Ein Brief über Mut und Träume

by Bücherstadt Kurier

Bene­dict Wells schreibt auf sei­ner Face­book-Seite in einem offe­nen Brief an die Abitu­ri­en­tin­nen und Abitu­ri­en­ten über Mut und Träume. Die­sen Brief wol­len wir mit euch teilen.

BRIEF AN SCHULKLASSE, ÜBER MUT UND TRÄUME

Ende 2011 las ich im Gym­na­sium Plochin­gen aus „Fast genial“. Vor eini­gen Mona­ten fragte die jet­zige Abschluss­klasse an, ob ich ein paar Zei­len für die Abizei­tung bei­steu­ern konnte. Ich war natür­lich sehr geehrt, aber ich wusste lange nicht, was ich schrei­ben sollte. Irgend­wann dachte ich: Ach, komm, schreib ein­fach etwas, was du als 18- oder 19jähriger selbst gern gehört hät­test. Basie­rend auf einem Zitat des legen­dä­ren Phi­lo­so­phen Fer­ris Buel­ler (siehe Foto).

Da inzwi­schen noch ein wei­te­res Gym­na­sium wegen etwas Ähn­li­chem ange­fragt hat, habe ich beschlos­sen, das ganze jetzt online zu stel­len. Und viel­leicht ist da drau­ßen ja irgend­je­mand gerade mit der Schule fer­tig und freut sich über ein paar auf­mun­ternde Zeilen.

„Liebe Abitu­ri­en­tin­nen und Abiturienten,

als ich gebe­ten wurde, ein paar Zei­len an euch zu schrei­ben, musste ich an das Ende mei­ner eige­nen Schul­zeit den­ken. Als Ers­tes fiel mir wie­der ein, dass wir keine Abizei­tung hat­ten. Ent­we­der weil wir zu blöd waren oder weil wir zu faul waren, im Zwei­fel beides.

Doch vor allem erin­nerte ich mich daran, dass uns damals tat­säch­lich nie­mand gesagt hat, dass wir mutig sein sol­len. Meine Mit­schü­ler und ich spra­chen jah­re­lang von unse­ren Träu­men und was wir im Leben machen woll­ten: mit Freun­den oder allein rei­sen, ein Café eröff­nen, mit der Band tou­ren, schrei­ben, Filme machen, ein Jahr chil­len, im Aus­land leben, Spra­chen ler­nen, foto­gra­fie­ren, nach Afrika gehen oder in Bue­nos Aires Eth­no­lo­gie stu­die­ren. Jeder hatte so seine klei­nen Ideen und Wün­sche. Doch mit einem Schlag, mit dem Ende der Schul­zeit, schie­nen das für die meis­ten nur noch Kin­der­ge­schich­ten gewe­sen zu sein. Alberne Spin­ne­reien, die an der Rea­li­tät zer­schell­ten. An erfolg­lo­sen Uni­be­wer­bun­gen, am sanf­ten Druck der Eltern, an der Angst, nicht wie alle ande­ren auf Sicher­heit zu set­zen. Plötz­lich fan­den sich viele mei­ner Freunde und Mit­schü­ler in irgend­wel­chen frem­den Städ­ten wie­der, stu­dier­ten irgend­was, was sie gar nicht woll­ten, weil es eben alle taten. Die Zeit tickte, und es wurde immer schwie­ri­ger, noch auszubrechen.

Es gab damals diese pani­sche Furcht, dass ein paar Lücken im Lebens­lauf schreck­lich sein könn­ten. Dass es falsch wäre, inne­zu­hal­ten, nach­zu­den­ken und sich ein­fach mal die Zeit zu neh­men, die man brauchte. Denn nicht alle hat­ten das Glück, gleich zu wis­sen, was sie in ihrem Leben tun wollten.

Als ich das Abitur machte, gab es noch den Zivil­dienst und man hatte ein Jahr län­ger Schule. Heißt, ihr habt alle zwei Jahre mehr zur Ver­fü­gung als wir damals. Nutzt es. Und ich kann euch beru­hi­gen: ich bin jetzt drei­ßig und es inter­es­siert in mei­nem Alter wirk­lich keine Sau, was jemand bis Anfang oder Mitte zwan­zig gemacht hat. Mit acht­zehn glaubt man, keine Zeit ver­lie­ren zu dür­fen. Und dabei tut man oft genau das: Man ver­liert mit die wich­tigste, schönste Zeit in sei­nem Leben. Und die Frei­heit das zu tun, was man will.

