Die Analyse und wissenschaftliche Aufarbeitung der Bilder in Comics

In der Dok­tor­ar­beit „Die Bil­der des Comics – Funk­ti­ons­wei­sen aus kunst- und bild­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­tive“ von Alex­an­der Press wird umfang­reich unter­sucht, wie die Bil­der der Comics funk­tio­nie­ren, auf­ge­baut sind und rezi­piert wer­den. Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina setzt sich mit der Dis­ser­ta­tion auseinander.

Am Anfang der Dis­ser­ta­tion steht die sechs­sei­tige Ein­lei­tung, die Press in vier Abschnitte glie­dert. Zuerst spricht er die bemer­kens­werte Erzähl­weise der Comics und der darin ent­hal­ten­den Kom­bi­na­tion von Wort, Schrift und ange­ord­ne­ten Bild­rei­hen an. Im zwei­ten Punkt stellt er dar, wie schwer es ist, Comics genau zu defi­nie­ren und ein­zu­ord­nen, zumal diese auch andere Medien beinhal­ten. Um sich diese Kom­ple­xi­tät bes­ser zu erschlie­ßen, ist es erfor­der­lich, nicht nur Lite­ra­tur- und Bild­wis­sen­schaf­ten ein­zu­be­zie­hen, son­dern auch Medien‑, Film- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaf­ten, Phi­lo­so­phie, His­to­rie, Phä­no­lo­gie und Nar­ra­to­lo­gie. Damit stellt er sich „dem Ziel, die kunst- und bild­wis­sen­schaft­li­chen Dimen­sio­nen von Comics für den Dis­kurs zu erschlie­ßen.“ (S. 8)

Im drit­ten Abschnitt geht der Autor auf das Zusam­men­spiel von Bild und Schrift ein und was die­ses beim Betrach­ten­den aus­löst. Der vierte Aspekt stellt die Grund­ele­mente des Comics vor. Da diese laut Press in zahl­rei­chen Unter­su­chun­gen schon ange­führt wur­den, sind sie hier nur in drei Unter­punk­ten – Bil­der, Induk­tion und Wör­ter – kurz erwähnt.

Die Ein­lei­tung beschreibt grund­le­gende Fak­to­ren der Comics und möchte somit das Grund­wis­sen ver­mit­teln, auf dem diese Dis­ser­ta­tion auf­baut, um den Lesen­den abzu­ho­len. Aller­dings scheint es zunächst schwie­rig zu ver­ste­hen, wohin diese Dis­ser­ta­tion füh­ren soll. Wie oben erwähnt, wird zwar ein Ziel benannt, jedoch ist es ein wei­ter Begriff, wenn von „Dimen­sio­nen des Comics“ gespro­chen wird.

Die Sprech­blase

Das erste Kapi­tel wid­met sich der The­ma­tik der Sprech­blase und wel­chem Bild­ver­ständ­nis diese zu Grunde liegt. Hier ver­gleicht Press Schrift­bän­der und Spruch­bän­der des Mit­tel­al­ters mit Sprech­bla­sen und kris­tal­li­siert Unter­schiede zwi­schen die­sen her­aus. Wei­ter­hin stellt er sich der Frage: „Gibt es ein comic­spe­zi­fi­sches Bildverständnis?“

Stile der Kunst- und Bildgeschichte

Im zwei­ten Kapi­tel wird unter­sucht, was ein Comic­stil ist und wie die­ser die Ent­ste­hung sei­ner eige­nen Bedeut­sam­keit beein­flusst hat. Zur all­ge­mei­nen Stil­the­ma­tik führt Press zwei Bei­spiele aus den Bil­den­den Küns­ten an und wel­che Eigen­schaf­ten diese Stile haben. Es wer­den natur­do­ku­men­ta­ri­sche Zeich­nun­gen und Bil­der Tur­ners in Augen­schein genom­men und mit Comics ver­gli­chen. Press meint hier, dass „es bei den Pflan­zen­bil­dern um die Kom­mu­ni­ka­tion von [real­welt­li­cher] Beob­ach­tung“ geht. Wäh­rend­des­sen bie­ten die Bil­der des Comics „die Mög­lich­keit, andere Wel­ten zu prä­sen­tie­ren.“ (S. 30)

Warum Press die­sen offen­sicht­li­chen Ver­gleich anführt, ist nicht ganz klar. Es stellt sich außer­dem die Frage, warum der Comic mit ande­ren Kunst­gat­tun­gen ver­gli­chen wird und es nicht reicht, ihn als eigen­stän­di­ges Medium ‚Comic‘ zu untersuchen.

