Lieder für alle #BKmusikalisch

by Bücherstadt Kurier

In kei­ner Gat­tung tref­fen Lite­ra­tur und Musik so unmit­tel­bar auf­ein­an­der wie im Kunst­lied. Auf der einen Seite das Gedicht, auf der ande­ren die Ver­to­nung, die in irgend­ei­ner Form auf den Text reagiert. Es ist eine wech­sel­sei­tige Bezie­hung, ein Spa­gat zwi­schen Text­ver­ständ­lich­keit und Musi­ka­li­tät. Das Kunst­lied, das ist kein Geheim­nis, hat es nicht unbe­dingt leicht. Bei den gro­ßen Kom­po­nis­ten der Roman­tik, Franz Schu­bert oder Robert Schu­mann etwa, fragt sich womög­lich der ein oder andere, wie aktu­ell ihre Lie­der, denen Lyrik von Heine, Eichen­dorff und Co. zugrunde liegt, heute noch sind. – Von Stadt­be­su­cher Jesper Klein

Warum ist das Lied selbst in der Klas­sik­welt ein ver­meint­li­ches Stief­kind? Viel­leicht, weil es so intim ist. Das Kunst­lied macht nicht über große Beset­zun­gen und Klang­fülle auf sich auf­merk­sam, abge­se­hen vom Kla­vier gibt es übli­cher­weise keine ande­ren Instru­mente. Viel­leicht auch, weil es in unse­rer beschleu­nig­ten, digi­ta­li­sier­ten Welt ein wenig old-fashio­ned erscheint, die schöne Natur, Bäche, Wäl­der, Wie­sen und Fel­der zu besin­gen. Ist das nicht alles ein biss­chen ver­küns­telt und nicht mehr gegenwärtig?

Kann schon sein. Die See­len­land­schaf­ten in Schu­berts „Win­ter­reise“ zu ergrün­den, ist heute aller­dings nicht weni­ger span­nend als ges­tern. Und sind The­men wie Liebe und Abschied nicht ohne­hin über­zeit­lich? Wer knapp 200 Jahre zurück­reist und sich auf die Spra­che des Kunst­lie­des ein­lässt, kann an die­ser kom­pri­mier­ten Form von Musik seine Sinne schärfen.

Natür­lich ist das Lied nicht ver­gan­gen oder gar tot, es lebt an ver­schie­de­nen Orten auf ver­schie­dene Wei­sen wei­ter; es wird gepflegt, beschützt und gehü­tet, ohne dass es die ganz gro­ßen Men­schen­mas­sen anlockt. Da wäre zum Bei­spiel Hei­del­berg, eine heim­li­che Lied­stadt, in der einst wich­tige Lied­kom­po­nis­ten der Roman­tik ein und aus gin­gen; im Jahr 2016 wurde hier ein Lied­zen­trum gegrün­det. Zudem gibt es einen inter­na­tio­na­len Lied­wett­be­werb und das Fes­ti­val „Neuland.Lied“ vom Hei­del­ber­ger Früh­ling wid­mete sich in die­sem Jahr dem poli­ti­schen Lied.

Natür­lich schrei­ben Kom­po­nis­ten auch heute noch Lie­der. Beim Kis­sin­ger Som­mer wird in der Lie­der­werk­statt jedes Jahr die Fahne für das zeit­ge­nös­si­sche Lied hoch­ge­hal­ten, abseits vom Klas­sik-Main­stream. Das Lied lebt also, selbst­ver­ständ­lich. Viel­leicht lockt es nicht vor­ran­gig das junge Publi­kum ins Kon­zert, aber ist es zwi­schen ver­meint­lich alt­mo­disch und retro nicht ohne­hin ein schma­ler Grat? Die Säle kann das Lied durch­aus fül­len, wie zuletzt Chris­tian Ger­ha­her und Gerold Huber bei den Baden­wei­ler Musik­ta­gen bewie­sen. Sie zäh­len zu den wich­tigs­ten Lied­in­ter­pre­ten der Gegen­wart und neh­men momen­tan sämt­li­che Lie­der Robert Schu­manns auf CD auf. Ein Großprojekt!

Fasst man den Lied­be­griff wei­ter und bezieht die popu­läre Musik mit ein, erreicht das Lied zwei­fel­los bereits die breite Masse, in der Pop­mu­sik konnte sich keine andere Gat­tung eta­blie­ren. Und der Euro­vi­sion Song Con­test ist schließ­lich auch nichts ande­res ist als ein Lied­wett­be­werb – aber das ist nun wirk­lich eine ganz andere Geschichte.

Jesper Klein (*1994) stu­diert in Hei­del­berg Musik­wis­sen­schaft und schreibt als freier Autor über Musik. Unter ande­rem im Feuil­le­ton der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung, in der Zeit­schrift Opern­welt, für das Musik­jour­na­lis­ten­kol­lek­tiv niu​sic​.de und für die Rhein-Neckar-Zeitung.

Ein Bei­trag zum Spe­cial #BKmu­si­ka­lisch. Hier fin­det ihr alle Beiträge.
Illus­tra­tion: Worte­we­be­rin Annika

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