#Meinungstheater: Seitenwechsel #OwnVoicesBK – Ein Film, viele Meinungen

by Bücherstadt Kurier
Seitenwechsel

Foto: Net­flix

Für das #Mei­nungs­thea­ter April haben sich Worte­we­be­rin Annika, Satz­hü­te­rin Pia, Zei­chen­set­ze­rin Alexa und Fabel­for­scher Chris­tian im Rah­men unse­res #Own­VoicesBK-Jah­res den Film „Sei­ten­wech­sel“ ange­schaut und ihre jeweils eigene Mei­nung gebildet.

Der Film „Sei­ten­wech­sel“ beruht auf dem gleich­na­mi­gen Roman von Nella Lar­sen und erzählt von der Schwar­zen Frau Clare, die beschließt, als Weiße zu leben – nicht ein­mal ihr ras­sis­ti­scher Ehe­mann ist im Bilde. Doch als Clare zurück nach New York kommt und auf ihre Schul­freun­din Irene trifft, gera­ten die Leben der bei­den Frauen lang­sam aus den Fugen: Clare möchte Teil der Schwar­zen Com­mu­nity sein, drängt sich in Ire­nes Freun­des­kreis und ihre Ehe und sorgt bald für Eifersucht.

Worte­we­be­rin Annika: Der Film erzählt in Schwarz-Weiß-Bil­dern aus der Per­spek­tive von Irene. Die Bil­der neh­men sich Zeit für Moment­auf­nah­men: So beob­ach­ten wir beim unver­hoff­ten Wie­der­se­hen der bei­den Schul­freun­din­nen zu Beginn des Films jede von Ire­nes Regun­gen ganz genau. Ich fand diese Art zu erzäh­len unge­wöhn­lich, weil sie so anders funk­tio­niert als andere aktu­elle Filme, aber für mich hat sie zum Sujet gepasst. Auch dass nicht alles aus­er­zählt wird, son­dern wir als Beobachter*innen deu­ten kön­nen, hat mir gefal­len. Aller­dings hat es auch dazu geführt, dass bei mir am Ende einige Fra­gen offen geblie­ben sind. Vor allem wohl des­we­gen, weil ich als Weiße einige Gefühle der Figu­ren nicht voll­stän­dig nach­füh­len kann – und schon von der Aus­gangs­lage ver­wirrt war. In Schwarz-Weiß sah es für mich ziem­lich ein­deu­tig aus, dass sowohl Irene als auch Clare Schwarze Frauen sind. Oder?

Satz­hü­te­rin Pia: Filme, die man nach­klin­gen und über die man mit jeman­dem reden muss, die schaue ich tat­säch­lich nicht so häu­fig. Zumin­dest ist mir noch kein Film wie „Sei­ten­wech­sel“ unter­ge­kom­men und ich bin am Ende froh, dass es durch das #Mei­nungs­thea­ter einen Aus­tausch mit ande­ren dazu geben konnte.

Der Film erzählt auf sehr unge­wöhn­li­che Weise mit bemer­kens­wer­ten Bil­dern eine noch spe­zi­el­lere Geschichte. Es bleibt sehr viel Raum für Inter­pre­ta­tion und Spe­ku­la­tion und sicher­lich ist das in mei­nem Fall auch dem geschul­det, dass ich weiß bin.

„Sei­ten­wech­sel“ hat mich über­ra­schend mit­ge­ris­sen und war nicht nur wegen der ver­gleichs­weise kur­zen Spiel­film­länge extrem kurz­wei­lig. Neben der Dar­stel­lung in Schwarz-Weiß, der unge­wöhn­li­chen Erzähl­weise und The­ma­tik, fand ich auch die Musik bemer­kens­wert. Das Kla­vier­klim­pern hat eine beson­dere Stim­mung geschaffen.

Zei­chen­set­ze­rin Alexa: „Sei­ten­wech­sel“ hat mich tief beein­druckt. Die­ser Film erzählt so viel, expli­zit und zwi­schen den Zei­len, dass ich nach dem Schauen erst ein­mal einen gro­ßen Gesprächs­be­darf hatte. Vor allem eine Szene zum Ende hin hat mich beschäf­tigt: In Sekun­den­schnelle wurde eine nicht ein­deu­tig inter­pre­tier­bare Hand­lung gezeigt, die enorme Aus­wir­kun­gen auf den wei­te­ren (Lebens-)Verlauf der Prot­ago­nis­tin­nen hat. Immer und immer wie­der habe ich zurück­ge­spult und mir diese Szene ange­se­hen, pau­siert, ana­ly­siert, mir Gedan­ken gemacht. Ich wollte ver­ste­hen, wie es dazu kam; ob die Hand­lung bewusst oder unbe­wusst voll­führt wurde. Eine klare Ant­wort bekam ich nicht. Das ist einer­seits unbe­frie­di­gend, und ande­rer­seits fas­zi­nie­rend, weil mir Filme heut­zu­tage immer sel­te­ner sol­che Sze­nen bie­ten, die mich der­art zum Nach­den­ken bringen.

