So bunt ist Schwarz: „Schwarz wird großgeschrieben“ #OwnVoicesBK

by Satzhüterin Pia

Es ist ein facet­ten­rei­ches Werk Schwar­zer Per­spek­ti­ven und Lebens­rea­li­tä­ten in Deutsch­land, das das Schwarz­sein einer neuen Genera­tion defi­niert: „Schwarz wird groß­ge­schrie­ben“ (Hrsg. Evein Obulor, in Zusam­men­ar­beit mit Rosa­Mag). In dem bemer­kens­wer­ten Sam­mel­band kom­men Schwarze FLINTA (Frauen, Les­ben, Inter, Nicht-binäre, trans, Agen­der) zu Wort. – Von Satz­hü­te­rin Pia

Cover Schwarz wird großgeschrieben„Schwarz wird groß­ge­schrie­ben“ bie­tet einen Per­spek­tiv­wech­sel und bricht damit all­ge­mein gege­bene Struk­tu­ren auf. Es ist ein Buch von Schwar­zen Per­so­nen für Schwarze Leser:innen und wenn es wei­ße¹ Men­schen lesen, soll­ten sie sich bereits aus „Happyland“² ver­ab­schie­det haben. Wie sehr auch inner­halb der Schwar­zen Com­mu­nities Unter­schiede und Macht­ge­fälle exis­tie­ren, wird bei der Lek­türe der Texte deut­lich. Und spä­tes­tens damit wird Nicht­be­trof­fe­nen bewusst, wie schwie­rig es für Schwarze Men­schen ist, sich und ihre eigene Lebens­rea­li­tät reprä­sen­tiert zu sehen.

Vom „Hin­ter­fra­gen“ bis zum „Erträu­men“

Die Texte sind the­ma­tisch sor­tiert zusam­men­ge­stellt – Zwi­schen­über­schrif­ten lei­ten jeweils einen neuen Abschnitt ein. Diese Schwer­punkte schaf­fen einen roten Faden, durch den die Text­rei­hen­folge sinn­voll struk­tu­riert und die unter­schied­li­chen Inhalte der Leser­schaft bes­ser zugäng­lich gemacht wer­den. So viele Ein­drü­cke, Aspekte und Facet­ten vom Schwarz­sein sowie ande­ren The­men, wie bei­spiels­weise trans- oder fett­feind­li­che Über­griffe, die von den Autor:innen auf­ge­grif­fen wer­den, pras­seln auf Leser:innen ein.

Die The­men­ab­schnitte bauen auf­ein­an­der auf und gestal­ten so einen „the­ra­peu­ti­schen“ Weg: Hin­ter­fra­gen, Ent­schlüs­seln, Offen­le­gen, Hei­len, Lie­ben, Aus­spre­chen, Wahr­neh­men und schließ­lich Erträu­men.

Hinterfragen Schwarz wird großgeschrieben

Foto: Satz­hü­te­rin Pia

Unter dem Ober­punkt „Hin­ter­fra­gen“ stei­gen Alice Has­ters („Was weiße Men­schen nicht über Ras­sis­mus hören wol­len, aber wis­sen soll­ten.“, Han­ser, 2019) in ihrem Text „Who’s Black?“ und Celia Par­bey (u.a. Redak­ti­ons­lei­te­rin vom Rosa­Mag³) mit „Die Sache mit den Pri­vi­le­gien“ ins Thema ein. Statt dar­über zu spre­chen, wie weiße Men­schen das Schwarze Selbst­bild nega­tiv geprägt haben, geht es in Has­ters Text auch darum „wie Schwarze Men­schen es unter­ein­an­der getan haben.“ (S. 19)

„Es ist wich­tig, über Unter­schiede im Schwarz­sein zu spre­chen. Dazu gehört auch die berech­tigte Kri­tik, dass Erfah­run­gen von mixed Men­schen oft stell­ver­tre­tend für alle Schwarze Men­schen wahr­ge­nom­men wer­den.“ – Alice Has­ters: „Who’s Black?“ (S.26)

Par­bey greift in „Die Sache mit den Pri­vi­le­gien“ eben­falls den Aspekt der bira­cial4 Schwar­zen auf. Sie schreibt unter ande­rem, dass in den sozia­len Medien regel­mä­ßig dis­ku­tiert wird, „ob Men­schen mit einem wei­ßen und einem Schwar­zen Eltern­teil über­haupt Schwarz sind.“ (S. 29) Eine Ant­wort hat sie nicht, nähert sich in ihrem Bei­trag aber über ver­schie­dene Aspekte dem kri­ti­schen Hin­ter­fra­gen des eige­nen Weiß­seins und damit ein­her­ge­hen­den Pri­vi­le­gien an.

