#Meinungstheater: Mord im Orientexpress Ein Film – viele Meinungen

by Bücherstadt Kurier

Nach der Som­mer­pause mel­det sich das bücher­städ­ti­sche #Mei­nungs­thea­ter mit „Mord im Ori­ent­ex­press“ zurück. Satz­hü­te­rin Pia, Worte­we­be­rin Annika, Bücher­städ­te­rin Michelle-Denise, Wort­spie­ler Nico, Fabel­for­scher Chris­tian und Zei­len­schwim­me­rin Ronja haben sich den Film angesehen.

Satz­hü­te­rin Pia: Der bel­gi­sche Detek­tiv Her­cule Poi­rot gerät bei einer Fahrt mit dem legen­dä­ren Ori­ent Express in eine unge­wöhn­li­che Situa­tion: Kurz nach­dem die Lok von einer Schnee­la­wine zum Stop­pen gebracht wurde, wird die Lei­che eines ermor­de­ten Pas­sa­giers gefun­den. Eine Ver­bin­dung zur Außen­welt gibt es nicht und Poi­rot muss sich ganz auf sei­nen Spür­sinn und die Befra­gung der Zug­gäste ver­las­sen. Die Her­aus­for­de­rung wird immer grö­ßer, je mehr Details Poi­rot auf­deckt, denn der ermor­dete Rat­chett reiste unter fal­schem Namen. In Wahr­heit war er ein flüch­ti­ger Mör­der und alle Mit­rei­sen­den stan­den mit den Opfern sei­nes letz­ten Ver­bre­chens in Ver­bin­dung. Sie alle haben also ein Motiv ...

Nach­dem wir den Film bereits vor eini­gen Jah­ren ange­se­hen hat­ten, haben Wort­spie­ler Nico und ich ihn uns für das Mei­nungs­thea­ter noch ein­mal zu Gemüte geführt. Bevor ich dazu über­gehe, wie mir der Film gefal­len hat, sollte ich vor­weg­neh­men, dass wir beide weder Aga­tha Chris­ties Bücher um Her­cule Poi­rot ken­nen, noch jemals eine andere Ver­fil­mung gese­hen haben. Ob die 2017er Ver­fil­mung des berühm­ten Kri­mi­nal­stof­fes an die Buch­vor­lage her­an­kommt oder wie sie im Ver­gleich mit ande­ren Ver­fil­mun­gen ist, kann ich nicht ein­schät­zen. Diese Ver­fil­mung von und mit Ken­neth Bra­nagh hat mich jeden­falls sehr gut unter­hal­ten – auch beim zwei­ten Anschauen. Die Beset­zung ist hoch­ka­rä­tig, die Optik anspre­chend und die ganze Insze­nie­rung stim­mungs­voll – und bei aller Ernst­haf­tig­keit kommt auch der Witz nicht zu kurz. Der Film bie­tet eine ange­nehme Abend­un­ter­hal­tung, ist viel­leicht nicht bahn­bre­chend, aber alle­mal eine gute Unter­hal­tung. Ich bin somit schon gespannt auf den für das kom­mende Jahr ange­kün­dig­ten Nach­fol­ger „Tod auf dem Nil“ – eben­falls mit Ken­neth Bra­nagh in der Rolle des Detek­tivs Poirot.

Worte­we­be­rin Annika: „Mord im Ori­ent­ex­press“ haben Fabel­for­scher Chris­tian und ich bei Erschei­nen im Kino und jetzt zur Auf­fri­schung auf Net­flix gese­hen – unter sehr unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen. Wäh­rend er Poi­rot-Fan ist, bin ich ganz unvor­ein­ge­nom­men an den Film her­an­ge­gan­gen. Neben der span­nen­den Geschichte mit der über­ra­schen­den Auf­lö­sung und der star­ken Beset­zung, haben mich vor allem die Bil­der über­zeugt. Unge­wöhn­li­che Kame­ra­per­spek­ti­ven wie der Blick von oben in die Zug­ab­teile sind mir beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben. So hat mich „Mord im Ori­ent­ex­press“ gut unter­hal­ten – gerade aller­dings lese ich mit „Das feh­lende Glied in der Kette“ mei­nen ers­ten Poi­rot-Krimi und bin gespannt dar­auf, wie sich meine Ein­schät­zung danach verändert.

