Michael Haitel im Interview

by Bücherstadt Kurier

Wenn ich ein Buch aus­wäh­len sollte und ich alle mög­li­chen Gen­res zur Ver­fü­gung hätte, würde immer ein Krimi gewin­nen. Oder ein Thril­ler. Das heißt nicht, dass ich nicht immer noch gerne auch gute Sci­ence-Fic­tion lese, aber eigent­lich sind meine Vor­lie­ben viel ein­fa­cher umschrie­ben: Ein gutes Buch muss es sein.

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Der Ver­lag p.machinery ist ein sehr ambi­tio­nier­ter Klein­ver­lag für Pri­mär- und Sekun­där­li­te­ra­tur, unter der Feder­füh­rung von Michael Hai­tel. Die Ver­öf­fent­li­chun­gen sind meist in den Gen­res Sci­ence-Fic­tion oder Fan­tasy behei­ma­tet. Im Rah­men unse­rer Aktion, beson­ders die klei­nen, aber fei­nen Ver­lage vor­zu­stel­len, darf eben­die­ser Ver­lag nicht feh­len und so hat sich Zwi­schen­zei­len­ver­ste­cker Marco ein­fach mal an den Chef per­sön­lich gewandt. 

BK: p.machinery – ein unge­wöhn­li­cher Name für einen Ver­lag. Sicher ist es eine Frage, die dir oft gestellt wird, aber wie kam es zu ebendiesem?

MH: Ich finde den Namen nicht unge­wöhn­lich. Er bedeu­tet nichts ande­res als “Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie“ – kann es einen gei­le­ren Namen für einen Ver­lag geben?
Und wie er zustande kam, ist fast nahe­lie­gend, wenn man weiß, dass ich gebür­ti­ger Düs­sel­dor­fer und lang­jäh­ri­ger Fan elek­tro­ni­scher Musik bin. Stich­wort: „Pro­pa­ganda“. Die Düs­sel­dor­fer Band hat in ihrer ursprüng­li­chen Beset­zung in den 80ern schon Musik gemacht, die heute noch auf jedem Dance­floor rockt – und „P‑Machinery“ war einer ihrer Titel. Dar­aus eine „Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie“ zu machen war aller­dings nicht ein­mal nahe­lie­gend – bevor ich 2003/2004 einen Ver­lag dar­aus machte, exis­tierte unter die­sem Namen eine kleine Computerfirma.

BK: Die zwei gro­ßen Haupt­the­men bei p.machinery schei­nen Sci­ence-Fic­tion und Fan­tasy zu sein. Deckt sich das mit dei­nen eige­nen Genrevorlieben?

MH: Nein. Wenn ich ein Buch aus­wäh­len sollte und ich alle mög­li­chen Gen­res zur Ver­fü­gung hätte, würde immer ein Krimi gewin­nen. Oder ein Thril­ler. Das heißt nicht, dass ich nicht immer noch gerne auch gute Sci­ence-Fic­tion lese, aber eigent­lich sind meine Vor­lie­ben viel ein­fa­cher umschrie­ben: Ein gutes Buch muss es sein. Wenn es ein Lie­bes­ro­man ist – voilà, dann eben ein Liebesroman.

BK: Außer­dem fin­den viele Antho­lo­gien Platz im Pro­gramm. Ist das mitt­ler­weile eine Art zwei­tes Standbein?

MH: Eigent­lich ist das mein Haupt­stand­bein. Ich mag Kurz­ge­schich­ten – jeden­falls immer lie­ber, als eine Schwarte oder eine Mul­ti­lo­gie. Kurz­ge­schich­ten haben eine ganz eigene Tech­nik, eine ganz eigene Fähig­keit, einen Leser – mich! – zu packen und zu fas­zi­nie­ren. Es ist toll, wenn ein Autor ein Uni­ver­sum aus­ar­bei­ten und mit Leben erfül­len kann – tol­ler ist es, wenn man in einer Kurz­ge­schichte eine Andeu­tung von einem Uni­ver­sum bekommt und den Rest sel­ber machen kann.

