Liebe vertreibt die Kriegskälte

by Bücherstadt Kurier

Eine rus­si­sche Win­ter­land­schaft in der ers­ten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts. Es ist triste, kalt und Far­ben las­sen sich nur in Grau­ab­stu­fun­gen benen­nen. Eine kurze Novelle eines unbe­kann­ten Rus­sen, doch eine zarte Lie­bes­ge­schichte, die in der Ein­fach­heit und Anony­mi­tät ihres Umfelds Feuer im Her­zen des Lesers schürt.

„Alles wird zu einer Abs­trak­tion, wenn die Hand­lung ohne Kulisse erfolgt.“

Der Ich-Erzäh­ler, Offi­zier, fährt in einem Laza­rett­zug mit Ärz­ten und Kran­ken­schwes­tern von einem zum ande­ren unbe­stimm­ten Ort, liest Goe­the und ver­liebt sich uner­war­tet in die blut­junge, leicht­le­bige Kran­ken­schwes­ter Vera. Zeit und Ort blei­ben dem Leser vor­ent­hal­ten und schei­nen auch unwich­tig – irgend­wie. Es herrscht Krieg. Doch die Stim­mung im Zug wirkt abge­schirmt, dem Umfeld ent­ho­ben. Der bele­sene Offi­zier, dem 18. Jahr­hun­dert ver­fal­len, beob­ach­tet. Er pro­ji­ziert das Bild­nis der fran­zö­si­schen Manon Les­caut aus dem gleich­na­mi­gen Roman von Abbé Pré­vost auf Vera, umgarnt sie mit einer Galan­te­rie, die ihr den Kopf verdreht.

„Nein, man muss allein mit sich selbst ster­ben und mit der letz­ten Wil­lens­an­stren­gung die Form des Geis­tes bewah­ren, bis er selbst erstarkt in sei­nem neuen Schicksal.“

Geplagt von Ersti­ckungs­an­fäl­len, ans Bett gefes­selt, gibt sich der sen­si­ble Ich-Erzäh­ler sei­ner deut­schen Lek­türe hin, um stets mit den Gedan­ken phi­lo­so­phi­sche Erkun­dungs­flüge zu wagen, distan­ziert sich dabei vom Bild des kraft­vol­len, pro­le­ta­ri­schen Kriegs­hel­den. In Tur­dej – dem ein­zi­gen Ort in die­ser kur­zen Novelle – macht der Laza­rett­zug Halt und das Lie­bes­paar kommt sich näher.

„Der Mensch exis­tiert nicht, solange er sich nicht im Spie­gel gese­hen hat.“

Vera liebt. Vera liebt viel. Doch ent­deckt sie im Laufe ihrer Romanze mit dem Offi­zier, dass sie nie­mals zuvor so sehr geliebt hat – hat sie in ihrem flüch­ti­gen Dasein ohne siche­ren Halt je wirk­lich lie­ben kön­nen? Sie trot­zen dem Gerede im Zug, bil­den einen Kon­trast zur Kriegs­kälte, brin­gen Farbe ins Geschehen.

„Ich hatte Angst, ein­zu­at­men und diese Stille zu durchstoßen.“

Petrow erschafft in der grauen Kriegs­land­schaft eine Liebe, die dank der poe­tisch, fili­gra­nen und den­noch geschick­ten Erzähl­weise sanft wie eine Feder schwebt, alles berührt, Auf­merk­sam­keit erregt – doch sich je nach Wind­stoß neu ori­en­tiert: über­ra­schend tra­gisch. Jahr­zehn­te­lang lag diese – im wahrs­ten Sinne des Wor­tes – zau­ber­hafte Geschichte in der Schub­lade des Autors, regel­mä­ßig aus­schnitts­weise öffent­lich vor­ge­tra­gen, doch nie ver­öf­fent­licht. 2006 in einer rus­si­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift erschie­nen, sorgte sie für Furore.
Tat­säch­lich fällt es schwer Worte zu fin­den, man fragt sich: Wie konnte der Autor auf so weni­gen Sei­ten eine der­art wun­der­schöne, zarte Welt erschaf­fen? Man hört den pfei­fen­den Wind aus jeder Seite her­aus, spürt den kna­cken­den Ofen, schmeckt die sanf­ten Küsse. Stille erhält eine neue Bedeu­tung und wird zum Inbe­griff von Glück in die­ser grauen Zeit. Eine Stille, die wahr­haf­tig berührt!

Nicole
urwort​.com

Die Manon Les­caut von Tur­dej, Wse­wo­lod Petrow, Daniel Jur­jew (Über­set­zer), Weidle Ver­lag, 2012
Ein Bei­trag zum Lese­pro­jekt „Rus­si­sche Literatur“.

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saetzebirgit 12. Oktober 2014 - 16:53

Eine wun­der­schön tra­gi­sche Geschichte!

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