Bücher­städ­te­rin Michelle-Denise: In mei­ner Kind­heit habe ich die Kri­mis von Aga­tha Chris­tie ver­schlun­gen. Mein Fokus lag damals aller­dings auf den Fäl­len mit Miss Marple als Ama­teu­rer­mitt­le­rin. Den­noch war mir der bel­gi­sche Pri­vat­de­tek­tiv Her­cule Poi­rot sowie sein wohl bekann­tes­ter Fall „Mord im Ori­ent­ex­press“ geläu­fig. Als 2017 diese Neu­ver­fil­mung in die Kinos kam, saß ich vol­ler Vor­freude (mit reich­lich Pop­corn) im Kino­ses­sel und habe jede ein­zelne Minute genossen.

Span­nende Dia­loge mit einer Prise Humor haben mich mit den Prot­ago­nis­ten mit­fie­bern las­sen. Zudem glänzt der Film mit einer hoch­ka­ra­ti­gen Star­be­set­zung, unter ande­ren mit Johnny Depp als Kunst­händ­ler Edward Rat­chett, der dem Ermitt­ler Her­cule Poi­rot zwi­schen­zeit­lich die Show stiehlt. Beson­ders her­vor­zu­he­ben sind die beein­dru­cken­den Land­schafts­auf­nah­men und die schöne Kulisse inner­halb des Ori­ent­ex­pres­ses. Das wird nicht das letzte Mal sein, dass ich den Film geschaut habe, denn er steht der Roman­vor­lage in nichts nach. Wer neu­gie­rig auf eine Fort­set­zung ist, kann sich freuen, denn Anfang 2022 kommt end­lich der lang­ersehnte nächste Fall „Tod auf dem Nil“ mit Her­cule Poi­rot in die Kinos.

Wort­spie­ler Nico: Nach­dem „Mord im Ori­ent­ex­press“ anfangs nur bei Ama­zon Prime ver­füg­bar war und wir ihn dort ange­se­hen hat­ten, haben Satz­hü­te­rin Pia und ich ihn zur Auf­fri­schung noch­mal bei Net­flix ange­guckt. Auch wenn ich den Film schon kannte, wurde ich aufs Neue wie­der gut unter­hal­ten – und das macht für mich einen guten Film aus: wenn ich ihn immer wie­der gucken kann und dann nicht gelang­weilt bin. Auch dies­mal wurde ich wie­der von den teils unge­wöhn­li­chen Kame­ra­per­spek­ti­ven über­rascht. So wurde eine Szene im Gang vor den Schlaf­ab­tei­len kom­plett von oben gefilmt, um alle drei Dar­stel­ler der Szene ein­zu­fan­gen. Die soge­nannte Vogel­per­spek­tive, wie wir sie aus alten Video­spie­len ken­nen, ist mir so bis­her sel­ten unter­ge­kom­men. Meist „fliegt“ die Kamera über einen Stra­ßen­zug oder es gibt einen flie­ßen­den Über­gang in eine andere Szene. Von mir gibt es ins­ge­samt eine klare Emp­feh­lung für den Film, der unter ande­rem mit sei­ner hoch­ka­rä­ti­gen Beset­zung glän­zen konnte.

Fabel­for­scher Chris­tian: In vie­ler­lei Hin­sicht kann ich mich mei­nen Vorredner*innen anschlie­ßen: Ja, der Film ist hoch­ka­rä­tig besetzt, ja, tech­nisch ist der Film ast­rein umge­setzt und die teils unge­wöhn­li­chen Kame­ra­per­spek­ti­ven sind eine Augen­weide und ja, er ist durch­aus span­nend und unter­halt­sam. ABER: Wer den etwas beleib­ten bel­gi­schen Detek­tiv mit dem Schnurr­bart, dem Eier­kopf und den grü­nen Kat­zen­au­gen aus den Büchern kennt, muss bei die­sem Film ein dickes Fell haben. Poi­rot drau­ßen, ohne Schal und Man­tel, im Win­ter?! Poi­rot, der wie ein Action­held einen Ver­däch­ti­gen über ein Holz­ge­rüst ver­folgt?! Mit der Figur aus den Büchern hat der Film-Poi­rot kaum etwas gemein. Wer die Bücher viel­leicht sowieso nicht gele­sen hat und Lust auf Span­nung, Action und tolle Bil­der hat, der kommt trotz­dem voll auf seine Kosten.

