Es rappelt im Karton

by Buchstaplerin Maike

Am 26. Juni haben sich Bücher­städ­te­rin­nen Sinja und Maike die Lesung „Mini­Lit 1–3: Texte aus der jun­gen Bre­mer Schreib­szene“ des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors ange­hört. Vor­ge­stellt wur­den sechs Kurz­ge­schich­ten, die von der Enge klein­bür­ger­li­cher Häu­ser in die weite Welt und von ers­ten roman­ti­schen Erfah­run­gen in die Fänge der Lohn­ar­beit erzählen.

Kühle Luft weht von drau­ßen in die Bre­mer Bar „Kar­ton“, es riecht nach Som­mer und Weser. Vor der klei­nen Bühne sind gemüt­li­che, bunt gemischte Sofas und Ses­sel auf­ge­stellt. Vor­freu­dig wird in den 3 Hef­ten der Mini­Lit-Reihe geblät­tert, in denen die Texte des Abends ver­öf­fent­licht sind: so groß wie ein CD-Book­let, Lite­ra­tur für die Hosentasche.

Mode­riert von Jens Laloire, beginnt die Lesung mit den kraft­vol­len Klän­gen einer Gitarre und kunst­voll geschmir­gel­ten Tex­ten. Die zwei­köp­fige Bre­mer Band Zebra glie­dert die Lesung und sorgt mit den Songs für Auf­lo­cke­rung und Atempausen.
End­lich ist die Bühne für die Autorin­nen und Autoren frei­ge­ge­ben: Als erste Stimme des Abends liest Laura E. Beck ihren Text „Hör­wei­ten“, in dem sie über das Los­las­sen sin­niert. Mit ruhi­ger Stimme erzählt sie von einem altern­den Vater, in des­sen Haus die Zeit ein­ge­kehrt ist, und damit Ver­än­de­run­gen und Nostalgie.
Ihr schließt sich Laura Mül­ler-Hen­nig an, die in „Kolja“ den fast ver­ges­se­nen Spu­ren einer flüch­ti­gen Bekannt­schaft nach­geht. „Viel­leicht exis­tiert der Umschlag ja gar nicht“, fes­selt die Autorin das Publi­kum, „viel­leicht ist die Schub­lade leer, wenn sie sie auf­zieht, eine Phan­ta­sie an einem Sonn­tag­abend.“ Aber der Umschlag ist da, und darin eine geheim­nis­volle Audio­kas­sette. Von Kolja, den Nana vor Jah­ren nur zwei­mal getrof­fen hat. Erin­ne­run­gen wer­den auf­ge­wir­belt, und der Drang, Kol­jas Nach­richt zu hören...
Als dritte Autorin liest Corinna Ger­hards ihren Text „Mara fährt“, mit dem sie 2011 das Bre­mer Autoren­sti­pen­dium gewon­nen hat. Mit Stimme und Mimik und mit Hän­den und Füßen erweckt sie Maras Reise zum Leben, die nach Rumä­nien und in die end­lose Welt führt. Dabei chan­giert der Text zwi­schen humor­vol­ler Sprach­ver­wir­rung und lyri­schen Beschrei­bun­gen. „Ich habe meine Zeit ver­lo­ren“, beginnt die Kurz­ge­schichte. Und nicht nur die: Wäh­rend die Welt in Schnapp­schüs­sen durch fremde Auto­fens­ter vor­bei­zieht, ver­liert Mara auch ihre Spra­che in der Gegen­wart Män­ner, die sie per Anhal­ter mit­neh­men. Sie braucht sie nicht.

Nach einer Pause und einem wei­te­ren Musik­block von Zebra bleibt der Sän­ger der Band, Colin Bött­ger, gleich auf der Bühne. Lächelnd weist er auf einen lee­ren Ses­sel im Publi­kum, der vor der Pause noch besetzt war. „Mei­nem Sohn habe ich gesagt, der Text ist ab Acht­zehn“, sagt er. Aber eigent­lich, meint Bött­ger, war das nur ein Vor­wand. Denn sein Text „Nicht wei­ter wild“ ist sehr per­sön­lich. Aus der Sicht eines Vaters, der das Umgangs­recht für den Sohn ver­lo­ren hat, und ihm nun still Wün­sche für die Zukunft mitgibt.
Phil­ipp Böhm nimmt nach ihm Platz auf der Bühne. „Die­ser Text ist ein biss­chen trau­rig“, kün­digt er „Staub“ an: „Es geht um Lohn­ar­beit.“ Rhyth­misch und trei­bend trägt er die Kurz­ge­schichte vor, in der es um den All­tag in einer Fabrik geht, in der nie­mand blei­ben will, und in der nie­mand weiß, was eigent­lich her­ge­stellt wird. Abge­stumpft, grau, ohne Zukunft: die Fabrik scheint ein Ort zu sein, der aus der Zeit gefal­len ist.
Als letz­ter Autor des Abends liest Ben­ja­min Tiet­jen, der genau wie Böhm im letz­ten Jahr das Bre­mer Autoren­sti­pen­dium gewon­nen hat. „An einem Sonn­tag“ heißt der Text, und han­delt von den Ver­wir­run­gen der Teen­ager­zeit. Alko­hol, Ziga­ret­ten, das erste Mal, die Annä­he­rungs­ver­su­che der Cou­sine, Raum­schiff Enter­prise im Fern­se­hen. Wäh­rend es inhalt­lich in eine kli­schee­hafte klein­bür­ger­li­che Welt abrutscht, erweckt Tiet­jen die Figu­ren mit sei­ner Stimme zum Leben.

Der Abend endet mit Musik von Zebra, die hier und dort von der gro­ßen Lite­ra­tur Titel und Texte ent­leh­nen. Mit einem Schmun­zeln las­sen sie uns zurück, als sie Nietz­sches Gedicht „Abschied“ mit Nir­vana-arti­gen Klän­gen ver­to­nen. Ihr Fazit: Nietz­sche wäre heute wohl ein Fan von „Game of Thro­nes“ gewe­sen. Das For­mat der Lite­ra­tur mag viel­leicht mini gewe­sen sein, aber die Autorin­nen und Autoren des Bre­mer Lite­ra­tur­kon­tors wis­sen, wie man die Texte groß in Szene setzt.

Text: Maike
Fotos: Sinja

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