Miss Yang macht eine Entdeckung – Der Kryger-Diamant (Teil II)

by Bücherstadt Kurier

Was bis­her geschah:

Den lee­ren Bahn­steig eilig ver­las­send, warf eine Frau um die 30, die dunk­len Haare nun­mehr unter einer blauen Mütze, ihre blonde Perü­cke in einen Müll­be­häl­ter. Dann rückte sie die getönte Brille zurecht, ihre schräg gestell­ten, asia­ti­schen Augen ver­ber­gend. Schließ­lich warf sie einen Blick in ihre Hand­ta­sche, in der sich unter ande­rem ein klei­nes Päck­chen befand.

Mit dem alten Trick, einen Zug zu bestei­gen und ihn im letz­ten Augen­blick wie­der zu ver­las­sen, hatte Isa Yang ihre letzte hart­nä­ckige Ver­fol­ge­rin abge­schüt­telt. Es hatte sich um einen jener alten Regio­nal­züge gehan­delt, bei denen die Türen noch per Hand geöff­net und geschlos­sen wer­den konn­ten, sodass sie noch im Anfah­ren hatte her­aus­sprin­gen kön­nen. Unweit jenes Bahn­hofs Zoo in Ber­lin, den sie gerade schnell ver­ließ, hatte Isa bereits die drei ande­ren abge­hängt – zwei Frauen und einen stäm­mi­gen Mann. Aber die Frau, die jetzt erst ein­mal im Zug saß, hatte sich auch nicht von der blon­den Perü­cke täu­schen las­sen, die Isa unmit­tel­bar zuvor auf­ge­setzt hatte, und war auf ihrer Fährte geblie­ben. Diese Ver­fol­ge­rin hatte kei­nen Funk­kon­takt zu den ande­ren gehabt, wäh­rend sie Isa auf den Fer­sen geblie­ben war. Dies war die Erklä­rung dafür, dass die Eura­sie­rin immer noch unbe­hel­ligt war. Ein Vor­teil für Isa, sie hatte schließ­lich ein Päck­chen zu überbringen ...

Hier geht es zum 1. Teil der Geschichte: Miss Dia­mant – Der Kryger-Diamant (Teil I)

Miss Yang macht eine Entdeckung – Der Kryger-Diamant (Teil II)

Isas Bli­cke schweif­ten umher, keine der drei ande­ren Per­so­nen war zu sehen. Schnell näherte sie sich dem Taxi­stand und stieg in das nächste ver­füg­bare Fahr­zeug ein. Der Fah­rer, ein Mann in mitt­le­ren Jah­ren, war glück­li­cher­weise kei­ner von der red­se­li­gen Sorte. Das war Isa gerade recht, denn sie musste sich sam­meln, fragte sich, was nun wer­den sollte.

Am gest­ri­gen Tag war sie von Lon­don aus her­ge­flo­gen, um ein Päck­chen in Emp­fang zu neh­men und es als Kurie­rin zu über­brin­gen. Doch was sich als ver­meint­lich ein­fa­che Sache dar­ge­stellt hatte, war zu einer ris­kan­ten Unter­neh­mung gewor­den. Gab es eine undichte Stelle, einen Maul­wurf in den eige­nen Rei­hen? Nur kurze Zeit nach der Über­gabe des Päck­chens, die am Reichs­tag statt­ge­fun­den hatte, war Isa auf­ge­fal­len, dass sie beschat­tet wurde. Der Ver­such sie fest­zu­hal­ten, war nicht erfolgt – viel­leicht woll­ten die sie so lange beschat­ten, bis die Ziel­adresse erreicht war ... Oder aber es war ihnen zu belebt gewe­sen für einen Zugriff, denn die Eura­sie­rin hatte sich mit Bedacht wei­test­ge­hend in der Öffent­lich­keit bewegt. Es hatte sich dann lange hin­ge­zo­gen, bis sie die Beschat­ter end­gül­tig abge­schüt­telt hatte – wie sie hoffte. Doch noch am heu­ti­gen Abend musste sie nach Han­no­ver gelan­gen, um das Päck­chen abzu­lie­fern. Daher die Fahrt mit dem Taxi; Isas Ziel war der Ber­li­ner Hauptbahnhof.

