Jane Austen privat „Jane Austen. Von ganzem Herzen … Die Briefe mit Illustrationen ihrer Zeit“ 

Cover Von ganzem Herzen

Jane Aus­ten hat bereits vie­len Genera­tio­nen mit ihren Roma­nen Freude berei­tet. Aber wie war die bri­ti­sche Schrift­stel­le­rin pri­vat? Was hat sie bewegt und wie war ihr Ver­hält­nis zu ihrer Fami­lie? Satz­hü­te­rin Pia und Bücher­tän­ze­rin Michelle-Denise haben sich mit dem Sam­mel­band „Jane Aus­ten. Von gan­zem Her­zen … Die Briefe mit Illus­tra­tio­nen ihrer Zeit“ von Pene­lope Hug­hes-Hal­lett auf eine Zeit­reise ins 18. Jahr­hun­dert begeben.

Wer bereits Bücher von Autorin­nen oder Autoren der Regency-Zeit gele­sen hat, wird wis­sen, dass damals die Kor­re­spon­denz mit­tels Brie­fen ein hoch­ge­schätz­ter Zeit­ver­treib für den gebil­de­ten Teil der Gesell­schaft war. Auch in Jane Aus­tens Roma­nen spie­len sie immer wie­der eine Rolle und so ist es nur nahe­lie­gend, dass auch die Autorin selbst häu­fig und lei­den­schaft­lich Briefe geschrie­ben und ver­schickt hat – ganz beson­ders an ihre geliebte Schwes­ter Cassandra.

Unter­stüt­zende Bil­der und Zeichnungen

Auf den ers­ten Blick macht das Buch „Jane Aus­ten. Von gan­zem Her­zen … Die Briefe mit Illus­tra­tio­nen ihrer Zeit“ durch das ver­spielt-flo­rale Design des Ein­ban­des einen schö­nen Ein­druck. Man stellt direkt eine Ver­bin­dung zu den roman­ti­schen Büchern von Aus­ten her. Das läng­li­che Quer­for­mat und das leicht raue Mate­rial über­zeu­gen in der Hap­tik. Auf­ge­schla­gen gehen die Mei­nun­gen jedoch aus­ein­an­der. Wäh­rend Satz­hü­te­rin Pia die glat­ten Sei­ten des Buches als neu und künst­lich emp­fin­det, was sie als Lese­rin stört und aus der The­ma­tik her­aus­zieht, emp­fin­det Bücher­tän­ze­rin Michelle-Denise das Mate­rial als ange­nehm und hoch­wer­tig beim Blättern.

Die (Doppel-)Seiten sind ein­heit­lich nach dem glei­chen Schema auf­ge­baut. Aus­tens Briefe und Hug­hes-Hal­letts dazu­ge­hö­ri­gen Kom­men­tare sind in einem mit­tig gesetz­ten brei­te­ren Spalt plat­ziert und wer­den links und rechts, je nach Bedarf, durch zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen, Bil­der, Skiz­zen oder Zeich­nun­gen ein­ge­rahmt und ergänzt. Sowohl die Bil­der, die in Sepia oder Grau­stu­fen gehal­ten sind, als auch die fili­gra­nen Skiz­zen und Zeich­nun­gen schaf­fen bei den Lese­rin­nen und Lesern Nähe zur Lebens­rea­li­tät Aus­tens. Zwar wird zumeist nicht Aus­ten selbst abge­bil­det, son­dern eher Per­so­nen und Sze­nen aus Aus­tens Zeit, jedoch erleich­tern sie es, sich zu ori­en­tie­ren und in die dama­li­gen Lebens­ver­hält­nisse einzufinden.

Ein opti­sches Durcheinander

All­ge­mein hätte das Lay­out optisch anspre­chen­der gesetzt wer­den kön­nen. Teil­weise wir­ken die Sei­ten zu über­la­den. Die­ser Ein­druck wird auch durch die dick gedruckte Schrift auf klei­nem Raum ver­stärkt. Auf den ers­ten Blick ist es schwie­rig aus­zu­ma­chen, wo der Brief endet und der Kom­men­tar beginnt. Denn obwohl die kom­men­tie­ren­den Absätze kur­siv for­ma­tiert sind, wirkt alles wie ein Fließ­text. Die unter­schied­li­chen Schrift­ar­ten und For­ma­tie­run­gen sind nur bedingt prak­tisch. Als Bei­spiel neh­men wir ein­fach mal Seite 20, um die Pro­ble­ma­tik genauer zu verdeutlichen.

Von ganzem Herzen Seite 20

Foto: Satz­hü­te­rin Pia

Allein auf die­ser Seite fin­den sich min­des­tens drei sehr ver­schie­dene Schrift­ar­ten in kur­siv, nor­mal oder kom­plett groß­ge­schrie­ben und das alles in Block- und Flat­ter­satz oder mit­tig zen­triert. Das wech­selt sich auch noch wild ab – was für ein opti­sches Durcheinander.

Das Pro­blem mit Aus­tens unzäh­li­gen Fami­li­en­mit­glie­dern, Freun­den und Bekannten

Bevor man mit der Lek­türe der Briefe beginnt, ist es von Vor­teil, die Ein­lei­tung auf­merk­sam zu lesen. Diese erstreckt sich über sechs Dop­pel­sei­ten und ist für das bes­sere Ver­ständ­nis not­wen­dig. Im wei­te­ren Ver­lauf liegt der Fokus auf den Brie­fen von Aus­ten an ihre Schwes­ter. Die­ser Schrift­ver­kehr ist chro­no­lo­gisch auf­ge­baut und in den his­to­ri­schen Kon­text gesetzt. Zwar nicht all­um­fäng­lich, aber in dem Maße, dass man sich die Regency-Zeit vor­stel­len kann, unab­hän­gig vom Kennt­nis­stand der Lese­rin­nen und Leser aus Aus­tens Roma­nen oder deren Verfilmungen.

