Über das Meer, das Leben, die Sehnsucht … und ein veraltetes Frauenbild

by Satzhüterin Pia

Roxanne Bou­chards Roman „Der dunkle Sog des Mee­res“ ist ein, so könnte man sagen, poe­ti­scher Krimi, der durch­aus einen Sog auf­baut. Letzt­end­lich gibt es aber auch zu viel, über das Satz­hü­te­rin Pia beim Lesen gestol­pert ist.

Eine junge Frau namens Cathe­rine Day kommt in das kleine Fischer­dorf Caplan an der kana­di­schen Küste. Sie ist auf der Suche nach ihrer Mut­ter Marie Garant, die sie nie ken­nen­ge­lernt hat und von der nie­mand wusste, dass sie über­haupt eine Toch­ter hatte. Diese Frau wird auch gefun­den: aller­dings als Lei­che in einem Fischer­netz. Fast zeit­gleich trifft Ser­geant Joa­quín Mora­les ein, der ganz offen­sicht­lich in einer Krise steckt – ein biss­chen Mid­life-Cri­sis, ein biss­chen Unstim­mig­kei­ten in der Ehe und dazu Unsi­cher­hei­ten und Unzu­frie­den­hei­ten hin­sicht­lich sei­nes neuen Zuhau­ses. Er bekommt den Fall zuge­teilt und darf sich von nun an mit den ver­schwie­ge­nen und eigen­bröt­le­ri­schen Ein­hei­mi­schen her­um­schla­gen. Meis­tens steht er sich aber selbst im Weg.

Kon­tur­los

Die undurch­sich­tige Cathe­rine erschließt sich mir nicht so recht, der ver­wirrte Ermitt­ler Mora­les kennt sich selbst nicht mehr und viele Berüh­rungs­punkte unter­ein­an­der haben die bei­den eben­falls nicht. Auch die Neben­fi­gu­ren blei­ben rela­tiv ober­fläch­lich. Nur hier und da gibt es tie­fere Ein­bli­cke, aber selbst der rote Faden des Buches – die tote Marie Garant – bleibt so undurch­sich­tig und immer von ande­ren Men­schen bewer­tet, dass man sie nicht so rich­tig erfas­sen kann. Letzt­end­lich sind bei mir zwei Dinge hän­gen geblie­ben: Sie war schön und sie war ver­rückt. Oder viel­leicht auch nicht, viel­leicht war sie nur stark und selbst­be­stimmt. Und das führt mich zum größ­ten Punkt, der für mich in die­sem Buch so gar nicht funk­tio­niert hat: das Frau­en­bild. Bei­spiele hier­für gibt es viele:

„Eher robust, trotz ihrer Weib­lich­keit und ihres Alters.“ S. 74
(Weib­lich­keit ist nicht robust, son­dern immer schön schwach, riiiichtig.)

„Alles war so wenig fein­sin­nig, so wenig femi­nin, dass es ihm fast weh­tat für sie, diese Marie Garant, die ohne Mann ein­sam auf den Flu­ten des Mee­res her­um­ge­se­gelt war.“ S. 119
(Ohne Mann ist Frau auto­ma­tisch ein­sam und bemit­lei­dens­wert, jupp.)

„Schwer­mut, die berühmte Krise rund um die drei­ßig, Sie ken­nen ja die Frauen …“ S. 135
(Erwischt – die Rezen­sen­tin, 30 Jahre alt und des­we­gen schwermütig.)

„Aber Sie wis­sen ja, wie Frauen so sind. Ste­cken Sie zwei junge, hüb­sche in das­selbe Büro, dann gibt es einen Zicken­krieg.“ S. 136
(Seufz.)

„Wenn er eine Toch­ter hätte, würde er wis­sen wol­len, was sie so machte, mit wem sie sich traf. Jungs konnte man sich selbst über­las­sen.“ S. 154
(I mean: Aus wel­chem Jahr­zehnt hat die Autorin diese Ansich­ten der Figu­ren geholt?)

„Sie sehen ganz schön ernst aus für eine hüb­sche Tou­ris­tin!“ S. 237
(Immer­hin hübsch, das ist wich­tig. Aber bitte mehr lächeln, das ken­nen wir doch schon.)