Collage aus Schwarz wird großgeschrieben

Foto: Satz­hü­te­rin Pia

Sicht­bar­keit

Die Schrei­ben­den grei­fen in ihren Tex­ten immer wie­der ein bestimm­tes Ereig­nis auf, the­ma­ti­sie­ren oder erwäh­nen es auf die eine oder andere Art: der Mord an George Floyd, der inter­na­tio­nale mediale Auf­schrei und die sich in Bewe­gung set­zen­den Pro­teste. Der­ar­tige ras­sis­tisch moti­vierte Poli­zei­ge­walt kam 2020 bei Floyd nicht das erste Mal vor und exis­tiert auch nicht nur in den USA. So stel­len sich einige Schrei­bende die Frage, warum es erst jetzt ein Echo gab, warum erst nach Floyds Tod Schwarze Men­schen Leit­ar­ti­kel schrei­ben durf­ten oder in Talk­shows ein­ge­la­den wurden.

„Im Jahr 1999 erstickte Aamir Ageeb in Frank­furt am Main auf­grund einer bru­ta­len Fixie­rung durch Beamte des Bun­des­grenz­schut­zes. Er sollte abge­scho­ben wer­den. Aamir war 30 Jahre alt.“ – Shaheen Wacker: „Wer zählt hier eigent­lich?“ (S. 53)

In „Ent­schlüs­seln“, dem zwei­ten Teil des Sam­mel­bands, schreibt Shaheen Wacker in ihrem Text „Wer zählt hier eigent­lich?“ über „Anti-Schwarze[n] Ras­sis­mus in Deutsch­land“. Auf den ers­ten ein­ein­halb Sei­ten erzählt sie mit jeweils weni­gen Sät­zen die Geschich­ten ermor­de­ter Schwar­zer Men­schen in Deutsch­land, zeigt ihre Namen und führt vor Augen, wie sehr Deutsch­land von ras­sis­ti­schen Struk­tu­ren geprägt ist. Es geht um kolo­ni­al­ras­sis­ti­sche Kon­ti­nui­tä­ten, die auf ras­sen­theo­re­ti­schen Grund­la­gen fußen und an so vie­len Ecken und Enden noch immer das Leben Schwar­zer Men­schen in Deutsch­land bestim­men. „Deut­scher Ras­sis­mus tötet und ver­gisst“, betont sie in ihrem Essay. „Bevor er phy­sisch tötet, tötet er sozial.“ (S. 58)

Heilen

Foto: Satz­hü­te­rin Pia

Dass Schwarz zu sein auf­grund von ras­sis­ti­schen Aus­sa­gen und Hand­lun­gen sowie vor­ur­teils­be­haf­te­ten Men­schen eine per­ma­nente Belas­tung ist, zei­gen Texte wie der von Anna Dus­hime. In „Wir ver­ste­hen uns ohne Worte … oder?“ schreibt sie über das Dating und die ewige Erklä­rungs­not durch unter­schied­li­che Lebens­ge­schich­ten und ‑rea­li­tä­ten: „Das Ding ist: Ich bin 24/7 Schwarz, das kann ich nicht able­gen. Nicht, dass ich das jemals wol­len würde. Aber ich bin nicht 24/7 poli­tisch.“ (S. 124) Aggres­sio­nen – ob Mikro- oder grö­ßer – belas­ten das Gemüt unent­wegt und sie „wer­den [einem] ohne Vor­war­nung jeder­zeit und über­all ent­ge­gen­ge­schleu­dert.“ (S. 124)

Andere Texte, wie der von Katya Lwanga („Die Bür­den unse­rer Flü­gel“) the­ma­ti­sie­ren ras­sis­ti­sche und dis­kri­mi­nie­rende Ste­reo­type wie den der „star­ken Schwar­zen Frau“. Mit jedem Satz die­ses Buches wird man als Leser:in klüger.

