Ein zeitloser Mordfall Der Richter und sein Henker 

Der Richter und sein Henker

Foto: G2 Baraniak

Am 27. Februar fei­erte das Schau­spiel „Der Rich­ter und sein Hen­ker“ nach dem Roman von Fried­rich Dür­ren­matt im Alto­naer Thea­ter in Ham­burg Pre­mière. Bücher­tän­ze­rin Michelle-Denise durfte dabei sein und berich­tet von ihrem Abend.

Bereits vor einem Jahr hätte „Der Rich­ter und sein Hen­ker“ zur Feier des 100. Geburts­tags des Autors Fried­rich Dür­ren­matt seine Pre­mière haben sol­len. Durch die Corona-Pan­de­mie ver­schob sich die Vor­stel­lung auf Dür­ren­matts 101. Geburts­tag. Für den Regis­seur Mathias Schön­see ist dies jedoch kein Grund gewe­sen, die Insze­nie­rung noch ein­mal zu über­ar­bei­ten, denn das Stück ist ein Klas­si­ker, der sowohl im Ges­tern, als auch im Heute funk­tio­niert. Dür­ren­matt schrieb stets über mensch­li­che und gesell­schaft­li­che Abgründe. Er war ein Meis­ter der Gro­teske und ver­stand es, das Krimi-Genre Lite­ra­tur wer­den zu lassen.

Dür­ren­matts ers­ter Kriminalroman

„Der Rich­ter und sein Hen­ker“ war sein ers­ter Kri­mi­nal­ro­man. Die­ser wurde zunächst 1950 als Fort­set­zungs­ge­schichte in der Schwei­zer Monats­zeit­schrift „Der Beob­ach­ter“ gedruckt. Bis heute begeis­tert das Buch viele Lese­rin­nen und Leser mit der Geschichte, die gekonnt zeigt, wie groß die Kluft zwi­schen Recht und Gerech­tig­keit sein kann.

Der Roman beginnt direkt mit einem Mord. Ein Mann wird erschos­sen in sei­nem Wagen auf­ge­fun­den. Es han­delt sich bei der Lei­che um Poli­zei­leut­nant Schmied, einen Kol­le­gen von Kri­mi­nal­kom­mis­sar Bär­lach. Mit Unter­stüt­zung des jun­gen enga­gier­ten Poli­zis­ten Tschanz ver­sucht Bär­lach, dem Täter auf die Spur zu kom­men und den Fall zu lösen. Bereits nach kur­zer Zeit ist ein ver­meint­li­cher Haupt­ver­däch­ti­ger gefun­den und die­sen kennt Bär­lach bereits per­sön­lich. Es han­delt sich dabei um Gast­mann, mit dem Bär­lach einst eine Wette ein­ging. Gast­mann behaup­tete, dass er das per­fekte Ver­bre­chen bege­hen könne, ohne dass ihm jemals die Täter­schaft nach­zu­wei­sen wäre. Die Wette läuft bereits seit 40 Jah­ren und in dem gesam­ten Zeit­raum beging Gast­mann tat­säch­lich gleich meh­rere Morde, die ihm alle nicht nach­ge­wie­sen wer­den konn­ten. Obwohl Bär­lach schnell klar ist, dass Gast­mann im Mord­fall Schmied nicht als Täter in Frage kom­men kann, nutzt er seine Chance, um die­sen für seine ande­ren Taten zu bestra­fen. Doch wer ist der wahre Mörder?

End­lich wie­der Theater

Ich habe das Buch damals in der Schule im Deutsch­un­ter­richt gele­sen und war regel­recht gefes­selt von der span­nen­den Geschichte, in der Gerech­tig­keit als Mythos ent­larvt wird. Mit die­sem Vor­wis­sen machte ich mich mit mei­nem Freund am 27. Februar auf dem Weg zur Pre­mière des Thea­ter­stücks des Alto­naer Thea­ters. Mein Freund besuchte die Vor­stel­lung, ohne den Inhalt des Buches zu ken­nen. Wir hat­ten also beide unter­schied­li­che Vor­aus­set­zun­gen bei der Aufführung.

