Horror für Kinder und doch nicht nur für Kinder „Coraline“ | #Todesstadt

by Geschichtenerzähler Adrian

Cover CoralineIn dem Buch „Cora­line“ aus dem Jahr 2002 schil­dert Autor Neil Gai­man die unheim­li­chen Erleb­nisse der titel­ge­ben­den Hel­din, die mit ihren Eltern in ein neues Haus zieht. 2009 erschien schließ­lich die Stop-Motion-Ver­fil­mung durch das Stu­dio Laika. Geschich­ten­er­zäh­ler Adrian ver­gleicht beide Werke miteinander.

Ach­tung, in die­sem Buch-Film-Ver­gleich kommt es zu Spoilern!

Kurz vor Schul­be­ginn zieht die neun­jäh­rige Cora­line (gespro­chen von Dakota Fan­ning) mit ihren Eltern (Teri Hat­cher & John Hodgman) in ein abge­le­ge­nes Haus auf dem Land. Die­ses wird eben­falls von dem Mäu­se­trai­ner Mis­ter Bobo (Ian McS­hane) und den bei­den ehe­ma­li­gen Show­girls Miss Spink (Jen­ni­fer Saun­ders) und Miss For­ci­ble (Dawn French) bewohnt. Die drei exzen­tri­schen Per­sön­lich­kei­ten haben große Pro­bleme damit, Cora­li­nes Namen rich­tig aus­zu­spre­chen, wor­auf Cora­line sie immer wie­der hin­wei­sen muss. Da ihre Eltern stän­dig mit arbei­ten beschäf­tigt sind und Cora­line bei­nah vor Lan­ge­weile umkommt, macht sie sich auf eine Erkun­dungs­tour durchs Haus. Dabei stößt sie auf eine selt­same, zuge­mau­erte Tür.

Als Cora­line eines Tages allein zu Hause ist, fin­det sie hin­ter der vor­her eigent­lich zuge­mau­er­ten Tür einen dunk­len Gang, der sie in eine Woh­nung führt, die eins zu eins der ihren gleicht. Hier erwar­ten sie ihre ande­ren Eltern, die ihren ech­ten bei­nah bis aufs Haar glei­chen, anstatt Augen jedoch Knöpfe haben. Alles scheint per­fekt hier und viel bes­ser als in ihrer Rea­li­tät. Für Cora­line aller­dings zu per­fekt. Sie wird schnell miss­trau­isch und will dem Gan­zen auf den Grund gehen.

Die Figur der Coraline

Gai­man kon­zi­pierte Cora­line 2002 als neu­gie­rig, selbst­be­wusst und ein­falls­reich. Die Geschichte zeich­net das Bild von Kin­dern als selbst­stän­dige Per­so­nen, die ihre Pro­bleme auf ihre eigene Art und Weise lösen und kei­nes­wegs unfer­tige Erwach­sene sind.

Dies scheint der Film zu ver­ges­sen, denn wäh­rend Cora­line im Buch der ande­ren Welt und ihren Bewoh­nern stets miss­trau­isch gegen­über­steht, lässt sich ihr Gegen­stück im Film gleich von Beginn an von den Trug­bil­dern der ande­ren Mut­ter blen­den. Größ­ten­teils wirkt die Film-Cora­line eher naiv und wie ein Spiel­ball der Ereig­nisse. Ihre wei­te­ren Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten machen sie im Film zudem nicht gerade sym­pa­thisch. Sie ist arro­gant, her­ab­las­send und stän­dig von allem genervt. Ver­dreht Cora­line im Film bei jeder Aus­sage von Erwach­se­nen gleich die Augen, tritt die Buch­ver­sion Erwach­se­nen mit einer nicht unter­wür­fi­gen, aber den­noch ange­brach­ten Höf­lich­keit gegenüber.

Die anderen Figuren

Wäh­rend ihres Aben­teu­ers begeg­net Cora­line eini­gen mal mehr, mal weni­ger selt­sa­men Gestal­ten. All­ge­mein neh­men alle Figu­ren im Film die­sel­ben Rol­len ein wie im Buch. Die Unter­schiede sind größ­ten­teils gering, bis über­seh­bar. Zwei Cha­rak­tere fal­len dabei aber mehr auf als die ande­ren: Wyborne und der Kater.

