„Lies mich!“

Lies mich„Be­vor ich ge­bo­ren wur­de, war al­les weiß. Be­vor ich ge­bo­ren wur­de, hät­te ich al­les wer­den kön­nen. Der ers­te Satz zer­stör­te das Weiß und mach­te das üb­ri­ge Weiß umso wei­ßer. Zu die­sem Satz ge­sell­te sich ein zwei­ter, der ei­nen drit­ten nach sich zog, der ei­nen vier­ten mit sich brach­te. So be­gann ich zu wach­sen und spür­te won­nevoll, wie sich mei­ne Sei­ten füll­ten.“

„Lies mich“ von Sara Rei­chelt – er­schie­nen 2014 im Ver­lag 3.0 – ist die Ge­schich­te der Ent­ste­hung und des Wer­de­gangs ei­nes Bu­ches. Sie er­zählt zu­nächst aus der Per­spek­ti­ve des „Ur-Buches“ oder „Bu­ches Num­mer 1“, das un­ter an­de­rem vom „wei­ßen“ An­fang, von Schreib­blo­cka­den und von der Schwie­rig­keit des Titel-Suchens be­rich­tet. Dar­auf fol­gen die Er­zäh­lun­gen von je­weils ei­nem oder meh­re­ren der 24 an­de­ren, iden­ti­schen Buch-Klone, die sich zu Be­ginn alle ge­mein­sam in ei­nem Kar­ton in der Woh­nung der „Schöp­fe­rin“ be­fin­den, de­ren Ziel und Wunsch es je­doch ist, ein Pu­bli­kum zu fin­den. Der Rei­he nach kom­men sie alle auf die eine oder an­de­re Wei­se aus dem Kar­ton und ma­chen sich auf eine aben­teu­er­li­che Rei­se, sei es als Vor­le­se­ex­em­plar der Au­to­rin oder als Rei­se­be­glei­tung ei­nes un­ga­ri­schen Her­ren.

Das Be­son­de­re an die­sem Buch ist, dass sich nach je­dem Ka­pi­tel, also nach je­der Er­zäh­lung, ein Ge­dicht fin­det, das die Ge­dan­ken des be­rich­ten­den Bu­ches wie­der­gibt und noch­mals den In­halt des Ka­pi­tels re­flek­tiert. Dies ge­schieht in ei­ner sehr kunst­vol­len, aber auch rät­sel­haf­ten Spra­che, die den Le­ser dazu an­hält, ge­wis­se Stel­len mehr­mals zu le­sen und selbst nach­zu­den­ken, um die Tex­te ei­ner­seits ver­ste­hen, an­de­rer­seits aber auch Par­al­le­len zum ei­ge­nen Le­ben zie­hen zu kön­nen.

„Lies mich“ ist sehr an­ge­nehm zu le­sen: ei­ner­seits auf­grund der recht kur­zen Ka­pi­tel, in de­nen aber den­noch al­les steht, was nö­tig ist, an­de­rer­seits we­gen der Ver­bin­dung von Pro­sa und Ly­rik. Da­durch ent­steht eine Art Ge­samt­kunst­werk, das den Cha­rak­ter der ein­zel­nen Bü­cher, ihre in­di­vi­du­el­len Ge­dan­ken und Ge­füh­le so deut­lich zum Aus­druck bringt, dass man als Le­ser rich­tig mit­fie­bert und je­dem ein­zel­nen Buch nur das Bes­te wünscht. Denn schluss­end­lich for­dern sie alle nur ei­nes: Lies mich!

Sil­via
4 Laternen

Lies mich, Sara Rei­chelt, Ver­lag 3.0, 2014

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Literatur für alle!

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