Nimm die Blume!

von | 10.11.2015 | Buchpranger, Sach- und Fachbücher

Buchstaplerin Maike hat sich letztendlich zum Wohl der Ohren in der Bücherstadt dagegen entschieden, ihr Loblied auf Amanda Palmers Buch „The Art of Asking“ auf der Ukulele vorzuspielen. Doch sie ist schon seit ein paar Jahren Fan der exzentrischen Musikerin und hat dem Erscheinen der ehrlichen und inspirierenden Memoiren im Eichborn Verlag entgegengefiebert.

„Fragen kostet nichts, so lautet das Sprichwort. Fragen kann aber wehtun.“ (S. 196) Doch glaubt man Amanda Palmer – und es fällt schwer, es nicht zu tun – lohnt es sich, das Risiko einzugehen. Die Musikerin ist ein Phänomen, und ob man sie mag oder nicht, oder ob man sie überhaupt kennen muss, ist für viele Passagen im Buch nicht von Belang, sondern untermalt die universellen Ratschläge, die das Buch so authentisch machen.

Palmers Erzählung beginnt bei ihren Anfängen als lebende Statue, bei denen sie von Selbstzweifeln geplagt für den Moment der Verbindung zwischen Künstlerin und Publikum lebt – mit einer überreichten Blume als Symbol. Ein Bild, das sich durch das ganze Buch zieht und immer wiederkehrt als Quintessenz. Danach springt Palmer hin und her zwischen Anekdoten mit ihren Bands und Idolen und Freunden. Großen Raum nimmt die Erklärung ihrer Crowdfunding-Kampagne ein, bei der sie ihre Fans um Hilfe gebeten und Geld gesammelt hat, um ein Album zu finanzieren – und warum es kein Betteln ist, sondern eine Transaktion, bei der es um Freiwilligkeit, Kunst und Liebe geht: „Wenn das Bitten ein Zusammenwirken darstellt, ist das Betteln eine Forderung […].“ (S. 76) Stattdessen setzt Palmer auf Nähe und Kommunikation mit ihren Fans, sei es über Twitter oder auf Konzerten, wenn sie sich nackt mit Eddings bemalen lässt.

„Beinahe jeder menschliche Kontakt läuft am Ende auf den Akt und die Kunst des Bittens hinaus.“ (S. 13)

Dann wiederum präsentiert sie sich sehr menschlich, als sie die Ecken und Kanten ihrer Ehe mit Schriftsteller Neil Gaiman darlegt, oder die Weisheiten ihres todkranken Mentors Anthony teilt. Was in der Zusammenfassung schnell egoistisch und selbstdarstellerisch klingt, wird im Buch so offen und ehrlich präsentiert, dass man Palmer nichts anderes als Sympathie entgegenbringen kann, wenn sie fleht: „Bitte glaubt mir. Ich bin keine Lügnerin.“ (S.51)

Fast glaubt man, keine Memoiren zu lesen, sondern eine Collage, die sich aus allgemein gültigen Kurzgeschichten über Vertrauen, Selbstüberwindung und Menschlichkeit zusammensetzt. Als Fazit für alle Bittenden zieht Palmer, dass ehrliche Verbindung und Vertrauen zwischen den Parteien die Bitte nach allem rechtfertigt, sei es Geld, ein Sofa zum Übernachten oder nur ein Tampon.

Der Stil ist, auch wenn er manchmal derb und flapsig daherkommt, zugänglich und spiegelt die Ehrlichkeit und Offenheit wider, die den Inhalt dominieren. Amanda Palmer erschafft auf über 400 Seiten einen berührenden Optimismus, an den man glauben will, und hinterlässt beim Lesen stets das Gefühl, selbst mehr erreichen zu können, wenn man sich zum Bitten überwindet.

Vielleicht ist mein Urteil ein wenig parteiisch, immerhin liebe ich Palmers Musik seit Jahren, aber für mich ist „The Art of Asking“ das inspirierendste Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Als Mischung zwischen Memoiren, Selbsthilfebuch, Anekdoten und zauberhaften Kurzgeschichten steckt es so voller Weisheit, die man nur so in sich einsaugt: Es ist in Ordnung, um Hilfe zu bitten. Es ist in Ordnung, verletzlich zu sein. Ein Buch für alle – nicht nur für angehende Künstler – um sich zu öffnen, und sich zu trauen, einfach zu bitten.

The Art of Asking. Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und lernte, mir helfen zu lassen; Amanda Palmer, Viola Krauß (Übersetzung), Eichborn, 2015; Ihr seid neugierig auf Amanda Palmers Musik geworden? Die Musik zum Buch findet ihr hier.

 

Bücherstadt Kurier

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