Wyborne exis­tiert im Buch nicht und wurde ein­zig für den Film geschaf­fen, um einer­seits Cora­li­nes Selbst­ge­sprä­chen einen Zuhö­rer zu geben und ande­rer­seits, um männ­li­chen Zuschau­ern eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur zu geben. Wyborne wirkt größ­ten­teils eher wie ein Fremd­kör­per, der ab und zu mal auf­taucht, um an Cora­li­nes Seite zu sein und sonst nur als Prü­gel­knabe für ihren Frust herzuhalten.

Auf den ers­ten Blick könnte man mei­nen, dass der schwarze Kater im Film sei­nem Buch-Gegen­stück sehr ähn­lich ist. Jedoch feh­len einige der wit­zi­gen und geist­rei­chen Dia­loge, die zum Nach­den­ken anre­gen. Zudem geben sie dem Kater einen Cha­rak­ter und las­sen ihn nicht nur wie ein Mit­tel zum Zweck wir­ken, der nur auf­taucht, wenn er gebraucht wird.

Der Horror

Bis auf die Dar­stel­lung der ande­ren Mut­ter ist der Hor­ror im Film eher skur­ril und zu abs­trakt, als dass er wirk­lich gru­se­lig ist. Der Hor­ror ist wie ein pom­pö­ses Feu­er­werk, das der Film immer wie­der abfeu­ert. Wäh­rend­des­sen fußt der Hor­ror im Buch auf nach­voll­zieh­ba­ren Ängs­ten: das Mons­ter im Kel­ler, Insek­ten und Kindesmisshandlung.

So sieht sich Film-Cora­line bei der Suche nach den Kin­der­au­gen – im Buch sind es die See­len der toten Kin­der – im Thea­ter der ande­ren Miss Spink und Miss For­ci­ble einem gro­ßen Bon­bon gegen­über, in dem zwei quietsch­bunte Zucker­fi­gu­ren schla­fen. Im Buch steht Cora­line in der­sel­ben Szene vor einem Sack „ähn­lich dem Kokon, in dem Spin­nen ihre Eier able­gen“. Allein diese For­mu­lie­rung löst beim Lesen unan­ge­nehme Bil­der aus und die Tat­sa­che, dass Cora­line dort hin­ein­fas­sen muss, lässt über ver­schie­dene unheim­li­che Sze­na­rien fan­ta­sie­ren, was nun pas­sie­ren könnte.

Gai­man spielt in sei­nem Buch mit Bil­dern und Asso­zia­tio­nen, die bei den Lesen­den Urängste aus­lö­sen sol­len. Wäh­rend der Film den Zuschau­en­den sei­nen skur­ri­len, eher komi­schen Hor­ror in bun­ten Bil­dern auf die Nase drückt, ist das Buch sub­ti­ler, traut sei­nen Lesen­den mehr Gru­sel zu, ohne jedoch seine Stel­lung als Kin­der­buch zu vergessen.

Schöne, bunte Welt?

Stu­dio Laika, das neben „Corpse Bride“ auch „Kubo“ in feins­ter Stop-Motion-Manier erstrah­len ließ, zeigt auch bei „Cora­line“, wie gut es sein Hand­werk ver­steht. Allein die Gar­ten­szene ist ein wah­rer Augen­schmaus. Zudem sitzt mit Henry Selick der Regis­seur von „Night­mare before Christ­mas“ auf dem Regiestuhl.

Den­noch hat diese Far­ben­freude auch einen leich­ten Bei­geschmack von Style-over-Sub­s­tance. Ähn­lich wie bei der Ver­fil­mung von „Der Zau­be­rer von Oz“ aus dem Jahr 1939, wo die Macher anhand von Doro­thys strah­lend­ro­ten Schu­hen – die im Ori­gi­nal eigent­lich sil­bern sind – den Sprung vom Schwarz-weiß- hin zum Farb­fern­se­hen zei­gen wollten.

