Hexenwerk #BKtastisch

by Geschichtenerzähler Adrian

1.
Unru­hig wippte Ferda auf dem Toi­let­ten­sitz hin und her und warf alle paar Sekun­den einen Blick auf ihr Smart­phone. Fünf Minu­ten zu spät, dachte Ferda und wurde mit jeder wei­te­ren Minute ner­vö­ser, aber auch unge­hal­te­ner. Schließ­lich war nicht sie es gewe­sen, die eine Nach­richt in irgend­ei­nen Spint gesteckt hatte. Zwar hatte sie auf jene Nach­richt wie ver­langt mit einer Uhr­zeit reagiert, doch da hatte Ferda gehofft, dass sich die Ver­fas­se­rin auch daran hal­ten würde.
Nach einem wei­te­ren Blick auf ihr Handy sprang Ferda schließ­lich auf. Sie hatte die Hand bereits an der Klinke, als sie hörte, wie die Toi­let­ten­tür geöff­net wurde.
Jemand betrat die Kabine zu ihrer Rech­ten und setzte sich hin. „Sorry, meine Uhr geht falsch“, mel­dete sich eine weib­li­che Stimme aus der Nach­bar­ka­bine. „Wenn du willst, wes­we­gen du gekom­men bist, setz dich und wir reden.“
„Woher weißt du, dass ich noch hier bin?“, fragte Ferda, die dachte, sie hätte kei­nen Mucks von sich gegeben.
„Magie!“, ant­wor­tete die Per­son tro­cken. „Also, zehn für eine Flasche.“
„Klappt das wirk­lich?“ Ferda biss sich auf die Unter­lippe. Das tat sie immer, wenn sie sich unsi­cher über eine Ent­schei­dung war, die sie zu tref­fen hatte. „Ich meine …“
„Mach dir kei­nen Kopf. Hatte bis­her nur zufrie­dene Kunden.“
„Aber wie …?“ Auch wenn sie nun hier saß und sich dazu ent­schie­den hatte, der Nach­richt zu fol­gen, begann sie nun, da es immer rea­ler wurde, zu zweifeln.
„Magie.“ Ein wei­te­res Mal lag diese Ernst­haf­tig­keit in der Stimme der Per­son in der Nach­bar­ka­bine, als stünde sie voll­kom­men hin­ter ihrem Glau­ben, dass es wirk­lich Magie war.
Erneut begann Ferda auf dem Toi­let­ten­sitz, auf den sie sich wie­der gesetzt hatte, hin und her zu wip­pen. Was sollte sie tun? Seit wann glaubte sie an Magie?
„Meine Pause ist gleich vor­bei“, mel­dete sich die Stimme. „Was ist jetzt?“
Ohne noch län­ger nach­zu­den­ken, zog Ferda einen Zehn-Euro-Schein aus ihrer Tasche und reichte ihn unter der Toi­let­ten­wand hin­durch. Anstelle des­sen wurde etwas Klei­nes und Kal­tes in ihre Hand gelegt. Als sie die Hand zurück­zog, befand sich darin ein ver­kork­tes Fläschchen.
„Ist ganz ein­fach: Trink ´s aus, warte 20 Minu­ten und dann geh zu dem Typen, oder dem Mäd­chen, was weiß ich, wor­auf du stehst. Er oder sie sollte dich dann mit ganz ande­ren Augen sehen. Vor­sicht, könnte bit­ter schmecken.“
„Soll­ten Lie­bes­tränke“, Ferda glaubte kaum, dass sie das Wort wirk­lich aus­sprach, „nicht süß schmecken?“
Ein abfäl­li­ges ts! Erklang aus der Nach­bar­ka­bine. „Viel Spaß“, wünschte die Stimme, dann öff­nete sich die Kabi­nen­tür und Schritte ent­fern­ten sich.
Etwas per­plex, über das, was hier gerade gesche­hen war, konnte Ferda sich nicht bewe­gen, wäh­rend sie das Fläsch­chen in ihrer Hand anstarrte. Erst, als die Toi­let­ten­tür ins Schloss fiel, konnte sie sich wie­der rühren.
„Was mach ich denn hier bloß?“, fragte Ferda in die lee­ren Toi­let­ten­räume hin­ein, schüt­telte den Kopf und steckte das Glas­fläsch­chen, an dem ein Schild­chen mit dem Wort Trix befes­tigt war, in ihre Tasche.

