Ein vorschnelles Urteil und die Wahrheit

by Bücherstadt Kurier

nach-einer-wahren-geschichteBücher kön­nen Über­ra­schun­gen ent­hal­ten. Zei­len­schwim­me­rin Ronja ist froh, dass sie wie­der so ein Buch lesen konnte. Was an „Nach einer wah­ren Geschichte“ so über­ra­schend ist, ist hier zu lesen.

Die Ich-Erzäh­le­rin Del­phine ist schon län­ger Autorin, doch ihr letz­ter auto­bio­gra­phi­scher Roman bringt sie in neue Sphä­ren. Wäh­rend sie im Erfolgs­tau­mel schwebt, lernt sie L. ken­nen. Was zuerst aus­sieht wie eine ganz nor­male, wenn auch sehr inten­sive Freund­schaft, ent­wi­ckelt sich bald zu einer bedroh­li­chen Situa­tion für Del­phine. Es tref­fen gehäs­sige anonyme Briefe ein und bald schon kann sie kein ein­zi­ges Wort mehr schreiben.

Es ist schänd­lich, ein Buch vor­schnell zu beur­tei­len, doch es kommt immer wie­der vor. Gerade jetzt ist es mir mit die­sem Roman pas­siert. Der Klap­pen­text hatte mich zwar neu­gie­rig gemacht, doch das Cover rief: „Seht her! Ich bin ein anstren­gen­des Buch! Ich brau­che nicht schön zu sein.“ Nach­dem ich die ers­ten Sei­ten gele­sen hatte, meinte ich zu wis­sen, wel­che Art Geschichte dies ist: eine die­ser schwer­mü­ti­gen fran­zö­si­schen Bezie­hungs­kis­ten mit schwie­ri­gen Cha­rak­te­ren und viel Drama. Die Ich-Erzäh­le­rin ging mir schon bald auf die Ner­ven mit ihrem stän­di­gen „Ich weiß nicht mehr“, „Ich glaube“, „Viel­leicht“, „Mög­li­cher­weise“ und „Ich kann nicht sagen“. Ich fragte mich, was diese Per­son über­haupt kann oder weiß? Nichts! Pas­sive Figu­ren sind mir meis­tens unsym­pa­thisch. Die zweite Haupt­per­son, deren Name mit L. abge­kürzt wird, war mir eben­falls unsym­pa­thisch, aus ande­rem Grund aller­dings. Wie gesagt, das Urteil fiel früh bei die­sem Buch.

Den­noch musste ich wei­ter­le­sen. Nicht müs­sen im Sinne von „ver­pflich­tet es zu lesen“, son­dern müs­sen im Sinne von „wol­len“. Denn lesen lässt es sich sehr flüs­sig und die stän­di­gen Vor­aus­deu­tun­gen auf das schein­bar so dra­ma­ti­sche Ende machen neu­gie­rig. Es war etwas in dem Text, das mich mit­ge­zo­gen hat und das war gut so. Denn das Ende hat mein Urteil über den Roman voll­stän­dig gewendet.
„Nach einer wah­ren Geschichte“ ist keine schwer­mü­tige fran­zö­si­sche Bezie­hungs­kiste, auch wenn die Bezie­hung zwi­schen der Ich-Erzäh­le­rin Del­phine und L. ein Kern­ele­ment des Romans ist. Es ist auch – trotz des Titels – kein auto­bio­gra­phi­scher Text (zumin­dest hoffe ich das für die Autorin). Viel­mehr ver­weist der Titel auf das Spiel, das der Text mit den Lesern spielt. Das Spiel von Wahr­heit und Fik­tion: Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf? Was ist eigent­lich wahr?

„Nach einer wah­ren Gesichte“ ist ein wirk­lich gelun­ge­ner Roman, des­sen letzte 20 Sei­ten, ins­be­son­dere das letzte Wort, es noch mal in sich haben. Beson­ders emp­feh­lens­wert ist es für alle, die sich etwas mit Lite­ra­tur und Erzähl­wei­sen aus­ken­nen oder erzäh­le­ri­sche Tricks zu schät­zen wissen.

ENDE*

Nach einer wah­ren Geschichte. Del­phine de Vigan. Über­set­zung: Doris Hei­ne­mann. DuMont Buch­ver­lag. 2016.

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