Negligevapse „Meine Mutter sagt“ von Stine Pilgaard

by Satzhüterin Pia

Cover Meine Mutter sagtNach dem gro­ßen Erfolg der ers­ten deut­schen Über­set­zung („Meter pro Sekunde“) ist nun auch das Debüt von Stine Pil­gaard aus dem Däni­schen über­setzt wor­den. „Meine Mut­ter sagt“ ist für Satz­hü­te­rin Pia wie nach Hause kommen.

Die Ich-Erzäh­le­rin, Stu­den­tin und ver­mut­lich irgendwo in ihren Zwan­zi­gern, wird von ihrer lang­jäh­ri­gen Part­ne­rin ver­las­sen und zieht not­ge­drun­gen wie­der zu ihrem Vater. Die getrenn­ten Eltern sind jeweils in neuen Bezie­hun­gen, mit ganz eige­nen Dyna­mi­ken. Wäh­rend der Vater eine ange­nehme Figur dar­stellt, sind die Gesprä­che mit der Mut­ter gespickt mit frag­wür­di­gen Rat­schlä­gen – vie­len Rat­schlä­gen, daher auch der Titel des Buches: „Meine Mut­ter sagt“ ist der gefühlt häu­figste Satz­an­fang. Dazu gibt es die fan­tas­ti­sche beste Freun­din Mulle und, eben­falls ein viel­be­such­ter Mensch, den Arzt der Protagonistin.

Seepferdchenmonologe

Die kur­zen, eher lose und locker aus dem Leben erzäh­len­den Kapi­tel wer­den durch soge­nannte See­pferd­chen­mo­no­loge auf­ge­lo­ckert. Wuss­tet ihr, dass der Hirn­be­reich Hip­po­cam­pus einem See­pferd­chen ähnelt? Hier wer­den die Erin­ne­run­gen vom Kurz­zeit- in das Lang­zeit­ge­dächt­nis ver­scho­ben. Die Kapi­tel geben sprach­lich wun­der­schöne Ein­bli­cke ins Innen­le­ben und die Gefühls­welt der namen­lo­sen Prot­ago­nis­tin. Asso­zia­tiv sind die See­pferd­chen­mo­no­loge in die Erzäh­lun­gen ein­ge­bun­den, eröff­nen dabei aber eine ganz eigene Welt, die sich auch sprach­lich vom Rest unter­schei­det. Sie klin­gen lei­ser und philosophischer.

Gesprä­che zwi­schen der Prot­ago­nis­tin und ihrem Arzt schwan­ken zwi­schen amü­sant, phi­lo­so­phisch und durch­aus merk­wür­dig, zum Bei­spiel im Gespräch zu eben­je­nen See­pferd­chen: Diese wür­den unab­läs­sig alles um sich herum schlu­cken, sie hät­ten kein Darm­sys­tem oder ähn­li­ches. Da die Männ­chen auch den Nach­wuchs aus­brü­ten wür­den, sei es um die Weib­chen beson­ders schlimm bestellt:

„Nie­mals ver­lässt etwas wirk­lich ihren Kör­per, sage ich, und ganz genau so geht es mir auch. Er sagt, Hip­po­cam­pus ist ja nur eine Bezeich­nung. Trotz­dem, es gibt drin­nen im Gehirn ein See­pferd­chen, das über sämt­li­che Erin­ne­run­gen herrscht, sage ich. Mein Arzt nickt, ja, so könne man das tat­säch­lich aus­drü­cken.“ (S. 25)

Sprachliche Finessen

Auf­bau und Stil unter­schei­den sich nicht groß von der ers­ten Über­set­zung ins Deut­sche und so fühlt sich das Lesen von „Meine Mut­ter sagt“ ein biss­chen wie nach Hause zu kom­men an – denn einem der­ar­ti­gen Sprach- und Erzähl­stil bin ich sonst noch nicht begeg­net. Sti­lis­tisch ist es sicher­lich eine Geschmacks­frage. Der flie­ßende Text ohne Satz­zei­chen zur wört­li­chen Rede funk­tio­niert vor allem klang­lich gut. Also kann man sich den Text, so meine Erfah­rung, am bes­ten leise selbst vor­le­sen. Eigent­lich bin ich kein Fan von man­geln­den Satz­zei­chen, hier aber finde ich es erneut sehr stim­mig. Sprach­li­cher Witz und Fines­sen in den For­mu­lie­run­gen machen das (Vor)Lesen zu einem wah­ren Vergnügen.

Negli­ge­vapse, eine Lie­bes­er­klä­rung auf Inuit, ist übri­gens das Ergeb­nis eines Brain­stor­mings zu geeig­ne­ten Alter­na­ti­ven däni­scher (oder hier: deut­scher) Liebesbekundungen.

Trotz der Lie­bes­kum­mer­the­ma­tik fühlt sich das Buch mit sei­ner Spra­che, dem Witz und den sym­pa­thi­schen Figu­ren wie eine warme Wort­du­sche an. Ein schö­nes, sanf­tes und kurz­wei­li­ges Buch – ich freue mich auf wei­tere Übersetzungen.

Meine Mut­ter sagt. Stine Pil­gaard. Aus dem Däni­schen von Hin­rich Schmidt-Hen­kel. Kanon Ver­lag. 2022.

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