Tanja Raich im Interview

by Bücherstadt Kurier

„Jesolo“ zeigt die Innen­sicht einer Frau, aber sie zeigt, wohin wir steu­ern, wenn wir nicht auf­be­geh­ren. Und dass wir dort­hin gelan­gen, dass wir nicht stän­dig auf­be­geh­ren müs­sen, das geht alle an.

Im März 2019 hat Tanja Raich ihren Debüt­ro­man „Jesolo“ ver­öf­fent­licht. Im Inter­view hat sie Bücher­städ­te­rin Julia erzählt, warum sie so gerne schreibt, wie die Reak­tio­nen der Lese­rin­nen und Leser auf ihr Erst­lings­werk aus­sa­hen und was für sie ein gutes Buch ausmacht.

BK: Die erste Frage mal zur Auf­lo­cke­rung: Wel­che Bücher lie­gen denn gerade auf Ihrem Nachttisch?

TR: Ich lese so viel wie seit Lan­gem nicht mehr und ver­schlinge ein Buch nach dem ande­ren. Zuletzt habe ich begeis­tert „Frem­des Licht“ von Michael Sta­va­rič gele­sen, gerade jetzt eine fas­zi­nie­rende Lek­türe. Im Moment lese ich „Unor­tho­dox“ von Doro­thea Feld­man und „Das geheime Band zwi­schen Mensch und Natur“ von Peter Wohl­le­ben in der schö­nen Bücher­gilde-Aus­gabe. Es lie­gen noch da: „Ich an mei­ner Seite“ von Bir­git Birn­ba­cher, „Die Infan­tin trägt den Schei­tel links“ von Helena Adler, „Der Gott der klei­nen Dinge“ von Arund­hati Roy und „Der Apfel im Dun­keln“ von Cla­rice Lis­pec­tor. Und dann lie­gen noch wei­tere drei­ßig Bücher auf einem eige­nen Regal bereit, die ich bald lesen möchte und die ich immer wie­der ersetze und neu ordne. Manch­mal greife ich zurück auf Bücher, die schon seit Jah­ren im Regal ste­hen oder kaufe mir ein neues, das ich sofort beginne und zu Ende lese.

BK: Wie sind Sie zum Schrei­ben gekommen?

TR: Durchs Lesen einer­seits und durch die Schule und enga­gierte Leh­re­rIn­nen, die mich ermu­tigt haben.

BK: Was fas­zi­niert Sie am Schreiben?

TR: Jedes Mal setze ich mich hin, mit einer vagen Idee, manch­mal glaube ich, dass ich nichts mehr schrei­ben kann, dass ich gar nichts mehr hin­zu­fü­gen kann und ich den Text ver­wer­fen muss, dann kommt doch noch etwas, ein Satz fügt sich an den nächs­ten und es ent­steht eine Szene, die mir etwas Neues offen­bart, mei­nen Text in eine ganz andere Rich­tung lenkt. Das sind die Momente beim Schrei­ben, die beglü­cken, und die Erfah­rung, die Welt mit ande­ren Augen zu sehen, nach­dem ein Text zu Ende geschrie­ben ist.

BK: Für „Jesolo“ wur­den Sie für den Öster­rei­chi­schen Buch­preis nomi­niert. Steigt damit der Druck für das nächste Buch?

TR: Nein. Beim Schrei­ben geht es ja um etwas voll­kom­men ande­res. Den größ­ten Druck habe ich mir immer schon selbst gemacht. Die Öffent­lich­keit, die ich durch „Jesolo“ erfah­ren habe, war viel­mehr ein Bestär­ken, in dem, was ich tue. Aller­dings ver­lasse ich nun the­ma­tisch so ziem­lich das Feld und bin gespannt, ob „Jesolo“-LeserInnen auf meine tro­pi­sche Insel fol­gen werden.

BK: In einem Inter­view sag­ten Sie: „Frauen mei­ner Genera­tion füh­ren ein freies und unab­hän­gi­ges Leben, bis sie schwan­ger wer­den. Dann wer­den sie von der Gesell­schaft wie­der in ein tra­di­tio­nel­les Rol­len­bild gedrängt.“ Warum den­ken Sie ist das so?