Es war jetzt, nach 19.00 Uhr, noch hell, ein schö­ner Juli­abend. Doch Isa nahm die Abend­stim­mung nicht wahr, denn sie geriet wäh­rend der Taxi­fahrt auto­ma­tisch ins Grü­beln. Wie und wann hatte das alles begon­nen? Isa (eigent­lich Isa­bel) war die Toch­ter eines Hong­kong-Chi­ne­sen mit vol­ler bri­ti­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit, der als Mili­tär­arzt bei der Rhein­ar­mee in Nie­der­sach­sen gedient hatte. Dort hatte Isas Vater ihre deut­sche Mut­ter ken­nen­ge­lernt, und sie als ihre Toch­ter war in Deutsch­land auf­ge­wach­sen. Im Gegen­satz zu ande­ren bri­ti­schen Kin­dern hatte sie Deutsch gelernt – ihre Mut­ter­spra­che, die sie in der Folge auch nicht ver­lernte, weil sie spä­ter eine gewisse Zeit in Ber­lin gelebt hatte.

Als sie spä­ter vom „Bureau“ (wie sie es nannte) rekru­tiert wor­den war, hatte ihr inter­es­san­tes eura­si­sches Aus­se­hen – schräg gestellte, dun­kel­braune Augen – dafür gesorgt, dass sie für den ope­ra­ti­ven Dienst im Außen­ein­satz eher sel­ten in Frage kam. Statt­des­sen hatte sie vor allem im Innen­dienst auf Büro­ebene dem „Geheim­dienst“ der Queen gedient. Ihre Sprach­kennt­nisse und ihr hoher Bil­dungs­grad hat­ten sie für diese Auf­gabe qua­li­fi­ziert. Im Rah­men ihrer Aus­bil­dung und auch spä­ter war sie mit allen mög­li­chen Aspek­ten der Geheim­dienst­ar­beit in Berüh­rung gekom­men – was ihr nach Ver­las­sen des „Ser­vice“ durch­aus zum Vor­teil gewor­den war. Lei­der hatte sie sich näm­lich als­bald den Ruf erar­bei­tet, schwie­rig zu sein, zwar intel­li­gent, aber ein­zel­gän­ge­risch und aufsässig ...

Nach ein paar Jah­ren war sie aus dem Dienst aus­ge­schie­den, eine von jenen Per­so­nen, die trotz guter Gaben kei­nen gro­ßen Erfolg im Leben hat­ten – sie war zu indi­vi­du­ell, zu emp­find­sam. Isa war nicht rich­tig abge­rutscht, leis­tete aber unter ande­rem gewisse Kurier­dienste – aller­dings keine Dro­gen, dar­auf legte sie Wert. So hatte sie auch hin und wie­der etwas für Fran­kie erle­digt, einen zwie­lich­ti­gen Lon­do­ner, der sich aus­ge­zeich­ne­ter Kon­takte zum Kon­ti­nent und ins­be­son­dere zu Deutsch­land, Isas zwei­ter Hei­mat, erfreute.

Weil sie das Geld drin­gend brauchte – ihr klei­ner Bru­der steckte mal wie­der in Schwie­rig­kei­ten – hatte sie ein­ge­wil­ligt, nach Ber­lin zu flie­gen, ein klei­nes Päck­chen ent­ge­gen­zu­neh­men und es nach Han­no­ver zu beför­dern. Dort sollte Isa es einer Frau namens Ewa und einem Mann über­ge­ben, des­sen Deck­name „Jörg“ lau­tete. Ein ziem­lich simp­les Pseud­onym nach Isas Ansicht, aber das ging sie ja nichts an. Dass sich hin­ter die­sem Tarn­na­men der soge­nannte „König der Dia­man­ten­schmugg­ler“ Schmitt ver­barg, ahnte sie nicht.

Über den Inhalt des Päck­chens war ihr nur mit­ge­teilt wor­den, es sei „etwas sehr Wich­ti­ges“. Fran­kie hatte ihr zudem ver­si­chert, dass es wirk­lich keine Dro­gen waren – als ob in die­sen Krei­sen Ehr­lich­keit eine große Rolle gespielt hätte! Aber Isa hatte ihm geglaubt; außer­dem musste ihr Brü­der­chen in ein paar Tagen seine Schul­den bezah­len, da blieb nur die­ser schnelle Job. Doch jetzt wurde sie immer nach­denk­li­cher, die hart­nä­ckige Beschat­tung sprach Bände; was sie da hatte, musste wich­tig sein! Sie wurde zudem sicher nicht ohne Grund exzel­lent bezahlt ...