Im Fol­gen­den wird auf ver­schie­dene Comic­stile ein­ge­gan­gen, indem unter ande­rem Bei­spiele zu Bill Wat­ter­sons „Cal­vin & Hob­bes“ und Mark Waids „Dar­e­de­vil“ ange­führt wer­den. Dabei wird auch auf die Wahr­neh­mung und die Lebens­welt der erzäh­len­den Figur ein­ge­gan­gen und wie diese im Stil zum Aus­druck kommt. Auch Dar­stel­lungs­ar­ten wie die Stil­mon­tage und der Pik­to­gramm­stil wer­den in die­sem Abschnitt behandelt.

Inte­gra­ti­ons­ef­fekt

Das dritte Kapi­tel wen­det sich dem Inte­gra­ti­ons­ef­fekt zu, bei dem andere Medien – wie etwa Foto­gra­fien – sowie Bil­der aus ande­ren Kunst­gat­tun­gen immer­siv (das heißt: sich ins Dar­stel­lungs­uni­ver­sum ein­fü­gend) adap­tiert und in den Comic ein­ge­bet­tet werden.

Zu Ers­te­rem wird Arthur Spie­gel­mann „Maus“ als Bei­spiel ange­führt, bei dem Echt­bild­fo­to­gra­fien ver­wen­det wer­den, um die bio­gra­fi­sche Ver­gan­gen­heit zu bele­gen und authen­ti­scher zu wir­ken. Zwei­te­res unter­streicht Press mit einer Comic­seite aus A. Doxia­dis „Logi­co­mics“, bei wel­cher die Ähn­lich­keit zu C. D. Fried­rich „Wan­de­rer über dem Nebel­meer“ zu sehen ist. Mit Hin­zu­nahme der Fach­be­griffe Inter­tex­tua­li­tät, Inter­me­di­a­li­tät und Mul­ti­moda­li­tät stellt Press eine kon­kre­tere Defi­ni­tion des Inte­gra­ti­ons­ef­fek­tes auf.

Der Dis­kurs ist eine inter­es­sante und auch wich­tige Per­spek­tive. Frag­lich ist aller­dings, ob der Künst­ler A. Doxia­dis C. D. Fried­richs „Wan­de­rer über dem Nebel­meer“ als Inspi­ra­ti­ons­quelle genutzt und ob er aus die­sem Stand­punkt her­aus seine eigene, wei­tere Geschichte erzählt hat.

Nar­ra­tion

Im vier­ten Kapi­tel wer­den Theo­rien zur Nar­ra­tion auf­ge­zeigt. Dar­un­ter die Rezep­ti­ons­theo­rie, der Begriff der Leer­stelle, das Kon­zept des nar­ra­ti­ven Sche­mas und das Kon­zept der kogni­ti­ven Narratologie.

Das fol­gende Kapi­tel „Vom Bild zur Nar­ra­tion“ greift die The­ma­tik wei­ter auf. Es wer­den Albrecht Dürers „Feld­hase“ und Jasons anthro­po­mor­phe Tier­fi­gu­ren gegen­über­ge­stellt. Dabei wird auf die Theo­rie der „Flüch­tig­keit des ruhen­den Augen­blicks“ ein­ge­gan­gen und geschaut, wie diese in der Gegen­über­stel­lung zum Aus­druck kommt. Daran schließt sich der Ver­gleich von wer­k­äs­the­ti­scher und rezep­ti­ons­äs­the­ti­scher Sicht an, indem unter ande­rem der Begriff der Leer­stel­len erwei­tert und erklärt wird.

Dem fol­gend wird auf den Phi­lo­so­phen Hans Jonas und seine Theo­rie der „Funk­ti­ons­wei­sen des mensch­li­chen Bil­der­ma­chens und Bil­der­ver­ste­hens“ und das „Kon­zept der Ähn­lich­keit“ ein­ge­gan­gen. Um diese Theo­rie in Bezug zu Comics zu setz­ten, führt Press McClouds „Comics rich­tig lesen“ an und unter­mau­ert des­sen Begriff der Induk­tion. Bei der Induk­tion wer­den ein­zelne, auf­ein­an­der­fol­gende Sequen­zen vom mensch­li­chen Gehirn zu einem Gan­zen zusammengefügt.

