Mor­gens, 9:59 Uhr in Ber­lin: Man sitzt vor der Ber­li­nale Home­page und war­tet dar­auf, dass um 10:00 Uhr der Online-Ticket­ver­kauf eröff­net. Mor­gens, 10:00 Uhr in Ber­lin: Das Aktua­li­sie­ren der Home­page zeigt an, der Ser­ver ist über­las­tet. Man solle etwas Geduld haben. Mor­gens, 10:04 Uhr in Ber­lin: Die Home­page ist nach meh­re­ren Malen ‚Neu laden‘ wie­der erreich­bar. Die Tickets sind alle aus­ver­kauft. Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina und Geschich­ten­er­zäh­ler Adrian sind enttäuscht.

An fünf Tagen bestand die Mög­lich­keit, Kar­ten für einen Film der Ber­li­nale Filme­fest­spiele online zu kau­fen. An allen Tagen haben wir es ver­ge­bens ver­sucht. Ist es bei solch einem Ansturm über­haupt mög­lich, Kar­ten für die­ses sehr begehrte Film­fest zu ergat­tern? Die Frage ist berech­tigt, schaut man sich bei­spiels­weise das Gebiet rund um den Pots­da­mer Platz in der Nacht vor dem Öff­nen der Kino­kas­sen an. Men­schen über­nach­ten in Ein­kaufs­pas­sa­gen, ein­ge­mum­melt in Schlaf­sä­cken oder gleich mit Zelt. Es ist noch kein Bild, wie man es vor der Ver­öf­fent­li­chung eines neuen iPho­nes kennt, doch nah dran.

Eine eli­täre Gesellschaft

Am 17. Februar 2019 ende­ten die 69. Inter­na­tio­na­len Film­fest­spiele Ber­lin, wel­che neben Can­nes sowie Vene­dig zu den welt­weit bedeu­tends­ten Events in der Film­bran­che zäh­len, und mit ihnen die Chance, bis zu 45 Filme zu sehen – von denen nur 17 im Wett­be­werb um den gol­de­nen Bären mit­ma­chen – die man sonst nicht im Kino zu sehen bekommt. Filme aus aller Welt, von Regisseur*innen aus ver­schie­de­nen Kul­tu­ren, die eben­falls bei den Film­vor­füh­run­gen anwe­send sind, um dort in einer Podi­ums­dis­kus­sion Fra­gen zu beantworten.

Ob man diese Filme jemals wie­der in deut­schen Kinos sehen wird, ist unklar. Immer wie­der strahlt der deutsch-fran­zö­si­sche Sen­der Arte etwa drei, vier Filme der Ber­li­nale aus, doch der Rest fällt hin­ten run­ter und gerät in Ver­ges­sen­heit, denn eine Aus­strah­lung in klei­ne­ren Off-Kinos auch nach dem Ende der Ber­li­nale ist nicht geplant. Gerade für jene Besu­cher, die nicht unbe­dingt eine Podi­ums­dis­kus­sion mit den Schau­spie­lern und Regis­seu­ren hören, son­dern nur den Film sehen wol­len, wären wei­tere Vor­füh­run­gen für die brei­tere Masse eine Mög­lich­keit, Filme aus ande­ren Län­dern und Kul­tu­ren in Deutsch­land zu eta­blie­ren – abseits von gro­ßen Hol­ly­wood-Block­bus­tern oder Independent-Filmen.

Diese Exklu­si­vi­tät, viele sol­cher Filme nur im zehn-Tage-Zeit­raum der Film­fest­spiele sehen zu kön­nen, wo das Erwer­ben von Kar­ten an Glück oder unge­mein gutes Timing grenzt, gibt dem Gan­zen einen eli­tä­re­ren Cha­rak­ter als es not­wen­dig ist.

Ist es denn der Mühe wert?

Natür­lich sollte man sich nun jene Frage stel­len, ob sich das Ganze denn nun lohnt. Sollte man es wirk­lich auf sich neh­men, um zehn Uhr die Ber­li­nale-Home­page im zehn-Sekun­den-Takt zu aktua­li­sie­ren, in der Hoff­nung, doch noch eine Karte zu bekom­men? Zumal hier­bei in Betracht gezo­gen wer­den sollte, dass der Groß­teil der Arbeit­neh­mer sich frei neh­men muss, um über­haupt an die­sem Kampf um die begehr­ten Kar­ten teil­neh­men zu können.

Aus Berich­ten und eige­nen, ver­gan­ge­nen Erfah­run­gen ist da gut abzu­wä­gen. Höchs­tens bei jenen Fil­men, wel­che außer­halb des Wett­be­werbs lau­fen, könnte man sein Glück pro­bie­ren, um wenigs­tens etwas Ber­li­nale-Luft schnup­pern zu kön­nen, doch die Filme inner­halb des Wett­be­werbs um die ein­ge­färb­ten Bären schei­nen für Nor­mal-Sterb­li­che uner­reich­bar. Man muss ein wirk­lich hart­ge­sot­te­ner Cine­ast bezie­hungs­weise Ber­li­nale-Fan sein, um sich die­sem Kar­ten-Kampf stel­len zu wol­len, es sei denn, man steht eh auf der VIP-Liste.

Illus­tra­tion: Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina

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