Da erreichte das Taxi den Ber­li­ner Haupt­bahn­hof. Isa zahlte, ver­ab­schie­dete sich, ging zum Bahn­hofs­ein­gang und steu­erte in der Halle ange­kom­men den nächs­ten Fahr­kar­ten­au­to­ma­ten an. An dem zog sie eine Karte nach Han­no­ver. Noch 20 Minu­ten bis zur Abfahrt an die­sem lauen Som­mer­abend. So betrat Isa ein Bahn­hofs­lo­kal, setzte sich so, dass sie den Bahn­hofs­vor­platz im Auge hatte, sich aber selbst weit genug von der Front­scheibe ent­fernt im hin­te­ren Teil des Lokals befand.

Sie bestellte nur ein Glas Was­ser und betrach­tete die Sze­ne­rie. Nichts Auf­fäl­li­ges. Also ließ sie ihren Trol­ley in der Obhut einer der Tre­sen­kräfte, wäh­rend sie mit ihrer Hand­ta­sche die Damen­toi­lette auf­suchte. Dort schloss sich Isa in einer Kabine ein, um das Päck­chen zu inspi­zie­ren. Sie hatte so etwas noch nie getan, aber in die­ser Situa­tion war ihr die Rück­sicht­nahme auf ihren Auf­trag­ge­ber egal. Zudem hatte Fran­kie ihr nicht aus­drück­lich unter­sagt, sich das Päck­chen genauer anzuschauen ...

Zuerst zog sie ein Paar trans­pa­ren­ter Hand­schuhe über, bevor sie das Päck­chen ihrer Hand­ta­sche ent­nahm. Klei­ner als eine Ziga­ret­ten­pa­ckung, brau­nes Pack­pa­pier, das leicht zu erset­zen war ... Kurz ent­schlos­sen zer­schnitt Isa mit einem klei­nen Taschen­mes­ser den Kle­be­strei­fen, der das Pack­pa­pier fixierte und hatte eine Schach­tel mit Deckel in den Hän­den. Das Papier war intakt geblie­ben, mit einem neuen Kle­be­strei­fen ver­schließ­bar, ohne dass das Öff­nen auffiele ...

Die Eura­sie­rin hielt sich die Schach­tel ans Ohr. Ein kur­zes Schüt­teln rief ein gedämpf­tes Geräusch her­vor. So ver­wen­dete Isa erneut ihr nur dau­men­lan­ges klei­nes Mes­ser, das sich wäh­rend des Flu­ges nach Ber­lin in ihrem Trol­ley befun­den hatte. Sie zer­schnitt den Kle­be­strei­fen, der Deckel und Schach­tel ver­band. Dar­auf­hin öff­nete sie die Schach­tel. In der befand sich ein klei­ner sam­te­ner Beu­tel von dun­kel­blauer Farbe. Ihre Fin­ger erfühl­ten einen har­ten Gegen­stand, so groß wie ein Tau­benei. Lang­sam öff­nete sie den Beu­tel, der von einem klei­nen Band ver­schlos­sen war, gespannt auf das, was sie über­brin­gen sollte.

Ihre Augen wei­te­ten sich. Das erste, was ihr ins Auge sprang, war die Farbe des Stei­nes, der in ihre Hand­flä­che gefal­len war. Leicht rosa und strah­lend, ja gera­dezu fun­ken­sprü­hend! Ein Edel­stein war es, wohl ein Dia­mant! Ein paar Augen­bli­cke schaute sie gebannt auf den per­fekt geschlif­fe­nen Stein, dann ließ sie ihn wie­der in den Beu­tel fal­len, ver­schloss den mit dem Band und legte den Beu­tel in die Schachtel.

In dem Augen­blick, als sie den Deckel auf die Schach­tel drückte, hörte sie, wie jemand leise die Damen­toi­lette betrat. Es gab außer der Kabine, in der Isa sich befand, noch zwei wei­tere, doch keine wurde geöff­net. Statt­des­sen hörte sie ein Flüs­tern, fast nur ein Hau­chen. Unwill­kür­lich ließ sie Schach­tel und Pack­pa­pier in ihrer Hand­ta­sche ver­schwin­den und nahm Habacht­stel­lung ein. Da hörte sie auf ein­mal jeman­den sagen: „Tut mir Leid, muss hier wischen“, wor­auf­hin sie gemur­melte Ent­schul­di­gun­gen hörte und sich ent­fer­nende Schritte. Zwei Frauen, die vor­her merk­lich mehr Wert dar­auf gelegt hat­ten, leise zu sein ...