Comic­ge­schichte

Im sechs­ten Kapi­tel „Noch ein­mal: Die Geschichte des Comics“ geht Press auf den Autor und Jour­na­lis­ten Andreas C. Knigge ein, der sich inten­siv mit der The­ma­tik Comic aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Hinzu kommt seine Mit-Kura­tion an der Aus­stel­lung „Comic, Man­gas und Gra­phic Novels“, die 2017 in Bonn zu sehen war. Press bestärkt hier Knigge, wel­cher den Zei­tun­gen eine fun­da­men­tale Rolle in der Ent­ste­hungs­ge­schichte des Comics zuschreibt.

Es wird aber auch auf andere Annah­men ein­ge­gan­gen, die sich als Ent­ste­hungs­my­then ent­puppt haben. Press greift die schon bekann­ten, ver­meint­li­chen Vor­läu­fer, wie es etwa die Höh­len- oder Vasen­ma­le­rei gewe­sen sein sol­len, auf und wider­legt aus­führ­lich diese Thesen.

Hier stellt sich die Frage: Wenn bereits bekannt ist, dass zum Bei­spiel Vasen­ma­le­rei kein Vor­läu­fer des Comics ist, warum geht Press dann noch ein­mal dar­auf ein? Viel­leicht um diese Erkennt­nis zu bestär­ken und die Wider­sprüch­lich­kei­ten kon­kre­ter aufzuzeigen?

Zei­tungs­strips

Beim sieb­ten Kapi­tel knüpft Press an das vor­he­rige an. Er stellt dar, wie es zu die­sen ver­meint­li­chen wis­sen­schaft­li­chen Annah­men kom­men konnte. So heißt es auf Seite 157 etwa: „Da die for­mel­len Eigen­schaf­ten, die sich der Comic mit ande­ren Bild­for­men teilt, im Laufe der reich­hal­ti­gen Kunst- und Bild­ge­schichte immer wie­der auf­tau­chen und somit einen trü­ge­ri­schen Anschein von Ver­traut­heit erwe­cken, lau­fen die Comicforscher_innen hier Gefahr, alle fremd­ar­ti­gen Ele­mente im blin­den Fleck ihrer eige­nen For­schungs­per­spek­tive zu sam­meln.“ In die­sem Zitat zeigt sich, wie kri­tisch Press gegen­über vor­he­ri­gen irre­füh­ren­den For­schungs­er­geb­nis­sen Stel­lung bezieht.

Im Fol­gen­den führt er die beleg­ba­ren und wesent­li­chen Fak­to­ren an, die zu der Ent­ste­hung der ers­ten Comics bei­tru­gen. Dar­un­ter fal­len unter ande­ren die Aus­wan­de­rung nach Ame­rika und die Ent­ste­hung der Mas­sen­presse sowie der ers­ten Satirezeitschriften.

Fazit

Das letzte Kapi­tel ist eine bemer­kens­wert knappe Zusam­men­fas­sung der wesent­li­chen Punkte des Pro­zes­ses, wie das Bild­ver­ständ­nis im Comic entsteht.

Alex­an­der Press‘ Dis­ser­ta­tion „Die Bil­der des Comics“ greift vie­ler­lei Theo­rien der Kunst- und Bild­ge­schichte auf und wen­det sie auf den Comic an. Dabei wer­den ver­schie­dene Kunst­gat­tun­gen wie Male­rei und Comic ver­gli­chen, was inter­es­sante Aspekte auf­zeigt. Auch das Noch­mal-von-vorne-Ana­ly­sie­ren der Comic­his­to­rie ist reizvoll.

Inter­es­sant wäre aller­dings wei­ter­hin, wie die Funk­ti­ons­wei­sen des Comics unter­ein­an­der im Bezug ste­hen. Wie also Bild­ver­ständ­nisse oder Stile etc. im Ver­gleich von Comic zu Comic aus­se­hen und wel­che Ein­flüsse unter­ein­an­der bestehen. Zudem wäre es auf­schluss­reich, wie der Comic in Gegen­über­stel­lung zu „ver­wand­te­ren“ Küns­ten, also etwa der Illus­tra­tion oder dem Film, zu sehen ist.

Die Dok­tor­ar­beit ist aka­de­misch geschrie­ben und benö­tigt Vor­wis­sen im Lesen von Fach­tex­ten und Fachwörterkenntnis.

Alex­an­der Press lehrt der­zeit an der Uni­ver­si­tät Bre­men im Fach­be­reich Kunst­wis­sen­schaf­ten. Wei­tere Infor­ma­tio­nen gibt es hier.

Die Bil­der des Comics – Funk­ti­ons­wei­sen aus kunst- und bild­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­tive. Alex­an­der Press. Tran­script. 2018.

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