musst du erst ein Rät­sel lösen: Für Ver­liebte eine Aus­rede, für Drui­den eine Zutat, für Vögel ein Nest. Was bin ich?
Erwar­tungs­voll sah er auf Marian herab.
„Ich hoffe, ihr habt keine auf­ge­hängt, dafür bin ich echt nicht in der Stimmung.“
„Nope, jeg­li­che Ver­su­che wur­den unter­mau­ert.“ Julius seufzte und trat zur Seite, sodass Marian ein­tre­ten konnte.
Neu­gie­rig sah Marian sich um, als er den Flur betrat. Wirkte das Haus von außen eher alt, so glänzte es innen mini­ma­lis­tisch und modern, auch wenn die aus­schwei­fende Weih­nachts­de­ko­ra­tion viele Schätze über­deckte. Gir­lan­den aus Papier­schnee­flo­cken und Tan­nen­grün schmück­ten die Wände. Direkt vor ihm erstreckte sich das offene Wohn­zim­mer, an des­sen Ende Kunst­schnee­bil­der auf die große Fens­ter­front zum Gar­ten auf­ge­sprüht waren. Um einen nied­ri­gen Tisch ver­teilt stan­den Sofas, Ses­sel und Sitz­sä­cke. Rechts davon stand ein gro­ßer Weih­nachts­baum, des­sen Lich­ter­kette noch halb her­un­ter­hing und um den herum Kar­tons vol­ler Schmuck stan­den. Vik­tor nutzte seine beacht­li­che Größe, um eine Kerze auf einem der obe­ren Äste zu befes­ti­gen. Eine junge Frau mit lose gewi­ckel­tem Kopf­tuch, die ihm kaum bis zu den Schul­tern reichte, gab ihm dabei Anwei­sun­gen. Es roch nach Punsch, Oran­gen und Nüs­sen und leise Sai­ten­klänge ertön­ten aus der Rich­tung eines der Sitz­sä­cke, in dem ein dun­kel­häu­ti­ger jun­ger Mann saß und auf einer Uku­lele zupfte.
„Marian!“, zog Loki schließ­lich die Auf­merk­sam­keit auf sich, als er sich ihm von links näherte und ihn freund­schaft­lich drückte.
„Momo wollte doch nicht kom­men?“, fragte er vor­sich­tig und Marian sah betre­ten zur Seite.
„Er heißt wirk­lich Momo?“, fragte die Kopf­tuch­trä­ge­rin amü­siert. „So wie das kleine Mäd­chen aus Michael Endes Buch?“
„Eigent­lich Moritz, aber nach­dem wir Ava­tar gese­hen haben, ist das irgend­wie hän­gen geblie­ben”, erklärte Marian und ein Stich durch­fuhr seine Brust, als er an die Stun­den dachte, die sie mit der Serie ver­bracht hatten.
„Was hältst du eigent­lich von den blauen Din­gern?“, fragte Vik­tor skeptisch.
„Poca­hon­tas im All?“, ent­geg­nete Marian und ern­tete sogleich ein brei­tes Grin­sen und eine in die Luft gesto­ßene Faust als Reaktion.
„Vik­tooor! Kannst du es nicht ein Mal las­sen!“, jam­merte Julius, der sich an ihnen vor­bei schob und seit­lich auf einen Ses­sel plump­sen ließ.
„Die­ser Film hat den gan­zen Rum­mel nicht ver­dient“, begrün­dete die­ser nur stur und wid­mete sich wie­der der Lichterkette.
Loki schnaubte belus­tigt, bevor er fragte: „Brauchst du noch ne Vorstellungsrunde?“
Marian zuckte mit den Schul­tern. Ihm war zwar von den Heroes erzählt wor­den, aber außer Julius’ Schwes­ter hatte er noch nie­man­den von ihnen kennengelernt.
„Okay. Diese junge Dame hier ist Alisa oder auch Miss Mar­vel.“ Sie winkte kurz, bevor auch sie sich wie­der dem Weih­nachts­baum widmete.
