Die Schneeverwehten (Teil 1) #Schneeverwehte

by Bücherstadt Kurier

Sie sind die Zurück­ge­las­se­nen, die Ver­blie­be­nen, die Irde­nen. Mit der Sonne schwand die Freude aus ihren Gesich­tern. Mit ihren Trä­nen kam der Regen, der jede Farbe, jedes Rot, jedes Rosa, jeden Braun­ton aus ihrer Haut wusch und das Ant­litz der Erde lang­sam veränderte.

Und so lange wein­ten sie. So lange, bis ihnen die Trä­nen an den Wan­gen fest­fro­ren, bis sich die Trop­fen in die Haut gru­ben, bis die Kälte den Trä­nen­ka­nal hoch­ge­wan­dert war (man­che von ihnen wur­den blind, als der Frost ihre Augen erreichte) und die Trä­nen ver­sieg­ten, weil die Quel­len zuge­fro­ren waren.

All­mäh­lich lich­te­ten sich die Schleier vor ihren Augen. Aus ihren Trä­nen wuch­sen Eis­blu­men, die sich in Nebel auf­lös­ten und mit dem gefrie­ren­den Atem misch­ten, der aus ihren Mün­dern strömte und sich zu einer pul­sie­ren­den Wolke verband.

Und wäh­rend sie die Wolke betrach­te­ten, wie sie immer wie­der anschwoll, wurde ihnen etwas bewusst: Sie waren noch am Leben.

Noch? Oder wie­der? War der Ein­bruch der Kälte nicht auch ein Ein­bruch in ihr Sein? Bedeu­tete das Ver­schwin­den der Sonne nicht auch das Ende ihres Lebens? Sie erin­ner­ten sich vage an ein Damals, in dem oft die Rede von einer Stunde Null war. Doch so sehr sie sich auch erin­ner­ten, nichts glich einem Null­punkt mehr als die­ser Moment. Das Feh­len der Sonne löschte alles Vor­he­rige aus, ließ es zum Teil einer frem­den Welt wer­den, zu der sie viel­leicht nie gehört hat­ten, an die sie sich nur erin­ner­ten wie an einen Blick durch ein ange­lau­fe­nes Fenster.

Die Sonne stand immer für das Leben, für den Lauf der Dinge, das Wer­den und Ver­ge­hen. Nach­dem die Sonne ver­schwun­den war, muss­ten sie sich fra­gen, was das alles noch zu bedeu­ten hatte. War ihre Exis­tenz noch Leben oder waren sie nicht bereits in eine Form des Todes ein­ge­tre­ten, weil so etwas wie Leben ohne Sonne gar nicht mehr mög­lich war?

Panik machte sich in ihren Bli­cken breit. Ihre Pupil­len zit­ter­ten. Ihr Atem ging schwe­rer, die Wol­ken, die aus ihren Mün­dern auf­stie­gen, ver­dun­kel­ten sich.

Ihre Hände wan­der­ten über ihre Kör­per, stri­chen über Haut und ver­such­ten der Wärme nach­zu­spü­ren, die lang­sam ent­wich. Sie tas­te­ten nach etwas, das sie frü­her Leben genannt hat­ten. Ihre Fin­ger krall­ten sich fest und sie spür­ten Her­zen, bei­nahe als könn­ten sie diese jeder­zeit aus der Brust neh­men. Doch mit jedem schnel­len Schlag schwand die Wärme.

Die Zurück­ge­las­se­nen spür­ten, wie die Kälte sich immer wei­ter in ihnen aus­brei­tete, grif­fen wild um sich. Sie hat­ten Angst, etwas zu ver­lie­ren, das sie so lange umge­ben hatte, das ihr Inne­res bestimmte. Sie woll­ten sie noch ein letz­tes Mal füh­len, die Wärme. Sie ris­sen sich die Klei­der von den Lei­bern. Sie saug­ten sich fest wie Para­si­ten, rutsch­ten immer wei­ter zusam­men, drück­ten sich mit jeder Kraft, die ihnen blieb, anein­an­der, inein­an­der. Sie woll­ten nicht irgend­eine Wärme, sie woll­ten leben­dige Wärme – sie erin­nerte sie an die Sonne. Sie wur­den von der Frage gequält: Was würde aus ihnen werden?

