Traumtagebuch oder Roman übers Erwachsenwerden? Deutscher Buchpreis 2016

by Buchstaplerin Maike

Auf der Lon­g­list des Deut­schen Buch­prei­ses steht in die­sem Jahr das Debüt der jun­gen Schwei­ze­rin Michelle Stein­beck. Allein der Titel „Mein Vater war ein Mann an Land und im Was­ser ein Wal­fisch“ weckt so aller­hand Erwar­tun­gen. Ob es sich lohnt, der Prot­ago­nis­tin Lori­beth auf ihrer sur­rea­len Reise zu fol­gen, klärt Buch­stap­le­rin Maike.

Zuerst sind da Lori­beth und der Kof­fer ihres Vaters, der sich irgend­wann aus dem Staub gemacht hat. Und dann ist da die Kin­der­lei­che, die sie ihm mit dem Kof­fer vor­bei­brin­gen muss. Was klingt, wie eine ernste maka­bre Erzäh­lung, ist in Wahr­heit eine höchst sur­reale Reise. Lori­beth, nicht mehr Kind, aber noch nicht rich­tig erwach­sen, sucht ihren Vater an allen mög­li­chen selt­sa­men Orten und macht Bekannt­schaft mit gro­tes­ken Figu­ren. Und auch ihr „Gepäck“ führt nach wie vor ein Eigenleben …

Ist das ein Roman?

Der Unter­ti­tel ver­rät es: „Mein Vater war ein Mann an Land und im Was­ser ein Wal­fisch“ ist ein Roman. Und wir alle wis­sen instink­tiv, wie ein Roman funk­tio­niert, oder? Doch die­ses Buch stellt auf den Kopf, was wir zu wis­sen glau­ben. Traum­glei­che Sze­nen fol­gen auf­ein­an­der und nicht immer ist klar, was Lori­beth wirk­lich erlebt, und was sie träumt oder in der Erzäh­lung gro­tesk über­formt. Oft wirkt es, als ob sie von einem (Alb-)Traum in den nächs­ten wan­dert. Ganz so, wie es beim Träu­men ist, müs­sen selbst die sur­re­als­ten Erschei­nun­gen oder Hand­lungs­ab­fol­gen nicht logisch erklärt wer­den. Eine Gruppe spre­chen­der Hunde tritt auf? Lori­beth steigt ein­fach in ein Flug­zeug und fliegt los, und vom Flug­zeug geht es direkt in ein Schiff, das aus Kon­ser­ven­do­sen besteht? Eine Künst­ler­gruppe inmit­ten eines ver­fal­le­nen Hau­ses im Meer gewährt ihr Unter­schlupf? Nichts muss hin­ter­fragt wer­den. Auf diese Erzähl­weise muss man sich erst ein­mal einlassen.

„Du bist noch sehr Kind in dir drin“

Lori­beths Erzäh­lung, halb inne­rer Mono­log voll von zyni­schen Beob­ach­tun­gen, lebt von der Beschrei­bung ihrer Umge­bung. Und schön ist das, was sie sieht, nun wirk­lich nicht: „Das Kind glupscht zur Decke hoch, im auf­ge­ris­se­nen Mäul­chen glit­zern die Milch­zähne.“ Oder: „Es riecht nach Koh­ler­auch und ver­we­sen­dem Fleisch. Über den Haus­ein­gän­gen hän­gen gehäu­tete Schafsköpfe.“

Es ist eine bizarre Fas­zi­na­tion auf die ekli­gen Details und den Zer­fall, die sich durch den Roman zieht. Doch in all den Traum­se­quen­zen bleibt die Prot­ago­nis­tin unnah­bar und unbe­hag­lich unvor­her­seh­bar. Etwa ihre Reak­tion auf den Tod des Kin­des ist anders, als man erwar­ten würde, und auch sonst fügt sie sich den Ereig­nis­sen. Immer­hin hat es eine alte Wahr­sa­ge­rin so vor­her­ge­sagt: „Deine Ängste und Zöger­lich­kei­ten, es sind nicht deine … es sind die dei­nes Vaters – steck sie in den Kof­fer und gib sie ihm zurück!“

Wenn Lori­beths Reise für das Erwach­sen­wer­den steht, dann erklärt sich so, warum all ihre Sta­tio­nen und Kon­flikte naht­los und banal inein­an­der über­ge­hen: Weil sie es müs­sen. Weil ihr Erwach­sen­wer­den nicht auf­ge­hal­ten wer­den kann, muss es ein­fach immer wei­ter­ge­hen. Und viel­leicht sind die mär­chen­haf­ten und mythi­schen Begeg­nun­gen nur ein alb­traum­haf­ter Über­zug für ganz reale Ängste.

Schon wie­der Com­ing of Age?

Ob „Mein Vater war ein Mann an Land und im Was­ser ein Wal­fisch“ eine Alle­go­rie auf das Erwach­sen­wer­den ist? Das kann ver­mu­tet wer­den. Klar ist: So einen Roman habe ich noch nie gele­sen. Die Erzähl­weise und die phan­tas­ti­schen, jedoch ver­stö­ren­den Epi­so­den, ste­chen aus den „typi­schen“ Roma­nen her­aus, auch wenn sie sicher nicht jeder Per­son zusagen.

Mein Vater war ein Mann an Land und im Was­ser ein Wal­fisch. Michelle Stein­beck. Lenos Ver­lag. 2016.

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