Gai­m­ans Geschichte im Buch bie­tet zwar auch einige fan­tas­ti­sche Ele­mente, schafft es jedoch, sich nicht darin zu ver­lie­ren. All­ge­mein wirkt das Buch boden­stän­di­ger und nach­voll­zieh­ba­rer, sodass die andere Welt den Ein­druck erweckt, wirk­lich zu exis­tie­ren und nicht nur ein Traum zu sein.

Horror für Kinder

Nun stellt sich die Frage, ob es nicht bes­ser gewe­sen wäre, wenn man den Hor­ror aus dem Buch ein­fach visua­li­siert hätte. Wäre es zu hef­tig gewe­sen, bei­spiels­weise ein rie­si­ges, haar­lo­ses und blei­ches Schne­cken­we­sen in einem düs­te­ren Kel­ler dar­zu­stel­len, das ein klei­nes Mäd­chen durch einen engen Gang ver­folgt, um es zu ver­schlin­gen? Wür­den 6‑jährige Kin­der diese Bil­der ver­kraf­ten? Sie wür­den sehen, dass Cora­line ent­kommt und dass sie Mit­leid mit jenem armen Wesen hat, das ein­mal ihr ande­rer Vater gewe­sen war.

Hor­ror für Kin­der sollte mehr sein als ein bun­ter Geis­ter­bahn­hor­ror. Er sollte sie ernst neh­men und her­aus­for­dern sowie auch Angst machen, jedoch stets auch zei­gen, dass man ihn über­win­den kann. Dies tut das Buch, wäh­rend der Film ihnen kurz­wei­lige, kon­fet­tiähn­li­che Buh!-Effekte ins Gesicht wirft, was ebenso viel Mehr­wert hat, wie das SKELETT IM SCHRANK!

Horror vom Feinsten gegen seine Verfilmung

Das Buch „Cora­line“ ist ein wun­der­ba­res Werk Hor­ror­li­te­ra­tur, das nicht nur für Kin­der geeig­net ist. Einer­seits schafft das Buch es, sub­til einen unheim­li­chen Schauer und Gru­sel zu erzeu­gen und den­noch durch seine Prot­ago­nis­tin dazu zu inspi­rie­ren, mutig zu sein, auch wenn man Angst hat. Dane­ben wer­den noch einige inter­es­sante Figu­ren, gepaart mit geist­rei­chen sowie wit­zi­gen Dia­lo­gen geboten.

Dage­gen ist der Film ein Sinn­bild des­sen, was die Geschichte unter ande­rem anpran­gert: Lass dich nicht von Din­gen blen­den, die zu gut erschei­nen. Denn schaut man hin­ter diese optisch beein­dru­cken­den Effekte, fällt jenes wacke­lige Kon­strukt, das sich aus Ver­satz­stü­cken des Buches zusam­men­setzt, schnell in sich zusam­men. Die Figu­ren, dar­un­ter Cora­line selbst, wir­ken eher unsym­pa­thisch und teil­weise farb­los, das Gefühl von Style-over-Sub­s­tance und kaum wirk­li­cher Gru­sel überwiegt.

Neil Gai­man meinte ein­mal, an der Ver­fil­mung von „Cora­line“ störe ihn am meis­ten, dass Cora­line am Schluss von Wyborne geret­tet wer­den muss. Dies ist nach­voll­zieh­bar, denn es ver­wan­delt die eigent­lich selbst­be­wusste und kluge Prot­ago­nis­tin in ein Kli­schee der Dam­sel in Dis­tress, was ihr jeg­li­che Kon­trolle nimmt und ihre Figur erneut zum Spiel­ball der Ereig­nisse wer­den lässt.

Cora­line. Neil Gai­man. Über­set­zung: Cor­ne­lia Krutz-Arnold. Arena Ver­lag. 2003. BK-Alters­emp­feh­lung: ab 6 Jahren.

Cora­line. Regie & Dreh­buch: Henry Selick. u.a. Mit: Dakota Fan­ning, Keith David, Ian McS­hane u.a. Uni­ver­sal. 2009. FSK 6.

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