Katzenregen und Frösche im Hotel Deutscher Jugendliteraturpreis

by Worteweberin Annika

Die Öko­sys­teme auf unse­rem Pla­ne­ten sind äußerst fra­gil, und wenn wir Men­schen ein­grei­fen, kann es schon mal drun­ter und drü­ber gehen. Von sol­chen Ver­ket­tun­gen in der Natur berich­tet Gian­um­berto Acci­nelli in „Der Domi­no­ef­fekt oder die unsicht­ba­ren Fäden der Natur“. Worte­we­be­rin Annika ist aus dem Stau­nen kaum hinausgekommen.

Wegen der Fol­gen natür­li­cher Schwan­ger­schafts­test muss­ten in Panama Stum­mel­fuß­frö­sche in ein Hotel umzie­hen. Das klingt wie das Rät­sel auf einer absur­den black-sto­ries-Karte, ist aber tat­säch­lich wahr. Denn in den USA wurde in den 50er Jah­ren Kral­len­frö­schen, die ursprüng­lich aus Afrika stam­men, der Urin von Frauen ver­ab­reicht, um Schwan­ger­schaf­ten nach­zu­wei­sen. Neh­men die Frö­sche durch den Urin Schwan­ger­schafts­hor­mone auf, pro­du­zie­ren sie selbst Eier.

Als Tests auf­ka­men, die man nicht im Ter­ra­rium hal­ten und mit Flie­gen füt­tern musste, wur­den die Kral­len­frö­sche ein­fach aus­ge­setzt, und da nahm das Unglück sei­nen Lauf. Die afri­ka­ni­schen Ein­wan­de­rer hat­ten näm­lich einen Pilz an sich, der alle ande­ren Frö­sche tötete und sich noch dazu über das Was­ser ver­brei­tete. Damit 2006 der Stum­mel­fuß­frosch durch den Pilz nicht aus­ge­rot­tet wurde, muss­ten die Tiere in ein Hotel umzie­hen, bevor sie in eine Froschret­tungs­sta­tion umzie­hen konnten.

Stol­per­fal­len

Sol­che und viele andere Ver­ket­tun­gen, die durch das teil­weise unüber­legte Ver­hal­ten von Men­schen aus­ge­löst wur­den, beschreibt Acci­nelli in „Der Domi­no­ef­fekt“ anschau­lich und humor­voll und sorgt für viele Aha-Effekte. Er erzählt von Reb­läu­sen, die dazu führ­ten, dass heute in Europa nur noch halb ame­ri­ka­ni­sche Wein­pflan­zen ange­baut wer­den, den Fol­gen von Kreu­zun­gen ver­schie­de­ner Bie­nen­ar­ten, von einem Mücken­be­kämp­fungs­mit­tel, wegen dem man Kat­zen vom Him­mel reg­nen ließ, und von der Aus­brei­tung der Kanin­chen in Australien.

In eini­gen Kapi­teln wid­met sich der Autor weni­ger den Ver­ket­tun­gen, son­dern stellt einige Arten wie den Okto­pus oder die Brief­taube vor. Auch diese Kapi­tel füh­ren den Lesen­den die Viel­falt der Natur vor Augen. Gian­um­berto Acci­nelli macht mit allen Geschich­ten dar­auf auf­merk­sam, wie wich­tig ein sorg­sa­mer Umgang mit der Natur ist, denn einige der Effekte kön­nen nicht mehr rück­gän­gig gemacht wer­den. Und so lus­tig sich die Bei­spiele aus der Natur auch lesen, letzt­end­lich kann der Domi­no­ef­fekt für die Natur zur Stol­per­falle werden.

Der Autor Acci­nelli ist Öko­loge und ver­steht also eini­ges von dem, was er erzählt. Er arbei­tet unter ande­rem daran, Schmet­ter­linge zurück in die Städte zu brin­gen. Die deut­sche Über­set­zung sei­nes Sach­buchs aus dem Sauer­län­der Ver­lag ist für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis in der Kate­go­rie Sach­buch nomi­niert. Da es ein wich­ti­ges Thema anschau­lich und gut ver­ständ­lich ver­mit­telt und dabei auch den Nerv von älte­ren Lese­rin­nen und Lesern trifft, kein Wunder!

Kri­kel­kra­kel und bunte, unsicht­bare Fäden

Die Illus­tra­tio­nen von Serena Viola sind aus ver­schie­de­nen Tech­ni­ken gemischt: Zeich­nun­gen mit Was­ser­far­ben, Bunt­stif­ten, Wachs­mal­krei­den, Blei­stift und ande­ren Stif­ten, dazu einige Col­la­gen­ele­mente. Wäh­rend die Blei­stift­zeich­nun­gen sehr detail­liert ange­fer­tigt sind, erin­nern beson­ders die Wachs­mal- und Was­ser­farb­ele­mente an das Gekra­kel von Klein­kin­dern. Auch wenn das Zusam­men­spiel der ver­schie­de­nen Bestand­teile gut funk­tio­niert, waren zumin­dest für mei­nen Geschmack die Bil­der oft zu unru­hig und nicht beson­ders anspre­chend. Dass man das auch anders sehen kann, beweist das Urteil der Jury des Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­prei­ses, in der von „künst­le­risch anspruchs­vol­len Illus­tra­tio­nen“ die Rede ist. Was aber auch mir an der Gestal­tung sehr gut gefal­len hat, sind die bun­ten Fäden, die das gesamte Buch durch­zie­hen wie die unsicht­ba­ren Fäden der Natur.

In „Der Domi­no­ef­fekt“ macht Gian­um­berto Acci­nelli die unsicht­ba­ren Fäden der Natur sicht­bar. Hof­fen wir, dass das Buch genug Lese­rin­nen und Leser fin­det, damit die Men­schen in Zukunft nicht mehr über diese Fäden stolpern.

Der Domi­no­ef­fekt oder die unsicht­ba­ren Fäden der Natur. Gian­um­berto Acci­nelli. Mit Illus­tra­tio­nen von Serena Viola. Aus dem Ita­lie­ni­schen von Ulrike Schim­ming. Sauer­län­der. 2017.

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