Ras­sis­mus, Colo­rism, Sexis­mus, Queerfeindlichkeit

In „Schwarz wird groß­ge­schrie­ben“ kom­men über­wie­gend darks­kin­ned und queere Schwarze Men­schen zu Wort. Ihre Ras­sis­mus- und Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­run­gen sind viel­fäl­tig und ihre Texte so ver­schie­den, wie ihre per­sön­li­chen Erfah­run­gen und die eige­nen Gedan­ken. Schwarz­Rund (ein­ge­tra­ge­ner Künst­ler­name) schreibt zum Bei­spiel in „Mein zwei­tes Schwarz“ dar­über, wie unter­schied­lich das eigene Schwarz­sein wahr­ge­nom­men und aus­ge­lebt wer­den kann. „Eher sicht­bar, statt pri­vi­le­giert“ sei ihr afro­la­tein­ame­ri­ka­ni­sches Schwarz – ein ande­res Schwarz als das Afro­deut­sche. Die Essays geben sehr viele Denk­an­stöße, die für die eigene Hori­zont­er­wei­te­rung und Sen­si­bi­li­sie­rung auch weiße Leser:innen span­nend fin­den werden.

„Ich finde es cool, wenn Schwarze Kids sich im Ange­sicht ras­sis­ti­scher Her­kunfts­fra­gen als deutsch bezeich­nen. Aber es ist auch kein Schei­tern, sich nicht so zu ver­or­ten […]. In wel­cher Situa­tion ist es wich­ti­ger, dem Gegen­über etwas bei­zu­brin­gen, und wann ist es wich­ti­ger, ganz unab­hän­gig davon du zu sein?“ – Schwarz­Rund: „Mein zwei­tes Schwarz“ (S. 49)

Ein Essay über Colo­rism ist Win­nie Ake­ris „Über Befrei­ungs­schläge, Bleaching Crème und den afri­ka­ni­schen Weih­nachts­mann“ aus ihrer eige­nen darks­kin­ned Per­spek­tive. Viele Jahre nahm sie Colo­rism-Vor­fälle schwei­gend hin, ehe sie durch andere Stim­men das eigene Schwei­gen been­dete. Auch ihr Text­an­fang ist von per­sön­li­chen Begeg­nun­gen, Erfah­run­gen und Erkennt­nis­sen gestützt – danach steigt sie in die Ent­ste­hungs­ge­schichte des Colo­rism-Kon­zepts ein, um auf­zu­zei­gen, dass die­ser welt­weit in vie­len gesell­schaft­li­chen Berei­chen ver­an­kert ist.

Aussprechen Schwarz wird großgeschrieben

Foto: Satz­hü­te­rin Pia

Jen­ner Hen­drixx schreibt in ihrem Essay „Black & Queer? Das gibt es bei uns nicht!“ über ihre Queer­ness, ihr Trans­sein, und ihre Erfah­run­gen. Damit zeigt sie ein­drucks­voll, wie viel Kraft ein Leben als Schwarze trans Frau erfor­dert und wie viele Hin­der­nisse selbst die eigene Com­mu­nity in den Weg legen kann:

„Wir sind Schwarz. Wir sind trau­ma­ti­siert. Wir erle­ben so viel. Jeden Tag. Trotz­dem ver­stehe ich nicht, wie wir, wenn wir doch selbst Dis­kri­mi­nie­run­gen, Ras­sis­mus erle­ben, den Hass wei­ter­ge­ben kön­nen?“ – Jen­ner Hen­drixx: „Black & Queer? Das gibt es bei uns nicht!“ (S. 186)

Auch ein Inter­view fin­det sich in dem Sam­mel­band: Meret Weber führte ein Gespräch mit Katha­rin Ogun­toye, die als Mit­her­aus­ge­be­rin des Buches „Farbe beken­nen“ Ende der 80er Bekannt­heit erlangte und seit­her eine zen­trale Figur für die afro­deut­sche Bewe­gung ist. Zwi­schen den über­wie­gend jun­gen Mit­wir­ken­den an „Schwarz wird groß­ge­schrie­ben“, bringt sie, gebo­ren 1959, den Blick einer ande­ren Genera­tion mit ein und erwei­tert das eh schon breite Spek­trum auch noch in diese Richtung.