Jeder von Ihnen wollte diese Frage ver­ges­sen, indem jeder ein­zelne sich selbst vergaß.

Ihre Haut wurde wei­cher und ihre Hände krib­bel­ten. Alles wurde still. Kein Wind, kein Tier. Jeder hörte nur sei­nen Herz­schlag und dann den der ande­ren. Man­che wur­den lang­sa­mer, andere schnel­ler. Es ent­stand ein Rhyth­mus so ein­zig­ar­tig und kom­plex, dass kein Com­pu­ter ihn berech­nen könnte.

Die Schnee­ver­weh­ten ver­schmol­zen mit­ein­an­der, wur­den zu einem Orga­nis­mus, zu einer Muschel. Ihre Rücken wur­den zur Schale, die im Inne­ren das Wert­vollste beschützte, was ihnen geblie­ben war. Ihr Atem ging schnel­ler, lau­ter. Er wurde zur Har­mo­nie in der Sym­pho­nie der Zurück­ge­las­se­nen. Jeder, der das hörte, ver­ging für einen Moment.

Man­che sag­ten spä­ter, dass die Haut der Zurück­ge­blie­be­nen an die­sem Tag, in die­sem einen Moment blau wurde. Andere erwi­der­ten, dass das, was für die Son­nen­kin­der frü­her ‚blau‘ gewe­sen war, heute als ‚weiß‘ gelte. Wie­der andere mein­ten, dass es nicht die Haut wäre, die sich ver­än­dert hatte, son­dern die Augen nicht unbe­scha­det geblie­ben seien.

Sobald sie in einen tie­fen Schlaf gefal­len waren, löste sich das innige Band lang­sam auf. Viel­leicht war es der nächste Mor­gen, viel­leicht waren nur einige Minu­ten ver­gan­gen – Zeit hatte ihren Halt ver­lo­ren. Die Wärme schien nun kom­plett ver­schwun­den zu sein. Das Erleb­nis der Gro­ßen Ein­heit, wie sie die Ereig­nisse vor dem Schlaf fortan nann­ten, schrumpf­ten zu einem klei­nen Punkt in ihren Her­zen. Sie wach­ten auf, wisch­ten sich den Schnee vom Gesicht und den Tau aus den Augen. Sie blick­ten sich an und ver­such­ten etwas zu erken­nen. Doch alles war ihnen plötz­lich fremd.

Das Blau des Him­mels und das Weiß der Wol­ken war ver­schwun­den und kom­plett als Schnee auf die Erde gefal­len. Hin und wie­der fegte ein Sturm über die ganze Welt und ver­än­derte ihre Ober­flä­che. Jedes Mal, wenn eine Böe die Schnee­ver­weh­ten erreichte, stan­den einige von ihnen auf, um einen neuen Platz in die­ser kal­ten Welt zu finden.

Die Wege der letz­ten Men­schen trenn­ten sich.

Am Anfang waren es nur ein­zelne. Sie stan­den nach­ein­an­der auf und jeder ging in eine andere Rich­tung. Sie lie­fen ein­fach los, ins Unge­wisse. Man­che von ihnen rann­ten, hetz­ten durch den Schnee. Unrast hatte sie über­fal­len. Andere gin­gen nur lang­sam und wähl­ten ein Tempo, das sie bis zum Ende hal­ten könnten.

Man­che star­ben auf dem lan­gen Weg: Eine Frau kehrte in eine ver­fal­lene Stadt zurück, wo sie unter den ein­stür­zen­den Tür­men begra­ben wurde. Ein Mann schloss sich in die größte Biblio­thek ein, die er fin­den konnte. Dort ver­schlang er zahl­lose Bücher, Seite für Seite stopfte er sie in sich, bis ein Feuer aus­brach, das schließ­lich ihn verbrannte.