Zei­len­schwim­me­rin Ronja: Als lang­jäh­ri­ger Aga­tha-Chris­tie-Fan musste ich die Neu­ver­fil­mung sehen. Aller­dings bin ich schon mit eini­gen Zwei­feln rein­ge­gan­gen. Der Trai­ler sah schon deut­lich rei­ße­ri­scher aus, als es sich für einen AC-Krimi eigent­lich anbie­tet und die Menge der mit­spie­len­den gro­ßen Stars war für mich eher ein Minus- als ein Plus­punkt, weil ich befürch­tete, dass die Hand­lung dar­un­ter leidet.

„Mord im Ori­ent­ex­press“ ist einer DER Klas­si­ker im Kri­mi­be­reich. Eine frü­here Ver­fil­mung von Sid­ney Lumet (1974) war eben­falls mit bekann­ten Schau­spie­lern besetzt, hat den Roman aller­dings präch­tig als Film umge­setzt. Jede ein­zelne der zahl­rei­chen Figu­ren erhielt gleich­be­rech­tigte Zeit und die Geschichte ent­wi­ckelte sich ebenso ruhig und span­nend wie im Roman.

Anders die Neu­ver­fil­mung. Ich hätte mich gern posi­tiv über­ra­schen las­sen. Lei­der pas­sierte hier jedoch das, was man Hol­ly­wood oft vor­wirft: Aus einem ruhi­gen und gelun­ge­nen Ori­gi­nal machen sie einen action­rei­chen Strei­fen. Wer Poi­rot kennt, weiß, dass Action nun wirk­lich nicht sein Ding ist. Poi­rot auf einer Ver­fol­gungs­jagd mit Ren­nen und Sprin­gen? Nie im Leben.

Was die Star­be­set­zung angeht, hat Poi­rot-Dar­stel­ler und Regis­seur Ken­neth Bra­nagh bis zu einem gewis­sen Grad auch meine Befürch­tun­gen erfüllt. Die Figu­ren wur­den nicht gleich­be­rech­tigt beleuch­tet, obwohl alle gleich wich­tig sind. Man­che Infor­ma­tio­nen wur­den lieb­los in einem Satz nach­ge­reicht. Eini­ges hätte mir auch gefehlt, würde ich nicht die Hand­lung schon ken­nen. Beson­ders schreck­lich fand ich die Auf­lö­sung. Poi­rot ist eine Drama-Queen, aber das war doch zu viel des Guten.

Posi­tiv her­vor­he­ben möchte ich die Optik des Films. Die Kos­tüme sind präch­tig, die Kame­ra­fahr­ten gelun­gen und die schau­spie­le­ri­sche Leis­tung durch­weg gut. Bloß die schwarz-weiß-Rück­blen­den waren weder farb­lich noch sti­lis­tisch pas­send (und viel zu sel­ten ein­ge­setzt, um Stil­mit­tel zu sein). Mir ist bewusst, dass Roman und Film unter­schied­li­che Medien sind, die unter­schied­li­che Ansprü­che haben und man auch „mit der Zeit gehen“ muss. Aber bitte, DAS war keine gute Roman­ver­fil­mung. Wer einen Action­film dre­hen möchte, sollte kei­nen Aga­tha Chris­tie als Vor­lage nehmen.

Mord im Ori­ent­ex­press. Regie: Ken­neth Bra­nagh. Dreh­buch: Michael Green. Mit Ken­neth Bra­nagh, Pené­lope Cruz, Wil­lem Dafoe u.a.. 20th Cen­tury Fox. USA. 2017. FSK 12.

Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina hat bereits 2017, als „Mord im Ori­ent­ex­press“ in die Kinos kam, über den Film geschrie­ben. Hier könnt ihr ihre Kri­tik lesen.

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