„[…] Man hasst eine Frau nicht, weil sie Thea­ter macht, alle Frauen machen irgend­wann Thea­ter.“ S. 300
(Und das darf für sich selbst stehen.)

Das ist eine kleine Aus­wahl an Pas­sa­gen, die – wie unschwer zu erken­nen sein dürfte – stark stö­ren kön­nen. Sicher­lich kön­nen ver­ein­zelte Kom­men­tare die­ser Art zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der Figur gehö­ren. Dann soll­ten diese jedoch min­des­tens ent­spre­chend ein­ge­ord­net wer­den. Statt­des­sen streut die Autorin in ihrem Roman aber zahl­lose Aus­sa­gen die­ser Art ein, legt sie ver­schie­de­nen Figu­ren in den Mund und lässt sie als nor­mal ste­hen. Ich jeden­falls möchte kein Buch mehr lesen, in dem eine Frau „schön“ ist, aber irgend­wie auch „ver­rückt“, trotz­dem waren alle Män­ner unsterb­lich in sie ver­liebt, denn sie war ja so schön. Hier ist dies nicht unbe­dingt das vor­der­grün­dige Haupt­mo­tiv, wohl aber der rote Faden, die Ver­bin­dung ver­schie­de­ner Figu­ren, denn Marie Garant stand für all dies. Übri­gens wird sie fast aus­nahms­los mit vol­lem Namen im Buch erwähnt, was ab einem gewis­sen Punkt schon fast wie Satire wirkt.

Mari­time Poesie

Eine große Stärke des Romans und der Grund, warum ich ihn been­det habe, ist der Schreib­stil, bezie­hungs­weise die Beschrei­bung der Land­schaft, des Mee­res und das Ein­fan­gen von Stim­mun­gen. Er ist poe­tisch, vol­ler Meta­phern und Ver­glei­che rund um das Meer. Das funk­tio­niert sehr gut – der Text bekommt etwas Ent­schleu­nig­tes, Tie­fes und vor allem leicht Wogen­des. Die dia­log­las­ti­gen Pas­sa­gen waren dahin­ge­hend ein Bruch, die Per­spek­tiv­wech­sel sind zu plötz­lich und zu häu­fig, die Dia­loge zu lang und einen Hauch zu sehr „stream of con­scious­ness“. Wäh­rend die Kapi­tel von Cathe­rine in der Ich-Per­spek­tive geschrie­ben sind, wird der Rest aus Sicht von Mora­les in der drit­ten Per­son erzählt.

Unzu­frie­den­stel­lend

Am Ende weiß ich nicht, was ich mit der Geschichte machen soll. Wir ler­nen Men­schen ken­nen, mal mehr, mal weni­ger gut, wir beglei­ten sie ein Stück, erfah­ren über die Ver­gan­gen­heit ein biss­chen oder gar nichts und am Ende führt doch alles zu … nichts? Denn erwar­tet habe ich deut­lich mehr Krimi als eine Auf­lö­sung, die der Ermitt­ler auf den letz­ten Sei­ten noch fix prä­sen­tiert, nach­dem er zuvor ziem­lich chao­tisch und inkon­se­quent her­um­er­mit­telt hat. Sehr unzu­frie­den­stel­lend ist zudem, dass die Lösung auch hätte aus­blei­ben kön­nen, sie hat näm­lich kei­ner­lei Kon­se­quenz, nie­mand inter­es­siert sich dafür. Wirk­lich ange­tan war ich nur (und das auch nur teil­weise) von den bei­den ein­zi­gen unab­hän­gi­gen Figu­ren: Cathe­rine und ihre tote Mutter.

Schluss­end­lich passt wohl auch der gesamte Text sich dem mari­ti­men Thema kon­se­quent an: Wir segeln mal hier­hin und mal dort­hin und blei­ben am Ende zurück, wäh­rend die Figu­ren am Hori­zont ver­schwin­den. So ganz hallt dabei aber nichts nach, außer die Bild­haf­tig­keit der mari­ti­men Sze­ne­rie. Und ein pro­ble­ma­ti­sches Frauenbild.

Der dunkle Sog des Mee­res. Roxanne Bou­chard. Über­set­zung: Frank Wei­gand. Atrium. 2021.

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