Andere fan­den auf ihrem Weg ein Ziel: Ein Mann wollte über die Welt bli­cken und bestieg auf sei­ner Suche die höchs­ten Gip­fel, bis er kurz vor dem Ende der Zeit die Spitze der Welt fand. Eine Frau sehnte sich nach den Ster­nen. Auch sie bestieg jeden Gip­fel, fand dabei jedoch keine Freude. Wie so oft brachte sie der Zufall an ihr Ziel, nach­dem sie sich in einen tie­fen Gra­ben hatte fal­len las­sen. Ein Mann konnte den Anblick der Eis­blu­men, die auf sei­ner Iris erblüht waren, nicht ver­ges­sen. Er umrun­dete die Welt viele Male auf der Suche nach die­sen Blu­men. Oft dau­erte es ein gan­zes Äon, bis er eine wei­tere Blüte fand. Er pflückte sie sanft und setzte sie auf seine nackte Brust. Kei­ner weiß, ob es irgend­wann keine neuen Blü­ten oder kei­nen Platz auf sei­ner Brust gab – irgend­wann legte er sich inmit­ten einer wei­ten Schnee­ebene zur Ruhe, wo die Blu­men bis in alle Ewig­keit bei­ein­an­der blü­hen. Eine Frau suchte nach Har­mo­nie. Sie zog mit einer lan­gen Eisen­stange durch die Wäl­der und schlug gegen die Bäume. Jeder von ihnen hatte einen eige­nen Klang. Irgend­wann erreichte sie einen Hain auf einem Hügel, umge­ben von einer wei­ten Schnee­wüste. Sie schlug gegen jeden Baum und ein Akkord ent­stand, in den sich end­lich auch der Klang ihres Her­zens mischte. So musi­zierte sie mit den Bäu­men. Manch­mal wehte der Wind ihre Melo­dien durch die Welt.

Und ein Sturm fegte durch den Schnee.

Fast die Hälfte der Zurück­ge­las­se­nen kehrte in die Stadt zurück. Schon auf dem Weg gerie­ten sie in Streit, wie sie in Zukunft leben woll­ten. Als sie die ers­ten Häu­ser erreich­ten, war ihnen klar, dass sie die Stadt in zwei­tei­len muss­ten. In der einen Hälfte leb­ten die Zurück­ge­las­sen ein Leben, wie sie glaub­ten, es vor dem Schnee­fall geführt zu haben. Sie nann­ten sich die Bewah­rer. Jeder suchte sich ein Haus oder eine Woh­nung. Jeder von ihnen ging einer Arbeit nach, auch wenn sie eigent­lich keine Bedeu­tung mehr hatte. Die wich­tigste Auf­gabe an die­sem Ort war das Hüten der gro­ßen Turm­uhr. Immer zwei Schnee­ver­wehte muss­ten dar­auf ach­ten, dass sie nicht ste­hen blieb. Nur so konn­ten die Bewah­rer Tag und Nacht unter­schei­den und ihren Leben eine Ord­nung geben.

In der ande­ren Hälfte leb­ten die Hedo­nis­ten. Für sie gab es kein Ziel mehr. Für sie war der Tod schon da und ihr Leben im Schnee nur ein Auf­schub. Und die­ses Leben woll­ten sie genie­ßen: Sie schlie­fen, wann sie woll­ten, aßen in rauen Men­gen, was immer sie fin­den konn­ten. Sie tanz­ten, bis sie vor Erschöp­fung umfie­len. Wenn jemand von ihnen starb, trau­er­ten sie nicht, son­dern jubel­ten umso lau­ter. Ein­mal ergriff doch jeman­den die Furcht vor dem Tod. Als die ande­ren sein Schau­dern spür­ten, sam­mel­ten sie sich um ihren Freund, nah­men ihn in die Mitte und began­nen wie­der zu sin­gen und tan­zen, bis auch die letz­ten Hedo­nis­ten sich vor Erschöp­fung und Hun­ger in die Stra­ßen leg­ten und nicht mehr aufstanden.

Und ein Sturm fegte durch den Schnee.

