Mobbing mal anders erzählt Leipziger Lesekompass

by Worteweberin Annika

„Ich bin Vin­cent und ich habe keine Angst“ der nie­der­län­di­schen Autorin Enne Koens wurde sowohl für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis nomi­niert als auch mit dem Leip­zi­ger Lese­kom­pass aus­ge­zeich­net. Das hat Worte­we­be­rin Annika neu­gie­rig gemacht.

Über das Thema Mob­bing wur­den schon viele Kin­der­bü­cher geschrie­ben. Die meis­ten von ihnen haben einen gro­ßen päd­ago­gi­schen Anspruch und wer­den daher gerne als Schul­lek­türe ver­wen­det. Der Nach­teil: Sie wir­ken ver­krampft und kön­nen die Kin­der und Jugend­li­chen nicht errei­chen. „Ich bin Vin­cent und ich habe keine Angst“ ist anders. Es ist berüh­rend, aben­teu­er­lich, sogar wit­zig. Wie das gelingt? Mit star­ken Figu­ren, ima­gi­nä­ren Tier-Freun­den, einem Sur­vi­val-Hand­buch und viel Einfühlungsvermögen.

Der Count­down läuft

In sie­ben Tagen ist es so weit: Vin­cents Klas­sen­fahrt geht los. Fünf Tage sol­len die Kin­der in einem Schul­land­heim im Wald ver­brin­gen. Wäh­rend die ande­ren Pläne für Lager­feuer, Spiele und Prä­sen­ta­tio­nen schmie­den, tüf­telt Vin­cent aus, wie er diese Zeit über­le­ben kann. Denn Dilan, der es sowieso auf Vin­cent abge­se­hen hat, will ihm auf der Klas­sen­fahrt eins aus­wi­schen. Zum Glück hat Vin­cent ein Buch über das Über­le­ben in der Wild­nis gele­sen und ein Sur­vi­val-Kit gepackt. Dass er es brau­chen wird, erfah­ren die Lese­rin­nen und Leser schon im Pro­log, in dem Vin­cent wie ein gehetz­tes Tier eine Nacht im Wald ver­brin­gen muss, auf der Flucht.

Nach dem Pro­log glie­dert der Count­down bis zum Beginn der Klas­sen­fahrt die Kapi­tel. Immer deut­li­cher wird, wie Vin­cent in die miss­li­che Lage im Wald gera­ten kann. Dilan und seine Freunde ver­prü­geln Vin­cent regel­mä­ßig nach der Schule, sabo­tie­ren sei­nen Vor­trag vor der Klasse und sor­gen dafür, dass er nur mit Bauch­weh zum Unter­richt geht. Sei­nen Eltern kann er davon nicht erzäh­len, denkt Vin­cent, denn sie hät­ten sowieso kein Ver­ständ­nis für ihn.

„Bin ich denn der Ein­zige, der ein klein wenig anders ist? Und warum muss jemand, der ein klein wenig anders ist, gemobbt wer­den? Dar­über kann ich lange nach­den­ken.“ (S. 73)

Es wis­sen nur wenige von Vin­cents Ängs­ten: Vin­cents Baby­sit­te­rin Char­lotte und vier spre­chende Tiere. Ein Käfer, ein Foh­len, ein Eich­hörn­chen und ein Wurm beglei­ten Vin­cent mit Rat­schlä­gen und schlech­ten Wit­zen durch sei­nen All­tag. Im Roman tau­chen sie zudem immer wie­der in den grün-weiß-schwar­zen Illus­tra­tio­nen von Maartje Kui­per auf, die herr­lich mit Enne Koens poe­ti­scher Spra­che harmonieren.

Eine neue Freundin

Die sie­ben Tage vor der Klas­sen­fahrt sind auch des­we­gen ganz beson­ders für Vin­cent, weil er in ihnen Jaque­line ken­nen­lernt. Sie wird nur „Die Jacke“ genannt und sie ist echt cool. Außer­dem inter­es­siert sie sich nicht für Dilan und die ande­ren Kin­der der Klasse, son­dern aus­ge­rech­net für Vin­cent. Könnte Die Jacke seine neue Freun­din werden?

Mit Jaque­line und Char­lotte prä­sen­tiert der Roman zwei starke weib­li­che Figu­ren. Ihre Unter­stüt­zung ist der Schlüs­sel zu Vin­cents Happy End – denn dass es in einem Roman über Mob­bing eines geben muss, kann an die­ser Stelle schon ver­ra­ten wer­den. Vin­cent hin­ge­gen, aus des­sen Ich-Per­spek­tive der Roman erzählt ist, darf Schwä­che zei­gen. Seine Gedan­ken und Gefühle erle­ben die Lese­rin­nen und Leser haut­nah mit. Das berührt – ich jeden­falls habe für Vin­cent einige Trän­chen ver­drückt und mit ihm mitgefiebert.

„Ich fühle mich nur so leicht und froh, wie ich mich noch nie zuvor im Leben gefühlt habe, und ich tanze wie ein Betrun­ke­ner auf einem Fel­sen, hoch über der blö­den Welt mit ihren Regeln und Schub­la­den und ihren öden nor­ma­len Leu­ten […].“ (S. 176)

Trotz­dem ist Vin­cent mehr als bloß das Opfer. Durch das Sur­vi­val-Buch hat er beson­dere Fähig­kei­ten, die ihm Stärke ver­lei­hen und die die Figur für Kin­der inter­es­sant machen. In jedes Kapi­tel wird mit einem Aus­zug aus dem Hand­buch ein­ge­lei­tet. Im Roman wird auch die Frage gestellt, warum Vin­cent aus­ge­grenzt und gemobbt wird. Ist er anders? Die Ant­wort, die Enne Koens fin­det, macht Mut.

„Ich bin Vin­cent und ich habe keine Angst“ ist eine Wucht: trau­rig, wit­zig, span­nend. Wie Vin­cent selbst ist die­ser Roman anders als die ande­ren – und das ist auch gut so.

Ich bin Vin­cent und ich habe keine Angst. Enne Koens. Illus­tra­tion: Maartje Kui­per. Aus dem Nie­der­län­di­schen von Andrea Kluit­mann. Gers­ten­berg. 2019. Ab 9 Jahren.

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