„Das da hin­ten ist Tony, aber er hört auch auf Miles.“ Als Reak­tion gab er ein Pling, pling, pliii­ing aus der Uku­lele von sich. „Lei­der wei­gert er sich stand­haft, ver­nünf­tige Musik mit sei­nem Lieb­lings­in­stru­ment zu spielen.“
„Metal auf der Uku­lele klingt scheiße!“, erwi­derte Miles in einem Ton­fall, der deut­lich Ableh­nung zeigte. Es war also nicht das erste Mal, dass er die­sen Vor­wurf widerlegte.
„Gar nicht, schau dir end­lich die Videos an, die ich dir geschickt hab!“
Anstatt wei­ter dar­auf ein­zu­ge­hen, spielte Miles Jingle Bells an.
Gerade als Loki zu einer Erwi­de­rung ansetzte, unter­brach ihn ein auf­ge­reg­tes: „Ey, Pups­ge­sicht, hol den Erste Hilfe Kas­ten!“ Juliane kam aus der Tür zu sei­ner Linken.
„Was ist pas­siert?“ Julius sprang auf.
Im Hin­ter­grund hörte Marian Jackie laut fluchen.
„Nur ein klei­ner Schnitt“, beru­higte Juliane die anderen.
Wenig spä­ter kam Julius mit dem Ver­bands­zeug zurück. „Hier!“
„Julius’ Zwil­lings­schwes­ter kennst du ja“, kom­men­tierte Loki den Aus­tausch zwi­schen den bei­den wie eine Natur­doku. „Es sind Momente wie diese, in denen ich froh bin, Ein­zel­kind zu sein.“
„Amen!“, stimmte Vik­tor ihm von der Seite zu.
„Setz dich“, bot Loki an und Marian ging zu einem der Sofas. Von hier aus konnte er gut auf den weit­läu­fi­gen Gar­ten sehen, der sich zwi­schen den Sei­ten­flü­geln der Villa erstreckte. Ein Spring­brun­nen stand mit­tig und war von klei­nen Solar­lam­pen beleuch­tet, um ihn herum waren feine Licht­netze über den Büschen drapiert.
„Es ist immer wie­der cool hier“, bemerkte Marian.
„Das kommt mit dem Leben eines Mul­ti­mil­lio­närs.“ Miles klang alles andere als begeistert.
Alisa meinte dar­auf­hin: „Das haben sich die Käs­sachs hart erar­bei­tet und die Villa haben sie vor fünf­zehn Jah­ren zu einem Spott­preis gekauft, weil sie bau­fäl­lig war und abge­ris­sen wer­den sollte.“
„Nur weil du für Ker­ber arbei­test, brauchst du die Käs­sachs nicht ver­tei­di­gen“, grum­melte Miles unberührt.
„Ker­ber? Unser Anwalt?“, warf Marian ein. Er dachte kurz an den Mann, der es geschafft hatte, dass seine Prü­fung wäh­rend der Comic­Con als dum­mer Jun­gen­streich ohne Scha­den abge­tan wurde.
„Das ist kein Ver­tei­di­gen, das ist Fakt. Falls du dich erin­nerst, arbeite ich direkt für Herrn Käs­sach“, unter­stützte Loki Ali­sas Mei­nung. „Und ja, Ker­ber ist der Anwalt der Fami­lie und Ali­sas Chef.“
„Sollte Max nicht auch hier sein oder ist euer Pin­guin schon flügge gewor­den?“, fragte Alisa in die Runde.
Wie sie den Sprung von ihrem Arbeit­ge­ber zu sei­nem Mit­an­wär­ter bei den RAC-Vil­lains machte, ver­stand Marian nicht. Er kannte die Leute aber auch haupt­säch­lich nur bei ihrem Cos­play- oder Vornamen.
„Der hat andere Ver­pflich­tun­gen“, ant­wor­tete Loki spöttisch.
„Er hat ‘n Date mit ‘nem Mädel aus ‘ner Dating-App“, führte Vik­tor genauer aus.
„Oh … Oh!“ Neu­gie­rig horchte Alisa auf. „Es gibt wirk­lich noch Leute, die mit ihm aus­ge­hen wollen?”
„Mehr weiß ich auch nicht“, winkte Vik­tor ab.
„Und das als sein Men­tor, Mr. King Pin“, kom­men­tierte sie neckend.