BK: Gibt es Gen­res oder The­men, die noch nicht im Ver­lag erschie­nen sind, die du aber gerne eta­blie­ren würdest?

MH: Ja. Neben den bis­lang zwar bestehen­den, aber nicht sehr leben­di­gen Rei­hen „Erleb­nis­Hunde“ und „Erleb­nis­Malta“ habe ich noch eine neue Reihe im Hin­ter­kopf, die „Küs­ten­kri­mis“ hei­ßen wird. Da wer­den sich genau sol­che Kri­mis fin­den, die man mit dem Namen ver­bin­det: Kri­mis, die an Mee­res­küs­ten und auf Inseln spie­len. Nord­see, Ost­see, Ham­burg, aber auch Malta, Mal­lorca, Kana­ren, Kap­ver­den. Das Meer muss eine Rolle spie­len. Ich weiß, dass sol­che Kri­mis bereits zuhauf erschei­nen; ich bin Fan von Klaus-Peter Wolfs Ost­frie­sen­kri­mis. Aber das ist mir egal. Nicht zuletzt auch, weil es zum Bei­spiel noch keine rich­ti­gen Kri­mis gibt, die auf Malta spielen.

BK: Wie viel Zeit inves­tierst du in den Ver­lag und wie machst du das mit dem eigent­li­chen Broterwerb?

MH: Ich bin in der glück­li­chen Lage, kei­nen Weg zur Arbeit zurück­le­gen zu müs­sen; das spart viel Zeit, die man für sinn­vol­lere Dinge auf­brin­gen kann. Da ich in dem Netz­werk lebe, das ich haupt­be­ruf­lich unter mei­ner Fuch­tel habe, habe ich keine fes­ten Arbeits­zei­ten – aber auch die Mög­lich­keit, prak­tisch gleich­zei­tig haupt­be­ruf­lich und für mei­nen Ver­lag aktiv zu sein. Ich kann also zwangs­läu­fige Leer­lauf­zei­ten im Haupt­be­ruf pri­vat nut­zen und kann zu Zei­ten, zu denen andere Leute längst Fei­er­abend gemacht haben, unge­stört noch haupt­be­ruf­li­che Dinge erledigen.

BK: Ich habe über deine Vor­liebe für Malta, im Spe­zi­el­len für Gozo, gele­sen und kann diese abso­lut nach­voll­zie­hen, denn ich durfte beide Inseln eben­falls ken­nen­ler­nen. Was fas­zi­niert dich an die­sem Inselstaat?

MH: Malta war für mich Liebe auf den ers­ten Blick. Als ich 1994 erst­mals dort war, hat es ein­fach nur „Klick“ gemacht.
Abge­se­hen davon, dass Malta für jeman­den, der eini­ger­ma­ßen gut Eng­lisch kann, das per­fekte Rei­se­ziel ist, sind die Inseln auch hoch­kon­zen­trierte Kul­tur pur. Das ist euro­päi­sche Geschichte – begon­nen mit den Mega­li­th­kul­tu­ren – in reins­ter Essenz.
Aber natür­lich habe ich auch da Vor­lie­ben. Die mal­te­si­schen Kir­chen sind für mich die schöns­ten der Welt, sie sind schmuck­voll und ele­gant, ohne über­trie­ben pom­pös zu sein. Wer eine mal­te­si­sche Kir­che kennt und die Wies­kir­che hier in Ober­bay­ern zum Bei­spiel, der weiß, was ich meine. Und die Mal­te­ser, immer noch zu weit mehr als neun­zig Pro­zent Katho­li­ken, pfle­gen einen ganz ein­zig­ar­ti­gen Umgang mit ihrer Reli­gion und ihren Kir­chen. Man muss es mal erlebt haben, wie die Kir­chen auf Malta in der Woche vor Ostern her­ge­rich­tet wer­den – es ist unglaub­lich! Aber ich glaube, ich gerate ins Schwärmen …

BK: Wie sieht die Zukunft von Sci­ence-Fic­tion und Fan­tasy, dei­ner Mei­nung nach, aus?

