Große Bilder – ein Plädoyer für den deutschen Stummfilm #1920erlesen

by Erzähldetektivin Annette

Wann genau die Geburts­stunde des Medi­ums Film zu ver­zeich­nen ist, dar­über lässt sich strei­ten. Klar ist jedoch: Nach der Ent­wick­lung der Bewegt­auf­zeich­nung (Kine­ma­to­gra­phie) hat sich viel getan. Die Anfänge waren nicht nur schwarz-weiß, son­dern vor allem eins: stumm. Taucht mit Erzähl­de­tek­ti­vin Annette in die fas­zi­nie­rende Welt des deut­schen Stumm­films ein.

Der Expres­sio­nis­mus im Film

Anfang des 20. Jahr­hun­derts boomt die Film­wirt­schaft. Beson­ders in Europa liegt das Haupt­au­gen­merk auf einer beson­ders kunst­vol­len und aus­drucks­star­ken Ästhe­tik. Als ers­ter expres­sio­nis­ti­scher Film gilt „Das Cabi­net des Dr. Cali­gari“ von Robert Wiene. Die ver­wor­rene Hand­lung zeigt den Insas­sen einer Irren­an­stalt, der vom trau­ri­gen Schick­sal des unter einer Schlaf­krank­heit lei­den­den Cesare berich­tet. Dabei bleibt stets offen, in wel­cher Bezie­hung er zu die­sem steht und ob er nicht viel­leicht die Geschichte sei­ner eige­nen Krank­heit erzählt. Die Dop­pel­deu­tig­keit der Gescheh­nisse mani­fes­tiert sich in den ver­zerr­ten, bedroh­li­chen Kulis­sen. Sie ver­stär­ken die beängs­ti­gende, alp­traum­hafte Atmo­sphäre des Werkes.

Ursprüng­lich war Fritz Lang als Regis­seur vor­ge­se­hen, der jedoch auf­grund ande­rer Ver­pflich­tun­gen ver­zich­ten musste. Nur wenig spä­ter bescherte ihm der Zwei­tei­ler „Dr. Mabuse, der Spie­ler“ den inter­na­tio­na­len Durch­bruch. In die Film­ge­schichte ging er jedoch mit sei­ner monu­men­ta­len Dys­to­pie „Metro­po­lis“ ein. Zu Recht gilt das fast 2 ½‑Stunden dau­ernde Epos als Sci­ence-Fic­tion-Klas­si­ker. Heute sind die gigan­ti­schen Bau­ten der Stadt, das Elend der unter Tage hau­sen­den Arbei­ter sowie die Idee der men­schen­ech­ten Maschine Maria wich­tige Refe­renz­punkte. Bei sei­nen Zeit­ge­nos­sen kam die Ver­bin­dung aus ele­men­ta­rer Gesell­schafts­kri­tik und tech­ni­schen Spie­le­reien hin­ge­gen nicht gut an.

Ein Hor­ror­klas­si­ker

Auch um Fried­rich Wil­helm Mur­nau kommt man in der Geschichte des frü­hen Films nicht herum. Sein Name ist beson­ders mit dem Hor­ror­klas­si­ker „Nos­fe­ratu, eine Sym­pho­nie des Grau­ens“ ver­bun­den. In ebenso lang­sa­men wie tief­schür­fen­den Bil­dern wer­den die gequäl­ten See­len­zu­stände der dämo­ni­schen Haupt­fi­gur Graf Orlock wun­der­bar in Szene gesetzt. Mur­n­aus Werk ist eines der ers­ten Ver­tre­ter des Hor­ror­films und in sei­ner visu­el­len Gestal­tung wich­ti­ger Vor­rei­ter des Genres.

Eine nach dem Regis­seur benannte Stif­tung ist ver­ant­wort­lich für Restau­ra­tion und Erhalt vie­ler Mei­len­steine der Film­ge­schichte – nicht zuletzt der bereits genann­ten Werke. Auch die Rekon­struk­tion des von E.A. Dupont insze­nier­ten Dra­mas „Varieté“ ist ihr zu ver­dan­ken. Hier liegt das Augen­merk auf einer rea­lis­ti­schen Dar­stel­lung der gezeig­ten Gesell­schafts­schich­ten und Milieus, gepaart mit einer vir­tuos umge­setz­ten Innen­sicht der Haupt­per­son Boß Hul­ler. Beson­ders beein­dru­ckend ist der Ein­satz der „ent­fes­sel­ten Kamera“. Lange Zeit konn­ten nur mit einem fes­ten Sta­tiv oder bes­ten­falls von einem sich bewe­gen­den Fahr­zeug aus gefilmt wer­den. In „Varieté“ ist das Gerät hin­ge­gen an einer Tra­pez-Schau­kel befes­tigt und sug­ge­riert die Sicht eines sich im Flug befind­li­chen Akrobaten.

Es gibt vie­les zu entdecken

Selbst­re­dend sind die genann­ten Titel nur einige Bei­spiele einer rie­si­gen Fülle sehens­wer­ter Werke. Und natür­lich nimmt die Bedeu­tung des Films nicht ab, als die­ser schließ­lich über Ton ver­fügt. Ein Blick auf die Anfangs­zeit lohnt sich für jeden cine­as­tisch Inter­es­sier­ten. Die Erzähl­weise in Stumm­fil­men ist eine völ­lig andere, die Schau­spie­ler müs­sen ungleich inten­si­ver reagie­ren. Ihre Mimik und Ges­tik müs­sen gemein­sam mit Kulis­sen und pas­sen­den Bild­ein­stel­lun­gen all das trans­por­tie­ren, was mitt­ler­weile über Spra­che wie­der­ge­ge­ben wird. Mit wel­chen Mit­teln dies gelingt, lässt Zuschauer auch heute noch stau­nend zurück. Stumm­filme las­sen die Liebe zum Medium Film wie­der auf­le­ben. Und wer möchte sich nicht gerne dem Zau­ber der beweg­ten Bil­der hingeben?

  • Das Cabi­net des Dr. Cali­gari. Regie: Robert Wiene. Dreh­buch: Carl Mayer u.a. Mit W. Krauss, C. Veidt. Uni­ver­sum Film. Deutsch­land. 1920.
  • Dr. Mabuse, der Spie­ler. Regie: Fritz Lang. Dreh­buch: Fritz Lang. Mit R. Klein-Rogge, A. Egede-Nis­sen u.a. Uni­ver­sum Film. Deutsch­land. 1922.
  • Metro­po­lis. Regie: Fritz Lang. Dreh­buch: Thea von Har­bou. Mit G. Fröh­lich, B. Helm u.a. Uni­ver­sum Film. Deutsch­land. 1927.
  • Nos­fe­ratu, eine Sym­pho­nie des Grau­ens. Regie: F.W. Mur­nau. Dreh­buch: Hen­rik Galeen. Mit M. Schreck, G. Schrö­der. Uni­ver­sum Film. Deutsch­land. 1922.
  • Varieté. Regie: Ewald André Dupont. Dreh­buch: Ewald André Dupont. Mit E. Jan­nings, L. De Putti. Uni­ver­sum Film. Deutsch­land. 1925.

Nähere Infor­ma­tio­nen zu den genann­ten und vie­len wei­te­ren Wer­ken fin­det ihr hier.

Der Text erschien zuerst in unse­rer Aus­gabe BK 24 zum Thema Früh­jahrs­putz. Jetzt erscheint er in der The­men­wo­che #1920erlesen. Zu allen Bei­trä­gen der The­men­wo­che geht es hier.

Bil­der: Uni­ver­sum Film

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