Es fan­den sich immer neue Grup­pen unter den Zurück­ge­las­se­nen, die fort­gin­gen. Einige glaub­ten, dass die große strah­lende Gott­heit sie ver­las­sen hatte, weil sie die Feh­ler der Men­schen nicht mehr mit­an­se­hen konnte. Die Gläu­bi­gen besuch­ten alte Rui­nen, wo sie her­aus­fin­den woll­ten, wie sie rich­tig leben soll­ten und wie sie das Licht wie­der in ihre Welt rufen könn­ten. Für die Rea­lis­ten hatte die Moral ver­sagt. Licht und Hoff­nung hat­ten sie ver­las­sen; es ging ihnen nur noch ums Über­le­ben. Sie gru­ben nach erfro­re­nen Tie­ren, die sie über den Flam­men auf­tau­ten und aßen. Manch­mal mach­ten sie auch Jagd auf andere Schnee­ver­wehte, die sie für schwä­cher hiel­ten, für zu schwach für diese neue Welt. Andere waren sich sicher, dass auch in die­ser Welt Gesetze von Ursa­che und Wir­kung exis­tier­ten. Wie die Gläu­bi­gen reis­ten sie zu den Tem­peln des Wis­sens. In klei­nen Grup­pen ström­ten sie in die Welt und sam­mel­ten alle Schrif­ten, die sie fin­den konn­ten. Wenn sie den Wind auf der Haut spür­ten, kehr­ten sie um und tra­fen sich an einem Ort, wo sie ihr Wis­sen teil­ten, immer hof­fend ihre Welt irgend­wann kom­plett ver­ste­hen zu können.

Und ein Sturm fegte durch den Schnee.

Die letz­ten saßen noch lange da, wäh­rend der Wind die Schnee­de­cke um sie herum immer höher wach­sen ließ. Sie saßen da, den Blick mit gla­si­gen Augen nach vorne gerich­tet, in das Nichts, wo sie ihre Zukunft ver­mu­te­ten. Die meiste Zeit schwie­gen sie, lie­ßen jeden Laut vom Weiß ver­schlu­cken. Nur hin und wie­der gaben sie einen Ton von sich, der zwi­schen einem lei­sen Sum­men und einem lau­ten Seuf­zen lag. Es klang, als würde jemand auf einem Kla­vier einen Akkord anschla­gen und aus­klin­gen las­sen. Manch­mal gesellte sich der Wind zu ihnen, pfiff ihnen zu und türmte ein Gebirge aus mikro­sko­pi­schen Eis­kris­tal­len neben ihnen auf.

Dann reg­ten sich die Sit­zen­den wie­der. Ein Zit­tern ging durch ihre Rei­hen, als wür­den sie alle an dem­sel­ben Faden hän­gen, an dem eine unbe­kannte Macht gezo­gen hatte. Sie stan­den lang­sam auf und gin­gen zu den Schnee­hau­fen, die sich neben ihnen, bis zum Him­mel, auf­zu­tür­men schie­nen. Sie gru­ben sich Stück für Stück in die ange­weh­ten Berge hin­ein. Der Schnee in ihren Hän­den färbte sich rot, wäh­rend sich die Schnee­ver­weh­ten die Haut an dem eisi­gen Mas­siv auf­ris­sen. Doch sie gru­ben immer wei­ter, bis sie schließ­lich im Inne­ren der Schnee­türme ver­schwan­den. In der Stille waren die krat­zen­den Geräu­sche noch lange zu hören. Bald waren die Tun­nel kom­plett von Neu­schnee verschlossen.

Eine Stille brei­tete sich aus, wie sie nur über Schnee lie­gen kann.

Erneut hob ein star­ker Wind an. Wie um die Stille zu ver­trei­ben, rauschte und fauchte er zwi­schen den Schnee­ber­gen hin­durch, bis sie erzit­ter­ten und wie eine große Wolke fort­ge­weht wur­den. Von den Zurück­ge­las­sen war nichts mehr zu sehen. Die Sturm­böe ließ nur eine glit­zernde Ebene zurück.

Text: Thilo Sauer
Illus­tra­tion: Sei­ten­künst­ler Aaron

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