MH: Es geht wei­ter. Es wer­den wei­ter­hin dicke Schin­ken, Schwulsto­lo­gien <hähä> geschrie­ben, viel Mist, natür­lich – das ist ein­fach immer so‑, aber auch viele gute Texte. Ver­lage wer­den gemein­sam mit Agen­ten und Autoren auch wei­ter­hin ver­su­chen, Sci­ence-Fic­tion als Genre zu ver­schwei­gen – „Thril­ler“ ver­kau­fen sich halt bes­ser, weil kei­ner was dazu tut, Sci­ence-Fic­tion ein ver­nünf­ti­ges Image zu geben –, und die moderne Trick­tech­nik wird auch wei­ter­hin geile, geilste und all­er­geilste Film­stoffe auf die Lein­wand brin­gen. Wer Sci­ence-Fic­tion und Fan­tasy tot­re­den will, der soll das mal machen. Der­weil kön­nen sich die Leute, die was Bes­se­res zu tun haben, darum küm­mern, was Bes­se­res dar­aus zu machen.

BK: Hor­ror hat sich eben­falls als Reihe bei p.machinery eta­bliert. Sind hier wei­tere Bücher in Planung?

MH: Natür­lich. Als nächste Titel ste­hen zwei Antho­lo­gien und ein Roman an. Die Antho­lo­gien sind die von Patrick Schön her­aus­ge­ge­be­nen „Schat­ten der Ver­gan­gen­heit“, ein Pro­jekt des der­zeit eher brach­lie­gen­den Antho­lo­gie­fo­rums, und Corinna Gries­bachs „Mons­ter of the Week“. Und der Roman wird ein Hor­ror­wes­tern von Tors­ten Scheib sein.

BK: Eine für mich beson­dere The­ma­tik ist die Musik. Auch diese hast du inner­halb eini­ger Antho­lo­gien lite­ra­risch ver­ar­bei­tet. Liegt die­ses spe­zi­elle Genre in einer per­sön­li­chen Bezie­hung zur Musik begründet?

MH: Manch­mal ja, manch­mal nicht. Der eigent­li­che Aus­lö­ser war Karla Schmidts Antho­lo­gie „Hin­ter­land“, die von David Bowies Musik inspi­rierte Geschich­ten prä­sen­tierte. Die Idee war damals ver­mut­lich schon nicht mehr neu, aber auf jeden Fall gut.
Die bis­he­ri­gen „Musikan­thos“ haben unter­schied­li­che Aus­gangs­punkte. Die ers­ten bei­den, „Die große Strei­fen­lüge“ (Kate Bush) und „Enter Sand­man“ (Metal­lica) basier­ten auf mei­nen eige­nen Vor­lie­ben. „Was geschah im Hotel Cali­for­nia?“ war ein Pro­jekt der „Geschich­ten­we­ber“ und basierte natür­lich auf dem end­los berühm­ten Eagles-Titel. „Nebel­me­lo­die“ war eine Idee der kürz­lich und lei­der viel zu früh ver­stor­be­nen Tedine Sanss, basie­rend auf der Musik des Nor­we­gers Pel­leK; ich selbst hatte bis­lang noch nicht mal die Gele­gen­heit, mir seine Musik anzu­hö­ren. Und „p.graffiti“, die Antho­lo­gie zum 10jährigen des Ver­la­ges, war auch wie­der eine Anre­gung von mir.
Es wird noch mehr sol­cher Antho­lo­gien geben, deren Geschich­ten durch Musik inspi­riert wer­den. Die Aus­schrei­bung zu Spliffs Album „85555“ läuft ja noch bis 30.11.2016 – aber ich habe schon neue Ideen in petto.

BK: Zu guter Letzt die obli­ga­to­ri­sche Bücher­stadt-Kurier-Frage: Wenn du ein Buch wärst, wel­ches wärst du?

MH: Ame­ri­can Psy­cho“ von Bret Eas­ton Ellis.

BK: Vie­len Dank und wei­ter­hin fro­hes und erfolg­rei­ches Schaffen!

Foto: pri­vat

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