Isa war einen Augen­blick unschlüs­sig, aber dann öff­nete sie doch die Tür der Kabine, nach­dem sie die Hand­schuhe aus­ge­zo­gen und ein­ge­steckt hatte. Eine unschein­bare, dünne Frau, nicht mehr jung, hielt beim Wischen des Bodens inne. Sie sagte nichts, wäh­rend Isa sich dem Vor­raum mit den Wasch­be­cken näherte, der leer war. Isa wusch sich die Hände. Sie war in der Zwick­mühle. Wenn sie in der Kabine geblie­ben wäre, hätte das für Auf­se­hen gesorgt. Blieb sie zu lange in die­sem Wasch­raum und hielt die Hände immer wie­der unter den Was­ser­strahl, der in regel­mä­ßi­gen Abstän­den auf­hörte, war es eben­falls zu auf­fäl­lig. Wenn drau­ßen nun aber ihre Ver­fol­ge­rin­nen war­te­ten? War das möglich?

Sie öff­nete vor­sich­tig die Tür, nie­mand! Unschlüs­sig blieb sie ste­hen, dann spürte sie die Prä­senz der Rei­ni­gungs­kraft hin­ter sich. Gleich­zei­tig kam ihr nun eine Ange­stellte ent­ge­gen, sodass Isa gezwun­gen war, sich wie­der dem Gas­tro­no­mie­be­reich zuzu­wen­den. Zwei Frauen mit kur­zen Haa­ren saßen dort, tuschel­ten. Soll­ten das die­je­ni­gen sein, die auf die Toi­lette gewollt hat­ten? Isa nahm ihren Trol­ley ent­ge­gen und trank ihr Was­ser aus. Noch ein­mal sah sie aus dem Fens­ter und erstarrte inner­lich. Da war der Taxi­fah­rer neben sei­nem Wagen sowie – Isas Ver­fol­ger! Nur die­je­nige, die in den Zug gestie­gen war, befand sich nicht unter ihnen ...

Der Taxi­fah­rer deu­tete auf den Ein­gang des Bahn­ho­fes. Nach einem Augen­blick der Starre ver­ließ Isa die Loka­li­tät in Rich­tung Bahn­hofs­halle, wo sie schnell in Rich­tung ihres Zuges lief. Ein kur­zer Blick über die Schul­ter, noch waren sie nicht zu sehen! Da stand ihr Zug, schnell hin­ein. Noch fünf Minu­ten bis zur Abfahrt. Sie schaute aus dem Fens­ter. Da war der stäm­mige Mann auf der ande­ren Seite des Bahn­stei­ges, lief den dort ste­hen­den Zug ab, jetzt stieg er ein – viel Spaß dabei!, dachte Isa. Allein einen Zug zu durch­su­chen war sehr optimistisch.

Sie schaute hin­über zur ande­ren Seite, das glei­che Bild, eine der bei­den Frauen bestieg einen ande­ren Zug. Isa stand auf, ließ ihren Trol­ley wo er war, ging in Rich­tung Toi­lette, nur mit der Hand­ta­sche. Wo war die andere Beschat­te­rin? Wenn die in ihrem Zug war und die ande­ren her­bei­rief ... So gab Isa dem Drang nach, sich zu ver­ste­cken. In Nähe der Toi­let­ten­tür stand miss­bil­li­gen­den Bli­ckes eine ältere Dame, schaute Isa mit zusam­men­ge­zo­ge­nen Brauen an. Isa ver­suchte zu lächeln. „Ich will mich nur schmin­ken“, sagte sie erklä­rend, wohl wis­send, dass in Bahn­hö­fen die Benut­zung der Toi­let­ten nicht gestat­tet war. Die Gesichts­züge der älte­ren Dame ent­spann­ten sich und Isa schloss die Tür.

Sie stand da und lauschte. Da bemerkte die Eura­sie­rin nach einem ihr viel zu lange erschei­nen­den War­ten das Anfah­ren des Zuges. Sie atmete einen Augen­blick tief durch, als ein ener­gi­sches Klop­fen an die Toi­let­ten­tür sie auf­schre­cken ließ. Was nun? Um sich gegen eine Atta­cke zu weh­ren, musste Isa beide Hände frei­ha­ben. Die Hand­ta­sche um den Hals gehängt öff­nete sie die Ver­rie­ge­lung, ohne die Tür zu öff­nen. In Abwehr­stel­lung ver­harrte sie, doch die Per­son, die mit zusam­men­ge­zo­ge­nen Brauen die Tür öff­nete, war nur die ältere Dame. „Was haben Sie denn? Las­sen Sie mich end­lich rein“, keifte sie. Isa huschte schnell an ihr vor­bei, sich ein Lächeln ver­knei­fend. Doch dann war sie wie­der ganz gespannt, ließ ihre Bli­cke durch den Wag­gon schwei­fen, aber nie­mand von ihren Ver­fol­gern war zu sehen.