Obwohl wir seit Beginn der Corona-Pan­de­mie schon des Öfte­ren im Kino waren, war es tat­säch­lich ein komi­sches Gefühl, wie­der ein Thea­ter zu betre­ten. An der Ein­gangs­tür fan­den direkt die übli­chen 2G+-Kontrollen und Hygie­ne­maß­nah­men statt. Der Ein­gangs­be­reich war noch recht leer, als wir die­sen durch­quer­ten und uns auf den Weg zum Rang­be­reich mach­ten. Auf der Suche nach unse­ren Plät­zen waren wir zunächst etwas ver­wirrt, denn unge­fähr jeder dritte Platz war bereits durch eine Platz­karte mit Namen reser­viert. Auf den zwei­ten Blick merk­ten wir jedoch, dass etwas nicht stimmte. Auf den Platz­kar­ten stan­den Namen berühm­ter lite­ra­ri­scher Per­sön­lich­kei­ten wie Aga­tha Chris­tie, Georg Büch­ner oder Fer­di­nand von Schi­rach. Diese Reser­vie­run­gen waren Teil des Corona-Kon­zepts und dien­ten als Abstand­hal­ter. Wir nah­men unsere Plätze ein und nach und nach füllte sich der Saal nahezu komplett.

Was uns bei­den jedoch direkt auf­fiel, war, dass wir in den roten Samts­es­seln in dich­ter Nähe zu unse­ren Nach­barn saßen. Obwohl die Plätze direkt neben uns von den pro­mi­nen­ten Platz­hal­tern besetzt waren, hat­ten wir nach vorne keine Bein­frei­heit und saßen gefühlt mit zu gerin­gem Abstand zwi­schen den Sitz­rei­hen vor und hin­ter uns. Ich emp­fand leich­tes Unbe­ha­gen, aber nicht direkt wegen des Corona-Virus, son­dern eher, weil ich es schlicht und ergrei­fend nach all der Zeit des Lock­downs und der Abstands­maß­nah­men nicht mehr gewohnt war, so dicht neben ande­ren Zuschaue­rin­nen und Zuschau­ern zu sit­zen. Im Thea­ter­saal ist der Platz ein­fach enger als im Kino.

Mini­ma­lis­ti­sches Büh­nen­bild und ein cha­rak­ter­star­ker Bärlach

Bevor die Auf­füh­rung begann, hatte man bereits unein­ge­schränk­ten Blick auf das Büh­nen­bild. Rebecca Raue, die für die Aus­stat­tung ver­ant­wort­lich ist, hat den Raum als Rund­raum gestal­tet, der zum Publi­kum geöff­net ist. Er ist wie eine Art Markt­platz auf­ge­baut, auf dem sich in der Mitte eine große ver­hüllte Skulp­tur befin­det. Links, rechts und hin­ter der Skulp­tur am Rande des Markt­plat­zes befin­den sich drei Stühle und zwei Tische aus weiß ange­stri­che­nen Palet­ten. Raue hat sich bewusst für die­ses Arran­ge­ment und die mini­ma­lis­ti­schen, karg anmu­ten­den Requi­si­ten ent­schie­den. Die Bühne soll den Zuschaue­rin­nen und Zuschau­ern einen Ver­hand­lungs­raum zei­gen, der von allen Sei­ten bespiel­bar ist.

Zu Beginn der Auf­füh­rung agier­ten alle Dar­stel­ler für sich auf der Bühne, oft lang­sam schwo­fend oder nach­denk­lich gehend. Alle beweg­ten sich alleine zur Musik, die im Laufe des Stücks immer wie­der zwi­schen den Sze­nen­über­gän­gen abge­spielt wurde.

Mit weni­gen Mit­teln wurde die Kom­ple­xi­tät des Mord­falls dar­ge­stellt und geschil­dert. Es fiel sowohl mir mit, als auch mei­nem Freund ohne Vor­wis­sen über die Geschichte leicht, uns in die Hand­lung ein­zu­fin­den. Video­pro­jek­tio­nen an den Wän­den schaff­ten neue Räume auf der Bühne. Mal zeig­ten sie Jalou­sien und ver­wie­sen dadurch auf reale Räume. Mal lie­ßen sie durch eigen­wil­lige, nicht genauer defi­nier­bare, bewegte Bil­der die Zuschaue­rin­nen und Zuschauer in den phy­si­schen Schmerz und innere Zustände des Prot­ago­nis­ten bei sei­nen Über­le­gun­gen eintauchen.