TR: Das hat viel damit zu tun, dass poli­tisch wenig pas­siert ist und Frauen, aber auch Män­nern wenig Mög­lich­kei­ten gege­ben wer­den, aus alten Rol­len­bil­dern aus­zu­bre­chen. Dazu kommt viel Erlern­tes, das sich in die­ser Phase offen­bart, kom­bi­niert mit dem Druck der Gesell­schaft, wie ein Leben aus­zu­se­hen hat, wie Fami­lie gelebt wer­den sollte. Das geht ja noch weit über die Kin­der­pla­nung hin­aus. Das heißt nicht, dass es nicht auch gleich­be­rech­tigte Paare gibt, aber sie sind in der Min­der­heit, und dort­hin zu gelan­gen, ist oft mit vie­len Kämp­fen ver­bun­den. Im Moment ist sicher man­ches im Umbruch, es bedarf aber noch eines wei­ten Weges, der durch kon­ser­va­tive Regie­run­gen (wie dies im Moment in Öster­reich der Fall ist) wei­ter erschwert wird. Die momen­tane Situa­tion offen­bart ja auch wie­der: Frauen sind unter­be­zahlt, arbei­ten aber mehr­heit­lich in den sys­tem­re­le­van­ten Beru­fen und wer­den mit der Kin­der­be­treu­ung allein gelassen.

BK: Was hat Sie dazu bewo­gen, aus­ge­rech­net über so ein Frau­en­thema zu schreiben?

TR: Die Frage zeigt eigent­lich schon das Pro­blem. Es ist kein Frau­en­thema, son­dern geht eben beide an. Des­we­gen sage ich auch, dass es ein Buch über Lebens­ent­schei­dun­gen ist. Lei­der wer­den Bücher wie „Jesolo“ schnell als „Frau­en­bü­cher“ abge­stem­pelt, bei denen Män­ner sagen: „Das hat nichts mit mir zu tun“ oder „Das hab ich schon hin­ter mir“, um sich der The­ma­tik nicht zu stel­len. Das Thema wird dann auch gerne klein­ge­re­det, es ginge schließ­lich „nur“ um eine Schwan­ger­schaft, dabei gibt es kaum etwas, das eine grö­ßere Ver­än­de­rung mit sich bringt. „Jesolo“ zeigt die Innen­sicht einer Frau, aber sie zeigt, wohin wir steu­ern, wenn wir nicht auf­be­geh­ren. Und dass wir dort­hin gelan­gen, dass wir nicht stän­dig auf­be­geh­ren müs­sen, das geht alle an.

BK: Wie haben Ihre Leser auf „Jesolo“ reagiert?

TR: Ich war über­rascht von den vie­len begeis­ter­ten Reak­tio­nen. Das Buch hat in jedem Fall Emo­tio­nen aus­ge­löst. Man­che wur­den wahn­sin­nig dabei, man­che haben wäh­rend der Lek­türe geweint, weil sie selbst in die­ser Situa­tion sind oder sich an die schwie­rige erste Zeit mit Kind erin­nert haben. Ich habe sehr viel Zustim­mung erhal­ten und viele haben mir dafür gedankt, das Thema der Schwan­ger­schaft ein­mal ehr­lich und rea­li­täts­nahe zu beschrei­ben. Über­rascht war ich einer­seits, dass es immer noch als eine Art Tabu­bruch gilt, und ande­rer­seits, dass es einige Frauen gibt, die wenig Ver­ständ­nis für andere Lebens­si­tua­tio­nen auf­brin­gen und nur aus ihrer eige­nen (oft sehr pri­vi­le­gier­ten) Lebens­welt her­aus urteilen.

BK: Neben dem Schrei­ben lei­ten Sie das Lite­ra­tur­pro­gramm des öster­rei­chi­schen Ver­la­ges Kre­mayr & Sche­riau. Sie ken­nen also durch­aus auch die Schwie­rig­kei­ten der Lite­ra­tur­bran­che, wis­sen, was sich gut ver­kauft und was nicht. Beglei­tet Sie das beim Schrei­ben Ihrer Bücher?

TR: Nein, beim Schrei­ben nicht. Ich kann auch nicht wirk­lich steu­ern, wor­über ich schrei­ben möchte und was sich womög­lich ver­kau­fen könnte. Lite­ra­ri­sches Schrei­ben ist zumin­dest für mich ein selt­sa­mer Pro­zess, über den ich wenig Kon­trolle habe.

BK: Wie ent­schei­den Sie im Ver­lag, was ins Pro­gramm genom­men wird?

TR: Über die Spra­che. Über­zeugt mich ein Manu­skript, tut es das ab dem ers­ten Satz. Für das Pro­gramm bei Kre­mayr & Sche­riau habe ich mir vor­ge­nom­men, Texte von AutorIn­nen zu ver­le­gen, die eine eigene Stimme haben, einen unge­wöhn­li­chen Blick auf die Welt wer­fen. Mein Ziel ist es, immer wie­der zu über­ra­schen, mit neuen Per­spek­ti­ven und For­men des Erzählens.