Autor*innen Schwarz wird großgeschrieben

Foto: Satz­hü­te­rin Pia

Drin­gende Leseempfehlung!

Neben ras­sis­mus­kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die sich vor­nehm­lich an weiße Per­so­nen rich­ten (zum Bei­spiel „exit RACISM“ von Tupoka Ogette) oder fik­ti­ven Geschich­ten, die zum Bei­spiel in afri­ka­ni­schen Län­dern spie­len und sich an alle Men­schen rich­ten, die sie gerne lesen möch­ten (zum Bei­spiel „Der Ort, an dem die Reise endet“ von Yvonne Adhiambo Owuor) ist „Schwarz wird groß­ge­schrie­ben“ anders: Wäh­rend ich es als weiße Per­son lese, wird mir über­deut­lich, dass ich (bis auf „Sulwe“ von Lupita Nyong’o) wohl noch nie etwas gele­sen habe, das so expli­zit nicht an mich adres­siert ist. Ich stehe nicht im Fokus, werde nicht ange­spro­chen, denn ich bin weiß und diese Erfah­rung sollte die weiße Mehr­heits­ge­sell­schaft ein­deu­tig häu­fi­ger machen.

„Schwarz ist groß­ge­schrie­ben“ ist ein Buch von Schwar­zen für Schwarze. Aber es ist auch ein Weck­ruf an die weiße Mehr­heits­ge­sell­schaft, sich der eige­nen Pri­vi­le­gien, der Sicht auf Black People of Color, der viel­schich­ti­gen Pro­ble­ma­ti­ken über Ras­sis­mus hin­aus, bewusst zu wer­den, sich selbst zu reflek­tie­ren, umzu­den­ken und den Mund aufzumachen.

Ich möchte euch die­sen bun­ten Sam­mel­band an viel­fäl­ti­gen The­men und Sicht­wei­sen, span­nen­den Per­spek­ti­ven und Schreib­wei­sen und so wahn­sin­nig vie­len Emo­tio­nen und Infor­ma­tio­nen unbe­dingt ans Herz legen.

Schwarz wird groß­ge­schrie­ben. Evein Obulor (Hrsg.). &Töchter. 2021.

Ein Bei­trag zum Spe­cial #Own­VoicesBK. Hier fin­det ihr alle Beiträge.

Fuß­no­ten

¹ Ich über­nehme hier bewusst die Schreib­weise weiß aus „Schwarz wird groß­ge­schrie­ben“: „Der Begriff hat nichts mit der tat­säch­li­chen Farbe der Haut zu tun. Weiß beschreibt eine soziale Posi­tion und Pri­vi­le­gien, die wei­ßen Men­schen auf­grund ihrer Haut­farbe zuge­schrie­ben wer­den. Je nach gesell­schaft­li­chem Kon­text unter­schei­det sich, wer als weiß zählt. Um die Kon­struk­tion des Begrif­fes her­vor­zu­he­ben, wird weiß kur­siv und klein geschrie­ben.“ (S. 224)

² Tupoka Ogette, Exit Racism: „Hap­py­land“ ist der Zustand, in dem weiße Men­schen leben, bevor sie sich bewusst mit Ras­sis­mus auseinandersetzen.

³ „Rosa­Mag ist ein Online-Life­sty­l­ema­ga­zin, dass [sic] afro­deut­sche Frauen und Freunde infor­miert, inspi­riert und empowert.“ https://​rosa​-mag​.de/​s​c​h​w​a​r​z​-​w​i​r​d​-​g​r​o​s​s​g​e​s​c​h​r​i​e​b​e​n​-​w​i​r​-​m​a​c​h​e​n​-​e​i​n​-​b​u​c​h​-​w​a​r​u​m​-​e​i​g​e​n​t​l​i​ch/

4 „Als bira­cial wer­den Men­schen bezeich­net, deren Eltern zweier ver­schie­de­ner Races ange­hö­ren, also bei­spiels­weise das Kind einer Schwar­zen und einer wei­ßen Per­son. Bira­cial bezieht sich auf den eng­li­schen Begriff Race und lässt sich daher nicht wört­lich ins Deut­sche über­set­zen.“ (S. 218)

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