Vik­tor streckte ihr die Zunge aus. „Ver­mut­lich bes­ser so, so müs­sen wir uns nicht seine hilf­lo­sen Ver­su­che, mit Julius zu flir­ten, antun …“, beschloss Alisa und reichte Vik­tor eine Kugel, da die­ser mit der Kette fer­tig war.
„Was?“, erkun­digte sich Marian, davon hatte Julius ihm noch nichts erzählt.
„Hast du die bei­den noch nie zusam­men erlebt? Max steht sowas von auf Julius, aber Jules begreift das so über­haupt nicht! Das ist so lus­tig!“ Sie beugte sich über die Sofa­lehne neben Marian. „Auch ein biss­chen trau­rig, aber meis­tens lus­tig, wenn er irgend­wel­che dum­men Sprü­che bringt, die Jules ein­fach kom­plett anders auf­fasst.“ Bevor sie noch mehr erzäh­len konnte, schwang die Küchen­tür auf und Julius kam mit einem Tablett vol­ler Tas­sen heraus.
„Die erste Fuhre“, prä­sen­tierte er und begann sie zu ver­tei­len. Alko­hol­freier Punsch für Alisa und Loki, eine heiße Scho­ko­lade für Vik­tor und Punsch für Miles. Bevor er in die Küche zurück­kehrte, nahm er die Bestel­lung von Marian auf. „Mit Schuss?“
„Gern.“ Viel­leicht würde ihm der Alko­hol hel­fen, seine Sor­gen mit Momo für einen Moment zu vergessen.
Kurz dar­auf kam Julius wie­der, gefolgt von sei­ner Schwes­ter und Jackie.
Sie tru­gen Tabletts mit Unmen­gen an Essen. Die Spei­sen wur­den auf den nied­ri­gen Couch­tisch gestellt, wäh­rend alle einen Platz auf einem der Sitz­mö­bel fanden.
„Jackie, das riecht echt mega lecker“, kom­men­tierte Alisa, nach­dem sie ein­mal tief ein­ge­at­met hatte.
„Und alles halal“, erklärte diese stolz und reichte ihr einen Tel­ler und Besteck, damit sie sich etwas neh­men konnte.
„Sei froh, dass wir heute nicht incha­rac­ter sind und ich dir sol­che Net­tig­kei­ten durch­ge­hen lasse“, warf Loki ein, als er sich eine große Por­tion Ente mit Rot­kohl auf den Tel­ler legte.
„Zu gütig.“
„Zählt das eigent­lich schon als Kan­ni­ba­lis­mus, wenn du Ente isst?“, über­legte Marian laut und sah Jackie an, die für ihn merk­wür­dig aus­sah ohne ihre Gundel-Gaukeley-Maske.
„Genau­ge­nom­men ist es Car­toon-Kanon, also von daher.“ Sie zuckte nur mit den Schultern.
„Ah, des­halb heißt es Enten­hau­sen, weil da die Enten hau­sen und von Enten schmau­sen“, teilte Julius seine Erkennt­nis mit und sorgte für Gekicher.
„Ich seh schon, heute kom­men die Witze auch wie­der Schlag auf Schlag“, stellte Alisa fest und nippte unge­rührt an ihrem Punsch.
Vik­tor pflich­tete ihr wort­los bei.

- Fort­set­zung folgt am 14.12.19 -

Text: June Is (@ypical_writer) & Anne Zandt (Poi­Son­PaiN­ter)
Illus­tra­tion: Sei­ten­künst­ler Aaron

Ein CLUE-Bei­trag zum Spe­cial #lit­ad­vent. In die­sem Jahr haben wir vier Clues vor­ge­ge­ben, die in den krea­ti­ven Tex­ten auf­tau­chen soll­ten: Schlag, auf dün­nem Eis, Kak­tus, roter Eimer. Was sich die AutorIn­nen aus­ge­dacht haben, könnt ihr an den Advents-Wochen­en­den hier in der Bücher­stadt erfah­ren. Dazwi­schen erwar­ten euch u.a. Buch- und Film­tipps zur Win­ter- und Advents­zeit und einige span­nende Buch­ver­lo­sun­gen. Hier wer­den alle Bei­träge zum #lit­ad­vent gesam­melt. Wir wün­schen allen eine besinn­li­che, ruhige Advents­zeit und viel Freude beim Lesen!

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