Leo Lionni

by Zeichensetzerin Alexa

Anläss­lich des Bun­des­wei­ten Vor­le­se­ta­ges stellt euch Bücher­städ­te­rin Alexa Leo Lion­nis Werke und die Metho­dik der Bil­der­buch­be­trach­tung vor.

Leo Lionni

Leo Lionni ist am 5. Mai 1910 in Ams­ter­dam gebo­ren. Da er mit sei­nen Eltern oft umge­zo­gen ist, beherrschte er im Jugend­al­ter bereits fünf Spra­chen. In Ita­lien stu­dierte er auf Wunsch sei­nes Vaters Volks­wirt­schaft, war neben­her jedoch auch als Gra­fi­ker und Maler tätig. 1939 zog Lionni in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, wo er als künst­le­ri­scher Lei­ter für ver­schie­dene Zeit­schrif­ten arbei­tete. Drei Jahre nach Erschei­nen sei­nes ers­ten Kin­der­bu­ches „Little Blue and little yel­low“ (1959) zog er wie­der nach Ita­lien. Dort arbei­tete er als frei­schaf­fen­der Künst­ler. Am 11. Okto­ber 1999 starb er in Radda in Chi­anti im Alter von 89 Jahren.

Bil­der­buch­be­trach­tun­gen als Erleb­nis gestalten

Leo Lion­nis Werke sind noch heute sehr bekannt und in vie­len päd­ago­gi­schen Ein­rich­tun­gen zu fin­den. Wäh­rend mei­ner Aus­bil­dung zur Erzie­he­rin war die Betrach­tung sei­nes Wer­kes „Swimmy“ auf dem Pflicht­pro­gramm. Wir beschäf­tig­ten uns nicht nur mit der Geschichte und deren Kern­aus­sa­gen, son­dern auch mit der Frage, wie man diese Kin­dern ver­mit­teln könnte. Ent­stan­den ist ein künst­le­ri­sches Pro­jekt, bei dem gele­sen, dis­ku­tiert und gestal­tet wurde. Die Kern­aus­sa­gen die­ses Buches wur­den her­aus­ge­ar­bei­tet: „Gemein­sam sind wir stär­ker.“, „Man ist nicht weni­ger wert oder schlech­ter, wenn man anders ist.“, „Man muss Mut haben etwas auszuprobieren.“

Wir haben gelernt, Bil­der­buch­be­trach­tun­gen als ein Erleb­nis zu gestal­ten. Die Kin­der sol­len die Geschichte nicht nur vor­ge­le­sen bekom­men, son­dern aktiv wahr­neh­men. Dafür gibt es einen Ein­stieg, in dem die Kin­der auf das Buch vor­be­rei­tet wer­den, z.B. durch einen vor­be­rei­te­ten Raum, durch die Ver­mitt­lung von Grund­kennt­nis­sen der Prot­ago­nis­ten mit Hilfe von anschau­li­chem Mate­rial (z.B. Hand­pup­pen, gebas­telte Fische etc.). Im Haupt­teil wird das Bil­der­buch betrach­tet, wobei hier die Regel gilt: Erzäh­len statt vor­le­sen, weil man sich auf diese Weise viel bes­ser auf die Fra­gen und Impulse der Kin­der ein­las­sen kann.
Im Anschluss wird gemein­sam mit den Kin­dern reflek­tiert. Bestimmte Fra­ge­stel­lun­gen for­dern sie dazu auf, sich die Geschichte in Erin­ne­rung zu rufen und nach und nach zur Aus­sage des Buches zu gelan­gen. Da viele Bil­der­bü­cher eine weise Bot­schaft ver­mit­teln, kön­nen die Kin­der aus der Geschichte eine Lehre zie­hen und von den Prot­ago­nis­ten ler­nen. Die neuen Impulse, die sie durch das Bil­der­buch bekom­men haben, könn­ten sie anschlie­ßend durch eine krea­tive Akti­vi­tät oder durch Rol­len­spiele ver­ar­bei­ten. Auf diese Weise wird die Bot­schaft, die das Bil­der­buch ver­mit­telt, ver­in­ner­licht. Eine schöne, aus­führ­li­che Anlei­tung zur Metho­dik einer erleb­nis­rei­chen Bil­der­buch­be­trach­tung fin­det ihr auf: www​.kin​der​gar​ten​pa​edago​gik​.de

Im Fol­gen­den möchte ich drei Werke vor­stel­len, deren Kern­aus­sa­gen sich ähneln. In die­sen Bil­der­bü­chern ist der Prot­ago­nist der Geschichte auf der Suche nach sich selbst und lernt im Laufe der Zeit, sich so zu akzep­tie­ren wie er ist.

