Lesen auf Portugiesisch

by Worteweberin Annika

Literatur im Urlaub Worte­we­be­rin Annika hat für drei Wochen die Bücher­stadt hin­ter sich gelas­sen, und statt­des­sen die Algarve im Süden Por­tu­gals erkun­det. Was sie dort über Bücher und das Lesen her­aus­ge­fun­den hat, berich­tet sie hier.

Anfang März geht es los: Ich steige mor­gens ins Flug­zeug nach Lis­sa­bon, im Gepäck reich­lich Lek­türe, um die nächs­ten drei Wochen zu über­ste­hen. Fünf Romane, drei davon für ein Semi­nar im nächs­ten Semes­ter. Abends komme ich schließ­lich in der Nähe von Lagoa an, in einer gemüt­li­chen Feri­en­woh­nung mit Blick aufs Meer. Die Lek­türe ist da schon ein biss­chen in Ver­ges­sen­heit gera­ten, immer­hin gibt es hier viel zu entdecken!

Die Ruine des Dichters

So mache ich mich auf, die Algarve zu erkun­den. Aber ganz lässt mich das geschrie­bene Wort dabei nicht los. Im klei­nen Berg­dorf Alte laufe ich an einem Schild vor­bei, hier steht das Geburts­haus des Poe­ten Cân­dido Guer­reiro. Sei­nen Namen trägt hier auch eine Schule und eine Straße, einige Verse aus sei­nen Gedich­ten ste­hen an einem Amphi­thea­ter in der Nähe. Anschei­nend ist der hier rich­tig bekannt! Im Inter­net kann ich trotz­dem nichts über ihn her­aus­fin­den, jeden­falls solange ich kein Por­tu­gie­sisch lerne. Das Dach des Geburts­hau­ses von Guer­reiro ist halb ein­ge­stürzt, innen im Hof wach­sen klei­nere und grö­ßere Pflan­zen und eine hat sich sogar bis auf die Treppe vor­ge­wagt, die wohl in den ers­ten Stock führt. Es riecht muf­fig. Wie gemütlich.
Aber die Leute hier haben wahr­schein­lich ein­fach andere Sor­gen, als alte Häu­ser her­zu­rich­ten. Viel­leicht auch andere als zu lesen?

Etwas zu lesen

Eine Buch­hand­lung ent­de­cke ich in den drei Wochen jeden­falls nir­gendwo. Das kann daran lie­gen, dass die Städt­chen hier ziem­lich klein sind. Fuß­gän­ger­zo­nen wie in Deutsch­land gibt es eher nicht. Im Super­markt finde ich einige Romane, neben Zeit­schrif­ten und Mal­bü­chern. Die Autoren kenne ich nicht, nur von Nora Roberts habe ich schon ein­mal gehört und bringe sie mit schmal­zi­gen Schnul­zen in Ver­bin­dung. Auf dem Cover ist das Meer abge­bil­det und alles wirkt sehr idyl­lisch. Das kommt also hin.
Über­haupt kenne ich keine por­tu­gie­si­schen Schrift­stel­ler, stelle ich fest. Nur Paolo Coelho, aber der ist aus Bra­si­lien. Auf wiki­pe­dia ent­de­cke ich eine Liste, aber von den Namen habe ich noch nie etwas gehört: José Sara­mago hat sogar den Lite­ra­tur­no­bel­preis gewon­nen, Antó­nio Lobo Antu­nes ist laut Inter­net zumin­dest Anwär­ter dar­auf, und Gon­calo M. Tava­res soll sogar in Deutsch­land sehr bekannt sein. Geschrie­ben wird in Por­tu­gal also doch. Ich habe es nur noch nicht gele­sen. Aber viel­leicht lässt sich die Bil­dungs­lü­cke bald schließen.

Feri­en­haus­bi­blio­thek zum Verlieben?

In der Feri­en­woh­nung gibt es unter dem Fern­se­her sogar eine kleine Biblio­thek. Wie das Fern­seh­pro­gramm, so ist auch das Lese­pro­gramm hier kom­plett auf Deutsch. Die Gen­res sind recht gemischt: His­to­rien­ro­mane ste­hen neben Lie­bes­ge­schich­ten, Rei­se­füh­rern und Kri­mis. „Inseln der Liebe – 3 Erfolgs­ro­mane für nur € 4,95!“ zum Bei­spiel sieht aus wie die Gro­schen­ro­mane, die man am Bahn­hof kau­fen kann. Die Geschichte „Der Play­boy von Tobago“ darin macht mich fast schon neu­gie­rig, aber bis dahin hat der oder die Lese­rIn es gar nicht mehr geschafft, denn...
In Kapi­tel fünf von „Du bist eine ein­zige Ver­su­chung“ klemmt eine Post­karte aus Lis­sa­bon als Lese­zei­chen. So groß war die Ver­su­chung dann wohl doch nicht. „Duft der Lei­den­schaft“ steht nur einige Zen­ti­me­ter wei­ter, ein wei­te­res Kurio­sum, auf dem Cover umar­men sich eine blonde Frau und ein mus­ku­lö­ser Mann, natür­lich nackt, aber durch wehende Tücher von den Augen der Betrach­ter ver­bor­gen. Allein das ist schon ein Kli­schee, und auch die paar Sätze, die ich darin auf­schnappe, brin­gen mich zum Schmunzeln.
Irgend­wer hatte hier eine extrem roman­ti­sche Ader. Zum Glück ist die Aus­wahl grö­ßer. Im „Lexi­kon der popu­lä­ren Irr­tü­mer“ lerne ich, dass das Ei des Kolum­bus eigent­lich gar nicht auf sei­nem Mist gewach­sen ist, an wel­chem Wochen­tag Akti­en­kurse eigent­lich fal­len und dass Ein­stein sei­nen Nobel­preis gar nicht für die Rela­ti­vi­täts­theo­rie bekam. Woher die Bücher hier kom­men, kann ich jedoch nur erra­ten. Viel­leicht haben ehe­ma­lige Gäste sie hier gelas­sen? Doch warum? So rich­tig begeis­tert mich in die­ser Biblio­thek jeden­falls kei­nes der Bücher, aber das muss ja auch nicht sein. Eine schöne Idee ist es trotzdem.

Schließ­lich geht es zurück nach Deutsch­land, von den fünf Büchern aus mei­nem Kof­fer habe ich immer­hin drei gele­sen. Die sind jetzt vol­ler Sand und erin­nern mich hof­fent­lich immer an einen wun­der­schö­nen Urlaub. Lite­ra­tur­tech­nisch ist Por­tu­gal lei­der wei­ter­hin ein wei­ßer Fleck auf mei­ner Land­karte geblie­ben – noch.

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