„Sei­ten­wech­sel“ ist einer die­ser Filme, die sich und den Zuschauer*innen Zeit las­sen: Zeit zum Erzäh­len, Zeit zum Betrach­ten, Zeit zum Ein­füh­len. Da ist so viel Zeit und Ruhe zum Wahr­neh­men – von Ges­tik, Mimik, der Umge­bung, wei­te­ren Akteur*innen, die sonst unsicht­bar geblie­ben wären. Zeit zum Inter­pre­tie­ren des Dar­ge­stell­ten, der Räume, der Umge­bung und Bewe­gung oder des Stillstands.

Die Umset­zung in Schwarz-Weiß ist in mehr­fa­cher Hin­sicht pas­send, nicht nur wegen der Zeit, in der die Hand­lung spielt, der 1920er, son­dern auch auf­grund des the­ma­ti­sier­ten Kon­flikts: Es geht um die zwei Afro­ame­ri­ka­ne­rin­nen Irene Red­field und Clare Ken­dry, die auf­grund ihrer hel­len Haut­farbe als Weiß durch­ge­hen (könn­ten). Wäh­rend Irene sich dage­gen ent­schie­den hat, gibt sich Clare als Weiße aus. Als sich die ehe­ma­li­gen Schul­freun­din­nen viele Jahre spä­ter wie­der­se­hen, merkt Clare, was ihr gefehlt hat. Ihr Bedürf­nis danach, mehr Zeit unter Schwar­zen zu ver­brin­gen, wird zuneh­mend stär­ker. Sie nimmt einen immer grö­ße­ren Platz in Ire­nes Leben ein.

„Sei­ten­wech­sel“ ist ein Film vol­ler Mehr­deu­tig­kei­ten und wid­met sich dem kom­ple­xen Thema Iden­ti­tät: Wie neh­men sich die Prot­ago­nis­tin­nen selbst wahr und wie wer­den sie von ande­ren gese­hen? In wel­che Rol­len wer­den sie gedrängt und wel­che neh­men sie von sich aus ein? Sehr ein­drück­lich zeigt der Film, wie sich innere und äußere Kon­flikte bil­den – und was gesell­schaft­li­che Erwar­tun­gen damit zu tun haben.

Fabel­for­scher Chris­tian: Ich habe schon so einige Filme gese­hen, aber „Sei­ten­wech­sel“ war defi­ni­tiv etwas Neues. Auf­grund des For­mats und der Schwarz-Weiß-Optik war ich zu Anfang sofort an „The Artist“ erin­nert, doch damit waren die Gemein­sam­kei­ten auch bereits aus­ge­schöpft. Der Film machte es mir beson­ders zu Beginn nicht leicht zu erken­nen, wel­che Haut­farbe die Per­so­nen im Bild gerade haben. Die unter­schied­li­che Aus­leuch­tung der Sze­nen, von strah­lend hel­lem Son­nen­schein bis zu gera­dezu sche­men­haf­ten Dar­stel­lun­gen in fins­te­ren Innen­räu­men, tru­gen ihren Teil dazu bei. Wirk­lich sicher, ob die Per­so­nen nun Schwarz oder weiß waren, war ich mir vor allem bei Clare erst, als sie selbst es sagt. Der Film hat mich offen gestan­den etwas über­for­dert und es fällt mir schwer, nach ein­ma­li­gem Schauen ein Urteil zu bil­den. Zwi­schen­durch fand ich ihn recht lang­at­mig, aber wohl vor allem des­halb, weil ich auf Erklä­run­gen und Ant­wor­ten war­tete – (lei­der) ver­geb­lich. Am Ende bleibt vie­les offen und gro­ßer Dis­kus­si­ons­be­darf. Ich werde „Sei­ten­wech­sel“ wohl erst­mal sacken las­sen und ihn mir mit genü­gend Abstand und Vor­wis­sen noch ein­mal ansehen.

Sei­ten­wech­sel. Regie & Dreh­buch: Rebecca Hall. Mit Ruth Negga, Tessa Thomp­son, Alex­an­der Skarsgård u.a. USA. Net­flix. 2021. FSK 12.

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