Die Briefe selbst lesen sich wie ein Roman von Aus­ten, jedoch erschwe­ren die Mas­sen an Namen zuneh­mend das Ver­ständ­nis der Zusam­men­hänge. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen wer­den eine Hand­voll Namen in den kom­men­tie­ren­den Absät­zen auf­ge­grif­fen und näher erläu­tert, aber das schafft nur einen klei­nen Über­blick. Die gele­gent­lich ange­führ­ten Fak­ten, die optisch als Rand­no­ti­zen neben den Brie­fen plat­ziert sind, wir­ken teil­weise will­kür­lich aus­ge­wählt. Auf den zwei­ten Blick erschließt sich aber doch noch der Bezug zum Inhalt des abge­druck­ten Briefes.

Foto: Satz­hü­te­rin Pia

Gele­gent­lich wer­den kurze Text­aus­züge aus Aus­tens Roma­nen abge­bil­det, die mit den Brie­fen in Ver­bin­dung gebracht wer­den sol­len. Nicht immer lie­ßen sich die Zusam­men­hänge erschlie­ßen, wie bei­spiels­weise auf Seite 24, auf der der Antrag an eine Freun­din Aus­tens mit der Szene von Mr. Col­lins Antrag in „Stolz und Vor­ur­teil“ in Ver­bin­dung gebracht wird. Andere funk­tio­nie­ren jedoch ganz gut, wie der Ver­gleich einer Tanz­par­tie mit unwil­li­gen männ­li­chen Tanz­part­nern (Seite 27f.) und der Szene, in der sich Mr. Darcy wei­gert, zu tan­zen. Auch inner­halb der Briefe schreibt Aus­ten über ihre Romane, was hin­ge­gen sehr inter­es­sant ist, da man als Lese­rin oder Leser dadurch das Gefühl bekommt, ein wenig am Schaf­fens­pro­zess der Autorin teil­neh­men oder ihr zumin­dest dabei zuschauen zu können.

Warum wir die Lek­türe unter­bro­chen haben …

Obwohl wir beide das Thema des Buches lesens­wert fin­den, schaff­ten wir es nicht, kon­se­quent im Lese­fluss zu blei­ben, und bra­chen unab­hän­gig von­ein­an­der an der nahezu iden­ti­schen Seite die Lek­türe des Buches ab. Woran könnte das gele­gen haben? Sicher­lich trägt das etwas unüber­sicht­li­che Lay­out einen Teil dazu bei, vor allem han­delt es sich bei den Brie­fen aber um keine kon­se­quent flüs­sige Erzäh­lung. Es gibt durch die Über­zahl an Per­so­nen­er­wäh­nun­gen Hand­lungs­stränge, die sich nur schwer bis gar nicht erschlie­ßen las­sen. Wenn man nun diese Text­ab­schnitte mehr­fach lesen muss, um ein bes­sere Text­ver­ständ­nis auf­zu­brin­gen, ist das auf Dauer lei­der eine müh­se­lige Arbeit und kein ange­neh­mer Lese­ge­nuss. Des Wei­te­ren ist die Kor­re­spon­denz zwi­schen Aus­ten und ihrer Schwes­ter über­wie­gend ein­sei­tig. Ohne die Ant­wort­schrei­ben der Schwes­ter, muss man sich den Inhalt des vor­an­ge­gan­ge­nen Brie­fes selbst erschließen.

Ein schö­ner Sam­mel­band für ruhige Momente

Den­noch wür­den wir den Sam­mel­band „Von gan­zem Her­zen … Die Briefe mit Illus­tra­tio­nen ihrer Zeit“ beide nicht als unin­ter­es­sant oder gar schlecht bewer­ten. Sicher­lich hat das Buch einige Schwach­punkte, bleibt in der The­ma­tik jedoch inter­es­sant. Wahr­schein­lich han­delt es sich bei die­sem Werk viel­mehr um ein Buch, das län­gere Zeit auf dem Nacht­tisch ver­weilt und das man immer mal wie­der in einer ruhi­gen Minute zur Hand nimmt und ein, zwei Sei­ten auf sich wir­ken lässt. Womög­lich muss man den Brie­fen mehr Raum geben. Diese wur­den ja auch nicht ein­fach so schnell und unüber­legt, wie eine moderne Text­nach­richt auf dem Handy, geschrie­ben, die bin­nen Sekun­den bei den Empfänger:innen zuge­stellt wird – Aus­ten hat sich für die Briefe Zeit genom­men. Auch der his­to­ri­sche Kon­text, auf den man sich ein­las­sen muss, machen die Schrift­stü­cke zu kei­ner leich­ten Lek­türe. Die Briefe müs­sen nach­hal­len können.

Jane Aus­ten. Von gan­zem Her­zen … Die Briefe mit Illus­tra­tio­nen ihrer Zeit. Pene­lope Hug­hes-Hal­lett. Über­set­zung: Gisella M. Vor­de­r­ober­meier. Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft. 2021.

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