2.
„Da bist du ja!“, bellte eine Stimme und ehe Bea­trice Fuck! zu Ende den­ken konnte, stand auch schon ein Schrank von einem Jun­gen vor ihr.
„Jetzt bist du fäl­lig, du Schlange … äh Schlampe“, drohte der Schrank mit sei­nem Zei­ge­fin­ger. „Dein Dreck ist Dreck.“
„Was willst du, Tho­mas?“, fragte Bea­trice. Der Junge war zwei Köpfe grö­ßer als sie und dop­pelt so breit, den­noch ver­suchte sie gelas­sen zu bleiben.
„Dein Dreck ist DRECK!“, brüllte Thomas.
Bea­trice brach einen Moment den Blick­kon­takt ab, um sich umzu­schauen. Hoff­nungs­voll suchte sie nach einem Leh­rer, der sie vor Tho­mas‘ Wut bewah­ren konnte. Jedoch war sie mit Tho­mas allein auf dem Schulhof.
„Du wie­der­holst dich.“ Sie nahm wie­der Blick­kon­takt auf.
„Du hast Dreck ver­kauft! Mach es rückgängig!“
Bea­trice mus­terte Tho­mas von Kopf bis Fuß. Ein­deu­tig hatte er zuge­legt und erin­nerte sie nun an den Hulk, nur, dass Tho­mas nicht grün war. „Hast du dich an die Anwei­sun­gen gehal­ten?“, fragte Bea­trice. Sie hoffte, man könne mit Tho­mas bes­ser reden als mit dem wüten­den Hulk.
„Du mein­test, ich soll es neh­men, dann krieg ich mehr Muskeln.“
Vor Bea­trice‘ inne­ren Augen ver­wan­delte sich der Hulk in einen grün­häu­ti­gen Ork.
„Ein Trop­fen pro Tag?“, hakte sie prü­fend nach.
„J… ja“, brachte er sto­ckend her­aus. „Aber dein Dreck ist Dreck.“
Tho­mas wurde rot, doch Bea­trice wusste nicht, ob es vor Wut oder vor Scham war. Ihm war wohl bewusst, dass er Mist mit der Dosie­rung gebaut hatte, wollte es aber nicht zuge­ben. Er begann zu schnau­ben wie ein Stier und Bea­trice sah sich schon von die­ser puren Masse an Mus­keln in die Wand gerammt. Schnell kramte sie ein Fläsch­chen her­vor und reichte es Thomas.
„Geht auf´s Haus. Trink´s aus, geh schla­fen. Das sollte hel­fen“, erklärte sie ihm. Sie hoffte, dass trink´s aus ver­ständ­li­cher war als ein Trop­fen pro Tag.
Tho­mas schnaubte immer noch. Bea­trice sah es in sei­nem Kopf rat­tern. Wahr­schein­lich fragte er sich, ob er ihr die­ses Mal trauen sollte. Schließ­lich riss er ihr das Fläsch­chen grob aus der Hand und zog stamp­fend von dannen.
Erleich­tert atmete Bea­trice durch. Der neue Trank würde sein Pro­blem lösen, er würde schla­fen, wie Dorn­rös­chen. Zwar keine 100 Jahre, den­noch zwei Tage. Danach wären die Mus­kel­berge ver­schwun­den und mit der gerin­gen Mus­kel­kraft, die ihm ver­blei­ben würde, wäre er kaum noch eine Gefahr.

3.
Erschöpft ließ Bea­trice sich in den alten Ses­sel fal­len und betrach­tete ihren Arbeits­tisch. Die­ser war voll­ge­stellt mit ver­schie­de­nen Gerät­schaf­ten: lee­ren Fläsch­chen, Destil­lier­kol­ben sowie Ein­mach­glä­sern mit Kräu­tern und Flüssigkeiten.
Sie seufzte und öff­nete ihre Umhän­ge­ta­sche. Die Fläsch­chen, die sie nicht hatte ver­kau­fen kön­nen, stellte sie bei­seite, dann zog Bea­trice die fünf rot-wei­ßen Scheine her­aus und betrach­tete sie nachdenklich.
Eigent­lich ist es falsch, dachte sie. Hilf­reich, aber falsch. Liebe konnte süch­tig machen, schnel­ler Mus­kel­auf­bau zum Ange­ben war ver­lo­ckend und trink­bare Kon­zen­tra­tion war für Klau­su­ren für einige unab­ding­bar. Am Ende war sie auch nur eine Dea­le­rin für Dro­gen der ande­ren Art.
Wäh­rend Bea­trice noch in Gedan­ken war, klopfte es an der Tür. „Süße, wir haben dir das Gar­ten­haus nicht zur Ver­fü­gung gestellt, damit du dich darin stän­dig ein­schließt. Was machst du denn da drin?“
Bea­trice stand auf und begann die Uten­si­lien vom Tisch in eine Holz­truhe zu räu­men. „Welt­herr­schafts­pläne“, ant­wor­tete sie.
„Na gut.“ Beson­ders glück­lich war ihre Mut­ter nicht über Bea­trice‘ Sar­kas­mus, den­noch hakte sie nicht wei­ter nach. „Essen ist fer­tig. Hilf bitte, den Tisch zu decken.“
„Okay.“ Bea­trice räumte die letz­ten Sachen weg, dann ver­ließ sie das Gartenhaus.

Text: Geschich­ten­er­zäh­ler Adrian
Bild: RODNAE Pro­duc­tions / Pexels

Ein Bei­trag zum Spe­cial #BKtas­tisch. Hier fin­det ihr alle Beiträge.

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