Szene der Richter und sein Henker

Foto: G2 Baraniak

Die Cha­rak­tere wur­den durch die Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler gekonnt dar­ge­stellt. Bär­lach trug einen vor­neh­men älte­ren Anzug mit Weste und Uhren­kette, dazu legere weiße Snea­ker, wie sie nicht unbe­dingt üblich für einen Ermitt­ler zu sein schei­nen. Das ließ ihn seriös und läs­sig zugleich wir­ken. Franz-Joseph Die­ken, der Bär­lach in dem Stück ver­kör­pert, spielte die Rolle sehr über­zeu­gend. Die wahn­haf­ten Zustände, die den Prot­ago­nis­ten durch sei­nen kör­per­li­chen Schmerz in eine Art Zwi­schen­welt schwei­fen las­sen, wur­den leb­haft dar­ge­stellt. Man litt nahezu mit ihm, wenn er sein Gesicht vor Schmer­zen ver­zerrte und zusam­men­sackte. Gerade wäh­rend die­ser Zustände, in denen der Dar­stel­ler ganz bei sich war, schien Bär­lach fähig zu sein das Böse zu besiegen.

Der von Mathias Schön­see ver­kör­perte Ermitt­ler­kol­lege Tschanz wirkte optisch eher wie ein Mit­ar­bei­ter des Finanz­am­tes und genauso wie Bär­lach weni­ger wie ein Poli­zist. Er war eher unnah­bar. Seine Gedan­ken sind den Zuschaue­rin­nen und Zuschau­ern nicht zugäng­lich. Trotz oder gerade wegen aller Unter­schiede war das Zusam­men­spiel bei­der Haupt­cha­rak­tere durch­weg spannend.

Erzählerin

Foto: G2 Baraniak

Das Rät­sel um das Design der Skulptur

Sze­nen­wech­sel wur­den kraft­voll von Julia Weden ein­ge­lei­tet. Obwohl sie neben der Tätig­keit als Erzäh­le­rin auch die Rol­len der Poli­zei­che­fin und Bär­lachs Ärz­tin ver­kör­perte, konnte man trotz der glei­chen Klei­dung zwi­schen ihrer Rolle als Erzäh­le­rin und Poli­zei­che­fin unterscheiden.

Nach dem ers­ten Drit­tel der Auf­füh­rung wurde die selt­sam anmu­tende Skulp­tur in der Mitte der Bühne ent­hüllt. Sie zeigt unter ande­rem men­schen­ähn­li­che Figu­ren mit bläu­li­chem Gesicht und eine Art Tier mit lan­gen spit­zen Hör­nen. In einer Kampf­szene mit einem Hund steht Bär­lach gegen­über der Skulp­tur und agiert mit die­ser, jedoch ist auf ihr kein Hund dar­ge­stellt. Es hat sich uns bei­den lei­der nicht erschlos­sen, wes­halb diese pro­mi­nent plat­zierte Requi­site optisch so auf­ge­baut wurde. Es wurde auch zu kei­ner Zeit näher dar­auf ein­ge­gan­gen oder erklärt.

Die Auf­füh­rung erstreckte sich über 90 Minu­ten und fand ohne Pause statt. Die Zeit ver­ging dabei wie im Flug. Wir emp­fan­den die Insze­nie­rung beide als kurz­wei­lig und span­nend. „Der Rich­ter und sein Hen­ker“ ist eine klas­si­sche, zeit­lose Kri­mi­nal­ge­schichte, die Jung und Alt mit­fie­bern lässt. Das Ensem­ble des Alto­naer Thea­ters hat diese Erzäh­lung gekonnt mit weni­gen Mit­teln umge­setzt. Bis zum 9. April fin­den noch Vor­stel­lun­gen die­ses Schau­spiels statt.

Der Rich­ter und sein Hen­ker. Alto­naer Thea­ter. Ham­burg. 27.02.2022–09.04.2022.

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