So ging sie zu ihrem Platz, wo sich ihr Trol­ley befand, ver­suchte, nach­dem sie sich hin­ge­setzt hatte, zu ent­span­nen, was ihr aber nicht gelang. Wenn sich jemand bewegte, durch den Wag­gon ging, war sie jedes Mal in Alarm­be­reit­schaft. Zugleich beschäf­tigte sie der Gedanke an den Edel­stein. Glück­li­cher­weise hatte ihr Smart­phone noch genug Akku­ka­pa­zi­tät, um zu recher­chie­ren. Sie stieß auch bald auf einen Inter­net-Arti­kel für Enthu­si­as­ten und Ken­ner, der berühmte Dia­man­ten zeigte.

Da störte Isa der Schaff­ner, aber sie hatte ja eine Fahr­karte und konnte ihre Recher­che fort­set­zen. So stieß die Eura­sie­rin auf immer mehr Infor­ma­tio­nen, sah Bil­der von diver­sen Edel­stei­nen mit unter­schied­li­chen Schlif­fen und For­men. Plötz­lich wei­te­ten sich ihre Augen. Eben hatte sie noch ner­vös auf­ge­schaut, dann aber fest­ge­stellt, dass nur zwei Teen­ager den Wag­gon betre­ten hat­ten. Jetzt kon­zen­trierte sie sich wie­der auf ihr Smart­phone. Das konnte doch nicht wahr sein! Was sie da auf dem Bild­schirm sah, ähnelte stark dem Stein, der in ihrer Hand­ta­sche ruhte! Aller­dings war es eine Schwarz­weiß­auf­nahme, doch nach­dem Isa das Bild ver­grö­ßert hatte, fiel ihr die­selbe bir­nen­ähn­li­che Form, der­selbe Schliff auf.

Sie klickte einen Link an und wurde auf eine Seite wei­ter­ge­lei­tet, die über­schrie­ben war mit den Wor­ten „Der berühmte Kry­ger-Dia­mant“. Kry­ger, eine schil­lernde Größe der Ber­li­ner Gesell­schaft der Wei­ma­rer Repu­blik. Aus Gali­zien, genauer aus Lem­berg in der heu­ti­gen Ukraine stam­mend, dann in Kra­kau tätig und Mitte der Zwan­zi­ger­jahre nach Ber­lin emi­griert, von wo er 1933 in die Staa­ten geflo­hen war, ohne den Dia­man­ten mit­neh­men zu kön­nen. Der Stein, des­sen Bild Isa ver­grö­ßerte, um sich zu ver­ge­wis­sern, dass es tat­säch­lich der­je­nige in ihrem Besitz war, hatte vor­her der letz­ten Zarin gehört, war dann aber nach 1917 in Kry­gers Hände gera­ten, nach dem er benannt wor­den war. So stand es im Inter­net. Seit 1933 ver­schol­len, jetzt in ihrer Hand­ta­sche! Gera­dezu unfassbar!

Isa war ein paar Augen­bli­cke fast in Trance, bevor sie wie­der in die Wirk­lich­keit des Zuges zurück­kehrte. Wer war diese Per­son dort hin­ten, die eine Base­ball­kappe so tief ins Gesicht gezo­gen hatte, dass sie fast nicht zu erken­nen war? Spähte die zu ihr her­über? War das eine der Frauen des Ver­fol­ger­teams? Doch dann tauchte ein Kind auf, ging zu der Frau und nahm ihr im Scherz die Mütze ab, wor­auf­hin Isa auf­at­mete! Eine harm­lose Mutter ...

Die Zeit im Zug nach Han­no­ver ver­ging nur lang­sam, in stän­di­ger Anspan­nung. Isa war müde nach dem lan­gen Tag, konnte es aber nicht ris­kie­ren ein­zu­schla­fen. Statt­des­sen las sie im Inter­net-Arti­kel, dass der Stein mög­li­cher­weise vor ein paar Jah­ren Teil der Beute eines spek­ta­ku­lä­ren Coups in Ber­lin gewe­sen war. Wenn man auch die Täter mit meh­re­ren erbeu­te­ten Schmuck­stü­cken gefasst hatte, war der Kry­ger-Dia­mant ver­schwun­den geblie­ben ... Wie­der schaute Isa Yang ner­vös auf, doch es war nur ein Geträn­ke­ver­käu­fer, der den Gang ent­lang­kam. Aber die Frage blieb: Was sollte sie machen, wenn ihre Ver­fol­ger im Zug waren und dar­auf lau­er­ten, sie zu stel­len? Sich tar­nen? Zumin­dest auf den ers­ten Blick nicht zu erken­nen sein?