Ein Mit­schü­ler von mir stu­dierte sofort nach der Schule, in Regel­stu­di­en­zeit. Er bekam gleich danach einen Job im Manage­ment eines Sport­ar­ti­kel­her­stel­lers. Wahn­sin­ni­ges Gehalt. Doch beim Blick auf die glatt­po­lierte Ober­flä­che sei­nes Lebens wurde er tod­un­glück­lich. Wozu tat er das alles? Wofür brauchte er so viel Geld? Nach zwei Jah­ren bekam er Depres­sio­nen, dann warf er alles hin, reiste ein Jahr und stu­diert nun wie­der etwas ande­res, das zwar weni­ger lukra­tiv ist, ihn aber glück­lich macht. Ein extre­mes Bei­spiel. Denn ein ande­rer hätte sich im glei­chen Job wie er ver­mut­lich ver­dammt wohl gefühlt. Einige Mit­schü­ler von mir mach­ten eben­falls schnell Kar­riere und haben es nie bereut. Was ich damit sagen will: Jeder hat seine eige­nen Maß­stäbe, seine eige­nen Ideen vom Leben. Es bringt nichts, ein­fach das zu tun, was die ande­ren machen. Man muss auf sich selbst hören, denn man kann sein Gewis­sen auf Dauer nicht betrügen.

Die Zukunft liegt jeden­falls aus­ge­brei­tet vor euch. Stellt euch vor, wie ihr mit vier­zig seid, mit sech­zig. Stellt euch vor, wie ihr mit acht­zig auf euer Leben zurück­blickt. Plötz­lich rela­ti­viert sich vie­les. Was sind da schon die paar Jahre nach der Schule. Stellt euch vor, was ihr eurem jet­zi­gen Ich raten wür­det und was ihr am Ende eures Lebens bereuen wür­det, wenn ihr es nun nicht tut.

Bei den Feh­lern, die ich gemacht habe, habe ich eins gelernt: Es ist immer bes­ser etwas zu bereuen, was man getan hat, als etwas, was man nicht getan hat. Noch Jahre spä­ter quält einen das Mäd­chen, das man nicht ange­spro­chen hat. Die Reise mit den Freun­den, die man nicht unter­nom­men hat. Die gehei­men Träume und Pläne, die man nicht wenigs­tens mal ver­sucht hat, sich zu erfüllen.

Es gibt nur die­ses eine Leben. Und es gibt auch jeden von euch nur ein ein­zi­ges Mal. Wenn ihr also einen Traum habt, etwas, was ihr unbe­dingt machen oder wer­den wollt, dann dürft ihr die­sen Traum nicht los­las­sen. Man kann schei­tern, zwei­feln, pleite sein, man kann auch Angst haben. Aber man darf ein­fach nicht auf­ge­ben. Denn was man immer wie­der auf­schiebt, macht man oft nie mehr. Und fast nichts ist dann schlim­mer, als mit vier­zig dazu­sit­zen und sich vol­ler Bit­ter­keit zu fra­gen: „Wieso habe ich es damals nicht wenigs­tens versucht?“

Ich habe des­halb eine Bitte an euch: Scheißt auf das, was alle machen und man euch ein­re­den möchte. Hört den Leu­ten, die euch lie­ben, natür­lich gut zu, aber gebt euch dane­ben auch die echte Chance, das zu machen, was ihr machen wollt. Ver­sucht es zumin­dest ein­mal und traut euch. Denn ihr seid jetzt so frei wie ver­mut­lich nie mehr wie­der. Genießt es. Die ers­ten Jahre nach der Schule gehö­ren nur euch. Lasst sie euch von nie­man­dem wegnehmen.

Oder um die Film­fi­gur Fer­ris Buel­ler zu zitie­ren: „Das Leben zieht ziem­lich schnell vor­bei. Wenn du nicht ab und zu ste­hen­bleibst und dich umsiehst, könn­test du es verpassen.“

Ich wün­sche euch alles Gute und viel Glück.
Und vor allem: Seid mutig!

Euer
Bene­dict Wells

Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Verfassers.

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2 comments

Maki 23. Juli 2014 - 7:56

Wie wahr 🙁

Reply
Was kommt nach dem Hype – Bücherstadt Kurier 28. April 2019 - 21:22

[…] Ein Brief über Mut und Träume […]

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