Das größte Haus der Welt

„Wenn ich erwach­sen bin, dann…“ ist eine For­mu­lie­rung, die sicher­lich jeder schon ein­mal geäu­ßert hat. Als Kind malt man sich das Schönste aus, träumt von Aben­teu­ern, Taten, Erleb­nis­sen. So auch die kleine Schne­cke in die­sem Bil­der­buch. Sie möchte näm­lich, wenn sie erwach­sen ist, das größte Haus der Welt haben. „Das ist dumm“, sagt der Vater schlicht. Was zunächst unüber­legt und traum­zer­stö­re­risch von sei­ner Seite wirkt, zeigt sich in sei­nen nächs­ten Wor­ten als wei­ser Rat. Denn die Geschichte, die er der klei­nen Schne­cke erzählt, ver­mit­telt eine beson­dere Bot­schaft. „Es war ein­mal eine kleine Schne­cke, die war genauso groß wie du…“ Die Schne­cke in der Geschichte hat den glei­chen Wunsch wie unsere kleine Schne­cke und sie tut alles, um die­sen Wunsch Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen. Und tat­säch­lich hat sie bald das größte und schönste Haus der Welt, alle Tiere bewun­dern und bestau­nen sie. Nur sie selbst ist nicht mehr glück­lich. Denn das Haus ist so schwer gewor­den, dass sie sich kaum noch fort­be­we­gen kann. Irgend­wann schafft sie es nicht, sich über­haupt zu bewe­gen und ver­hun­gert. Doch zum Glück ist dies nur eine Geschichte und unsere kleine Schne­cke begreift, wie unsin­nig ein gro­ßes Haus ist. Viel mehr möchte sie blei­ben wie sie ist. Denn so enden wie die Schne­cke in der Geschichte möchte sie nicht…
„Das größte Haus der Welt“ erin­nert uns an all die gro­ßen Wün­sche, die wir hegen. Immer grö­ßer, immer schnel­ler. Dabei ist es nicht grö­ßer und schnel­ler zu sein nicht gleich bes­ser. Glück fin­det man auch in klei­nen Din­gen. Eine schöne Geschichte, mit einer wei­sen Bot­schaft, wun­der­voll poe­tisch erzählt.

Seine eigene Farbe

Jeder und alles scheint sei­nen Platz und „seine eigene Farbe“ auf der Welt zu haben. Papa­geien sind grün, Gold­fi­sche rot, Ele­fan­ten grau. Nur das Cha­mä­leon weiß nicht, wo es hin­ge­hört. Denn wo auch immer es sich befin­det, seine Farbe wech­selt sich, passt sich sei­ner Umge­bung an. Auf Zitro­nen ist es zum Bei­spiel gelb, auf einem Tiger ist es genauso wie der Tiger gestreift. Seine Idee, ein­fach auf einem grü­nen Blatt sit­zen zu blei­ben und für alle Zeit die­selbe Farbe zu behal­ten, schei­tert daran, dass auch das Blatt sich je nach Jah­res­zeit ver­färbt. Das stimmt das Cha­mä­leon trau­rig. Bis er einem ande­ren Cha­mä­leon begeg­net und lernt, sich so zu akzep­tie­ren wie es ist…
In sei­nem Bil­der­buch „Seine eigene Farbe“ zeigt Leo Lionni, dass die eigene Iden­ti­fi­ka­tion eine große Rolle spielt. Wir kön­nen unser Aus­se­hen, unsere Haut­farbe auf natür­li­chem Wege nicht ver­än­dern, wir kön­nen aber ler­nen, unser Äuße­res zu akzep­tie­ren und dazu zu ste­hen, dass wir bspw. eine andere Her­kunft haben und anders leben. Und natür­lich wird unsere Auf­merk­sam­keit dar­auf gelenkt, andere, die anders sind als man selbst, genauso zu achten.