BK: Sie sind ja auch für das Lek­to­rat bei Kre­mayr & Sche­riau zustän­dig. Wie ver­tra­gen sich die bei­den Posi­tio­nen im Betrieb, das Beur­tei­len und das Schreiben?

TR: Es sind zwei unter­schied­li­che Pro­zesse. Das Schrei­ben erfor­dert viel Frei­raum und vor allem auch viel Leer­raum, wenig Ablen­kung und Nicht-Schrei­ben, um dann aber im ent­schei­den­den Moment wie­der pro­duk­tiv zu sein. Es geht da auch viel ums Öff­nen und Frei-Machen, das sich wie viele leere Kilo­me­ter anfühlt. Eine Stunde schrei­ben am Tag, das funk­tio­niert für mich nicht. Daher bin ich bei Schreib­auf­ent­hal­ten am effek­tivs­ten und schreibe dann so viel wie ein gan­zes Jahr über nicht. Das Beur­tei­len ist ein wesent­li­cher Bestand­teil des Schrei­bens. Ich schreibe einen Text und beur­teile ihn, lek­to­riere ihn und kor­ri­giere ihn, bis er in einer Fas­sung ist, die jemand ande­res zu Gesicht bekom­men kann. Meine Arbeit als Lek­to­rin unter­schei­det sich wenig davon, aber es ist immer der fremde Blick, der nötig ist, um den eige­nen Text noch ein­mal kri­tisch zu hin­ter­fra­gen. Des­halb kann ich meine Texte nicht selbst lek­to­rie­ren, habe aber dafür als Lek­to­rin viel­leicht mehr Ver­ständ­nis für die Zwei­fel und Schwie­rig­kei­ten der AutorInnen.

BK: Haben Sie Tipps für ange­hende Lek­to­ren und Lektorinnen?

TR: Lesen (und dabei Hori­zonte öff­nen)! Das ist das Wich­tigste fürs Schrei­ben und fürs Lek­to­rie­ren. Ich per­sön­lich habe den Besuch von Schreib­se­mi­na­ren als wich­tigste „Aus­bil­dung“ für mei­nen Beruf emp­fun­den. Wenn man selbst mit Text­kri­tik kon­fron­tiert ist, schult man sein Gespür dafür, was mög­lich und ange­bracht ist. Die Text­kri­tik an ande­ren Tex­ten wie­derum schult den eige­nen Blick auf fremde Texte, zeigt, wie über Texte gespro­chen wird und was Ver­än­de­run­gen an einem Text bewir­ken kön­nen. Im Grunde geht es darum, sein Fin­ger­spit­zen­ge­fühl zu trainieren.

BK: Was macht für Sie ein gutes Buch aus?

TR: Das ist gar nicht so leicht zu beant­wor­ten. Ich mag Bücher, die mich durch ihren Ton in den Bann zie­hen, mit unge­wöhn­li­chen Figu­ren, die mich Neues (mit)erleben las­sen und mir dadurch eine neue Per­spek­tive ermög­li­chen, Bücher, die sich an die Kom­ple­xi­tät des Lebens hal­ten und nicht ver­ein­fa­chen, die an Aktua­li­tät nie ver­lie­ren, son­dern mit der Zeit sogar gewin­nen. Ein gutes Buch, das ver­än­dert viel­leicht meine Sicht­weise, hält sich noch jah­re­lang in Erin­ne­rung und zeigt mir neue Facet­ten, wenn ich es Jahre spä­ter wiederlese.

BK: Zum Abschluss noch zwei Fra­gen, die wir allen Gäs­ten in der Bücher­stadt stel­len: Wel­che Frage haben Sie sich in einem Inter­view schon immer gewünscht und was wäre Ihre Ant­wort darauf?

TR: Ein guter ers­ter Satz?

„In dem sehr zwei­fel­haf­ten Schat­ten eines soge­nann­ten Zwetsch­ken­bau­mes saß ein Mann, der hieß auch Zwetsch­ken­baum, aber er war es nicht.“ (Albert Drach, Das große Pro­to­koll gegen Zwetschkenbaum)

BK: Wenn Sie ein Buch wären, wel­ches wären Sie?

TR: Eines mit vie­len unter­stri­che­nen Stel­len und Eselsohren.

BK: Vie­len Dank für das Interview!

Foto: Kurt Fleisch

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