Ein bizarroider kleiner Roman „Blaue Flecken auf der Seele“

by Worteweberin Annika

Blaue Flecken auf der SeeleSchrift­stel­le­rin Fran­çoise Sagan ver­webt in „Blaue Fle­cken auf der Seele“ die Geschichte zweier Geschwis­ter mit Kapi­teln über ihr eige­nes Schrei­ben. Ein kur­zer Roman, locker aus dem Hand­ge­lenk geschüt­telt, mit dem sich Worte­we­be­rin Annika köst­lich amü­siert hat.

Ein schwe­di­sches Geschwis­ter­paar in Paris im Jahr 1971: Sie sind die Haupt­fi­gu­ren in Sagans „Blaue Fle­cken auf der Seele“ aus dem­sel­ben Jahr. Die andere Haupt­fi­gur ist Sagan selbst. Sie wech­selt Kapi­tel über das Leben von Eléo­nore und Sébas­tien Van Mil­hem mit sol­chen über ihre eigene Per­son, ihre Mei­nun­gen und ihr Schrei­ben ab. Umso schwe­rer zu bestim­men, worum es in die­sem klei­nen, 140 Sei­ten star­ken Roman eigent­lich geht, außer um die Momentaufnahme.

„Ich fange an, alles durch­ein­an­der­zu­wer­fen, Eléo­nore und mich, ihr Leben und meins, und das ist rich­tig so, denn es ist meine Absicht, wie der getreue Leser sehen wird, wenn er ans Ende die­ses bizar­ro­iden Tex­tes gelangt.“ (S. 87)

Zwischen Champagner und Dosenravioli

Eléo­nore und Sébas­tien sind „Leute, für die das Leben und die Lebens­freude eine ver­schlis­sene Gewohn­heit war“ (S. 85). Ihr Leben ist mon­dän, Arbeit hat darin kei­nen Platz. Beide wan­dern – meis­tens durch­aus mit Ver­gnü­gen – von Gön­ner zu Gön­ne­rin, haben Affä­ren, die ihren Unter­halt finan­zie­ren. Wenn gerade nie­mand da ist, um ihnen Cham­pa­gner zu spen­die­ren, leben sie eben von Dosen­ra­violi. Aller­dings sind sie inzwi­schen nicht mehr jung und es wird müh­se­lig, geeig­nete Finan­ziers zu fin­den. Doch zum Glück haben sie ein­an­der – sie sind ein etwas selt­sa­mes, fest zusam­men­ge­schweiß­tes Gespann. Einen Som­mer lang beob­ach­ten wir sie und erfah­ren, wie die Liai­son zwi­schen Sébas­tien und der rei­chen, älte­ren Nora Jedel­man den Lebens­un­ter­halt der bei­den sichert, wie Eléo­nore sich auf das junge Schau­spiel­ta­lent Bruno ein­lässt und wie sie damit eine Tra­gö­die auslöst.

Der Autorin über die Schulter geschaut

Wir Leser*innen sind in die­sem Text ganz nah an sei­nem eige­nen Ent­ste­hungs­pro­zess dran. Die­ser ist spon­tan, emo­tio­nal und mit­un­ter kon­zept­los: Sagan schreibt dar­auf los, plat­ziert ihre Figu­ren in einer Situa­tion und beob­ach­tet, wie sich die Hand­lung dar­aus ent­wi­ckelt. Sie lässt uns Leser*innen an den Über­le­gun­gen teil­ha­ben, wie die Geschichte wei­ter­ge­hen wird. Einige ange­deu­tete Stränge lau­fen dabei ins Leere, weil die Autorin sie schlicht ver­gisst, wie sich spä­ter herausstellt.

Von die­sen Über­le­gun­gen springt Sagan zu poli­ti­schen The­men wie der Gen­der-Pay-Gap oder Abtrei­bun­gen, und zu sich selbst. Mit 17 Jah­ren wurde Sagan mit ihrem Roman „Bon­jour Tris­tesse“ berühmt und stand von da an im Ram­pen­licht. Ihr Künst­le­rin­nen­le­ben, gar­niert mit schnel­len Autos, Alko­hol und meh­re­ren geschie­de­nen Ehen, reflek­tiert sie zuneh­mend im Romanverlauf:

„Ich hätte gewünscht, mein Leben wäre ein lan­ger und klas­si­scher fran­zö­si­scher Auf­satz: durch­ge­hend Zitate von Proust, wäh­rend der Ferien von Cha­teau­bri­and, mit acht­zehn Jah­ren von Rim­baud, mit fünf­und­zwan­zig von Sartre und mit drei­ßig von Scott Fitz­ge­rald.“ (S. 91)

Letzt­end­lich schlägt der Roman den Bogen zurück zur Autorin, tref­fen Sagan und die Van Mil­hems auf­ein­an­der. Dabei wer­den nicht alle Fäden wie­der auf­ge­nom­men, aber doch die meis­ten. Und was lie­gen­ge­blie­ben ist, hat uns Leser*innen zumin­dest unter­wegs gut und intel­li­gent unter­hal­ten. „Blaue Fle­cken auf der Seele“ war für mich auch des­halb ein beson­de­rer und außer­ge­wöhn­li­cher Roman, den ich gerne weiterempfehle.

Blaue Fle­cken auf der Seele. Françoise Sagan. Aus dem Fran­zö­si­schen von Eva Brück­ner-Pfaf­fen­ber­ger. Wagen­bach. 2022.

Zur Rezen­sion von „Die dunk­len Win­kel des Her­zens“ von Fran­çoise Sagan.

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