Pez­zet­tino

„Pez­zet­tino“ ist ita­lie­nisch und heißt „Stück­chen“. Und als Stück­chen fühlt sich unser Prot­ago­nist auch. Denn im Ver­gleich zu allen ande­ren ist er nur ganz klein. Bestimmt ist er ein Stück­chen von irgend­was, denkt sich Pez­zet­tino und macht sich auf die Suche. Auf sei­nem Weg begeg­net er ver­schie­de­nen Gestal­ten: dem, der rennt, dem, der stark ist, dem, der schwimmt und vie­len ande­ren. Alle fragt er, ob er zu ihnen gehöre, doch sie ver­nei­nen. Irgend­wann gelangt Pez­zet­tino auf eine Insel, stol­pert, fällt und zer­bricht in Stück­chen… von nun an weiß er, dass auch er aus Stück­chen besteht, genauso wie alle ande­ren. Seine Erkennt­nis „Ich bin ich!“ fas­zi­niert nicht nur seine Freunde, son­dern auch den Betrach­ter des Bil­der­bu­ches. Schließ­lich merkt man, dass seine Freunde ihn schon längst akzep­tiert haben, und nur er es war, der sich sei­nem eige­nen Glück im Wege stand. „Pez­zet­tino“ ver­mit­telt dem­nach eine Bot­schaft, die wir uns immer mal wie­der ins Gedächt­nis rufen soll­ten – in schwe­ren Zei­ten, wenn wir Feh­ler machen, wenn wir glau­ben, schlech­ter zu sein als andere. Dann soll­ten wir auf Pez­zet­ti­nos Worte hören und ein­fach mal laut sagen: „Ich bin ich!“

Etwas Beson­de­res

Leo Lion­nis Werke sind lehr­reich, seine Geschich­ten ver­mit­teln Werte und Nor­men, machen Mut, zau­bern einem ein Lächeln ins Gesicht. Schnell schließt man seine Prot­ago­nis­ten ins Herz, denn sie alle sind anders, etwas Beson­de­res: Der kleine „Swimmy“, der akzep­tie­ren muss, dass er der ein­zige schwarze Fisch ist. „Fre­de­rick“, der seine Stär­ken auf seine Weise ein­brin­gen kann. Die Buch­sta­ben im Bil­der­buch „Der Buch­sta­ben­baum“, die auf ihre Art Frie­den brin­gen wol­len… Seit 1959 hat Leo Lionni die Lite­ra­tur­welt mit sei­nen Wer­ken berei­chert und klei­nen sowie gro­ßen Lesern eine Freude gemacht. Sein Wir­ken ver­brei­tete sich über meh­rere Län­der, in ver­schie­de­nen Spra­chen und hält noch bis heute an. „Von all dem, was ich in mei­nem Leben getan habe, hat mich wenig so sehr und so tief befrie­digt wie meine Kin­der­bü­cher“, sagte Leo Lionni einst. Seine Liebe und Lei­den­schaft für seine Werke merkt man sei­nen Bil­der­bü­chern an.

Wei­tere Infos:

Das größte Haus der Welt, Leo Lionni, Robert Wolf­gang Schnell (Über­set­zer), Beltz&Gelberg, 2013, (1968)
Seine eigene Farbe, Leo Lionni, Ernst Jandl (Über­set­zer), Beltz&Gelberg, 2014, (1975)
Pez­zet­tino, Leo Lionni, Harry Rowohlt (Über­set­zer), Beltz&Gelberg, 2011, (1975)

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0 comment

Sonja 23. November 2014 - 14:04

Ich finde die­ses Buch fan­tas­tisch und total süß! Ich sammle Kin­der­bü­cher, die mich fas­zi­nie­ren, und das ist eines davon...

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