Sie nahm die blaue Mütze ab, die der Taxi­fah­rer gese­hen hatte, und setzte eine weiße Base­ball­kappe auf, die sie in ihrer Hand­ta­sche hatte. Dann zog sie ihre grüne Jacke aus und ver­tauschte sie mit einer grauen aus dem Trol­ley. Das alles fiel nicht auf, weil die Plätze in ihrer Nähe nicht belegt waren.

Der Zug hatte in Wolfs­burg gehal­ten und näherte sich nun Han­no­ver. Dort sollte die Über­gabe statt­fin­den, ver­ein­bart war ein Zeit­raum zwi­schen 21 und 24 Uhr, um das Päck­chen abzu­ge­ben. Jetzt musste Isa noch die Kle­be­strei­fen erset­zen, um das Päck­chen zu ver­schlie­ßen und anschlie­ßend das Pack­pa­pier zu befes­ti­gen, wel­ches das Päck­chen umhül­len sollte.

Isa beschloss, trotz des Risi­kos dies­mal nicht die Toi­lette auf­zu­su­chen, die Begeg­nung mit der alten Dame hatte ihr gereicht. Statt­des­sen zog sie kurz­ent­schlos­sen zwei Packun­gen Taschen­tü­cher her­vor und legte sie auf die aus­klapp­bare Ablage vor ihr. Dar­auf­hin löste sie die Kle­be­strei­fen, mit denen die Ver­pa­ckun­gen der Taschen­tü­cher ver­schlos­sen wer­den konn­ten. Dann trennte sie mit der Schere ihres klei­nen Taschen­mes­sers die far­bi­gen Enden und hatte so zwei trans­pa­rente Kle­be­strei­fen, von denen der eine an der Spitze der Schere, der andere am Rande der Kunst­stoff­ab­lage klebte.

Ner­vös auf­schau­end öff­nete sie ihre Hand­ta­sche. Nie­mand in der Nähe. Schnell holte Isa Pack­pa­pier und Päck­chen aus besag­ter Hand­ta­sche, mus­terte noch ein­mal auf­merk­sam ihre Umge­bung und ver­schloss zuerst das Päck­chen. Die zer­schnit­te­nen Enden des alten Kle­be­strei­fens hatte sie ent­fernt, sie wur­den jetzt durch den neuen ersetzt. Dann fal­tete sie das Pack­pa­pier so wie vor­ge­ge­ben, ver­packte das Päck­chen wie zuvor. Im Falle des brau­nen Papiers ließ sie den alten Kle­be­strei­fen ein­fach dort, wo er war und klebte den neuen ein­fach über den zer­schnit­te­nen alten, auf diese Weise das zusam­men­ge­fal­tete Pack­pa­pier befes­ti­gend. Da beide Kle­be­strei­fen, der alte und der neue, trans­pa­rent waren, das Papier hin­ge­gen braun, fiel das über­haupt nicht auf, des­sen war sich Isa sicher ...

Mit ihrer Arbeit zufrie­den schaute sie sich zum wie­der­hol­ten Male um und glaubte auf ein­mal, das Herz stünde ihr still! War da nicht hin­ter der Scheibe zum Nach­bar­wag­gon eine ihrer Ver­fol­ge­rin­nen zu sehen gewe­sen? Auf­recht sit­zend, ange­spannt und auf­merk­sam, sah Isa sich um, aber sie ver­mochte nie­man­den von den Ver­fol­gern aus­zu­ma­chen. Hatte sie sich geirrt? War es so ver­wun­der­lich, dass sie anfing, sich etwas ein­zu­bil­den? Isa ver­harrte in gespann­ter Erwar­tung des han­no­ver­schen Haupt­bahn­ho­fes. End­lich, da war er, bald konnte sie den Zug ver­las­sen und sich auf die letzte Etappe begeben ...

Text: Jür­gen Rösch-Brassovan
Illus­tra­tion: Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina

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Miss Yang geht ins Finish - Der Kryger-Diamant (Teil III) 31. Mai 2019 - 9:34

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