In medias res Alternative Road Novel: „Lincoln Highway“

by Satzhüterin Pia

Cover Lincoln HighwayAmor Tow­les ent­wirft in „Lin­coln High­way“ eine skur­rile Reise im Nebraska Mitte der 50er Jahre – voll mit nur so halb sym­pa­thi­schen Figu­ren und einer Menge frag­wür­di­ger Ereig­nisse. Satz­hü­te­rin Pia hat die fast 600 Sei­ten durch­ge­hal­ten und wurde mit einer unkon­ven­tio­nel­len Geschichte und einem über­ra­schen­den Ende belohnt.

Emmett wird aus der Bes­se­rungs­an­stalt Salina ent­las­sen, in die er als gerade noch Min­der­jäh­ri­ger wegen Tot­schlags kam. Der inzwi­schen 18-jäh­rige junge Mann kehrt nach dem Tod sei­nes Vaters frü­her nach Hause auf die Farm zurück, wo ihn sein 8‑jähriger Bru­der Billy erwar­tet. Einer Ver­ket­tung von unglück­li­chen Umstän­den ist es zu ver­dan­ken, dass ihr Zuhause inzwi­schen der Bank gehört, so dass sich die Brü­der in Emmetts altem Stu­de­baker zu eige­nen Aben­teu­ern auf­ma­chen möch­ten: Billy hat sich in den Kopf gesetzt, der vor Jah­ren ver­schwun­de­nen Mut­ter über den berühm­ten Lin­coln High­way zu fol­gen – eine vage Spur, aber sie wol­len sich auf den Weg nach Kali­for­nien machen. Alles kommt anders, als kurz vor der Abfahrt zwei Freunde aus der Bes­se­rungs­an­stalt auf­tau­chen: Duch­ess und Woolly haben eigene Rei­se­pläne und brin­gen alle bis­he­ri­gen Ideen ordent­lich durch­ein­an­der. Es beginnt ein völ­lig ande­rer Road-Trip als man als Leser:in viel­leicht erwar­tet hatte.

Kurzweilig …

Der Roman ist in Abschnitte unter­teilt, die durch das Her­un­ter­zäh­len von zehn einen Count­down-Cha­rak­ter haben. Das weckt die Neu­gierde und hilft zusam­men mit den eher kur­zen Kapi­teln, das umfang­rei­che und mehr als 570 Sei­ten starke Buch in gut ver­dau­li­che Häpp­chen zu unter­tei­len. Die Geschichte wird dabei mehr oder weni­ger von allen Figu­ren im Buch erzählt: Die meis­ten Kapi­tel sind aus Sicht von Emmett, Billy, Duch­ess und Wool­ley erzählt, einige Kapi­tel aber auch von ande­ren Neben­fi­gu­ren. Inter­es­sant ist dabei, dass nur Duch­ess und die Neben­fi­gur Sally als Ich-Erzähler:in in Erschei­nung tre­ten. Das über­rascht, weil die Erzäh­lung eher Emmett als erste Haupt­fi­gur in den Fokus rückt. Je näher das Ende rückt, desto kür­zer sind die Zeit­ab­stände – die letz­ten Kapi­tel erzäh­len die Gescheh­nisse schließ­lich zeit­gleich aus ver­schie­de­nen Perspektiven.

Es gibt Stel­len im Roman, an denen die skur­ri­len Begeg­nun­gen dazu Anlass geben, über eine Auf­lö­sung als Traum nach­zu­den­ken. Aber irgend­wie bringt der Autor es doch wie­der zurück in die Spur, nur um uns zu einem neuen ver­rück­ten Neben­schau­platz zu len­ken. Bis auf Emmett sind die Haupt­fi­gu­ren eher exzen­trisch zu nen­nen. Emmett über Duch­ess, der Schlüs­sel­fi­gur für den meis­ten unvor­her­ge­se­he­nen Vorkommnisse:

„Er ist ein guter Freund, auf seine ver­rückte Art, und er ist ein sehr unter­halt­sa­mer Unru­he­stif­ter. Aber er ist auch jemand mit einer selek­ti­ven Wahr­neh­mung. Was vor ihm ist, sieht er klar und deut­lich, kla­rer als die meis­ten von uns, aber wenn etwas zur Seite gerückt wird, weiß er schon nicht mehr, dass es da ist. Und damit schafft er sich selbst, aber auch allen ande­ren in sei­nem Dunst­kreis jede Menge Ärger.“

Wool­ley stammt aus einer rei­chen und hoch­an­ge­se­he­nen Fami­lie, fällt aber durch kogni­tive Ein­schrän­kun­gen aus dem Ras­ter. Und Billy? Billy hat einen stän­di­gen Beglei­ter, das Buch „Pro­fes­sor Aba­cus Aber­nathes Kom­pen­dium von Hel­den, Aben­teu­rern und ande­ren uner­schro­cke­nen Rei­sen­den“ hat er bereits unzäh­lige Male gele­sen. Der ver­mut­lich hoch­in­tel­li­gente und ein wenig ver­träumte Junge will die Geschichte ihres Aben­teu­ers im letz­ten lee­ren Kapi­tel sei­nes Buchs ver­ewi­gen: Ange­fan­gen wird natür­lich in medias res – Mit­ten in den Dingen.

… und langatmig

An der einen oder ande­ren Stelle hätte der Autor sich kür­zer fas­sen kön­nen – aber zu einem gewis­sen Grad ist die­ser mas­sige Text­fluss auch not­wen­dig, um das Buch zu dem zu machen, was es gewor­den ist: ein trä­ger Fluss, des­sen gele­gent­li­che, aber immer recht uner­war­te­ten Strom­schnel­len uns Leser:innen bei der Stange hal­ten. Dabei wirkt „Lin­coln High­way“ eher wie ein gro­ßer Rad­damp­fer, der über eben­jene Strom­schnel­len unauf­ge­regt hin­weg­rollt. Das Tempo im Buch ist, trotz des kur­zen Zeit­raums, den die Geschichte erzählt, eher gemäch­lich. Dafür sor­gen nicht zuletzt die teil­weise ermü­den­den Rück­bli­cke und Aus­schmü­ckun­gen, denn, wie gesagt, an der einen oder ande­ren Stelle hät­ten es auch zwei Wör­ter statt zehn getan.

Das Buch lässt mich etwas unent­schlos­sen zurück: Ein (gro­ßer ame­ri­ka­ni­scher?) Roman über das 50er-Jahre-Ame­rika mit durch­aus inter­es­san­ten, gut aus­ge­ar­bei­te­ten Figu­ren und einer eigent­lich aben­teu­er­li­chen Reise, die irgend­wie zu gemäch­lich und ten­den­zi­ell zu abwe­gig ist? Unter­hal­ten wurde ich jeden­falls gut, aber das ist vor allem dem gelun­ge­nen Ende zu ver­dan­ken. Und die­sem Zitat aus einem Sally-Kapi­tel, das an die­ser Stelle wohl einen pas­sen­den Abschluss bildet:

„Nach­dem Emmett raus­ge­gan­gen war und sich in sein quietsch­gel­bes Auto gesetzt hatte, dachte ich, in Ame­rika gibt es vie­les, das eine statt­li­che Größe hatte. Das Empire State Buil­ding zum Bei­spiel, und die Sta­tue of Liberty. Oder der Mis­sis­sippi und der Grand Can­yon. Auch der Him­mel über der Prä­rie ist groß. Aber nichts ist so groß wie die Mei­nung eines Man­nes von sich selbst.“

Lin­coln High­way. Amor Tow­les. Über­set­zung: Susanne Höbel. Han­ser. 2022.

Weiterlesen

Leave a Comment

Diese Seite verwendet Cookies. Mit der Nutzung unserer Website erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Erfahre mehr