Der Weg zum Mars – ohne Abkürzung

by Bücherstadt Kurier

Kim Stan­ley Robin­son will zum Mars. Und da schreibt er sich auch hin. In vie­len Wor­ten. Über 800 Sei­ten hat der erste Band sei­ner Mars-Tri­lo­gie. Und diese braucht er auch, um seine Erzäh­lung in alle wis­sen­schaft­li­chen, gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ecken aus­zu­deh­nen, die er in „Roter Mars“ bear­bei­tet und beleuch­tet. – Von Bücher­bän­di­ge­rin Eli­sa­beth

Wir schrei­ben das Jahr 2026. End­lich ist es soweit und die ers­ten Hun­dert flie­gen zum Mars. Eine Dele­ga­tion aus rus­si­schen und ame­ri­ka­ni­schen Astro­nau­ten, Wis­sen­schaft­lern und Pio­nie­ren rau­fen sich in ihrer neuen Mini-Gesell­schaft zusam­men. Oder auch nicht. End­lich lan­den sie auf dem Mars und begin­nen sofort mit dem Auf­bau von Habi­ta­ten, mit­hilfe von viel Tech­nik und Robo­tern. Und schon jetzt tei­len sich die Mei­nun­gen, wie man wei­ter ver­fah­ren sollte. Die „Roten“ ver­fech­ten die Ansicht, den Mars so lange wie mög­lich in sei­ner natür­li­chen Form zu las­sen, andere spre­chen sich für das „Ter­ra­forming“ aus, um auf dem Mars so schnell wie mög­lich eine erd­ähn­li­che Atmo­sphäre zu schaffen.
Zudem spal­tet sich eine Gruppe ab, die ver­schwin­det und sich erfolg­reich ver­ste­cken kann. Eine Gruppe, die sich um Fort­pflan­zung durch gene­ti­sche Beein­flus­sung bemüht. Kaum, dass die Besie­de­lung des Mars rei­bungs­lo­ser funk­tio­niert, mel­det die Erde, die heil­los über­be­völ­kert und vol­ler Unru­hen ist, ihr Recht an, den Mars nur als Sache, Kolo­nie und Res­source zu sehen, wäh­rend Mars­be­woh­ner für die Unab­hän­gig­keit und Selbst­be­stim­mung kämp­fen. Poli­tik, Wirt­schaft und Macht tref­fen auf­ein­an­der und selbst auf dem Mars spit­zen sich die Ereig­nisse zu, die Fron­ten ver­här­ten sich. Bis ein Eklat unaus­weich­lich scheint.

Ein lan­ger Weg durch detail­lierte Beschreibungen

Robin­son hat mit sei­nem Werk ein bild­ge­wal­ti­ges Werk geschaf­fen, das aller­dings viele Schwä­chen auf­weist. Seine Art, Land­schaf­ten zu beschrei­ben, macht es dem Leser leicht, sich den Mars, das Leben dar­auf und die Land­schaf­ten sehr gut und bild­haft vor­zu­stel­len, nur manch­mal zu viel und zu aus­führ­lich. Außer­dem ist seine Recher­che in ver­schie­dens­ten Berei­chen der Wis­sen­schaf­ten, Psy­cho­lo­gie, Bio­lo­gie und ande­ren Berei­chen sehr fun­diert, sodass er in allen Berei­chen aus­führ­lich schrei­ben und beschrei­ben kann.
Lei­der wer­den genau des­we­gen sehr viele Pas­sa­gen sehr genau beschrie­ben und durch wis­sen­schaft­li­che Erklä­run­gen sehr lang­wie­rig. Gene­rell zie­hen sich die lan­gen Beschrei­bun­gen zwi­schen oft nur fla­chen Span­nungs­bö­gen. Die Kom­ple­xi­tät der Mate­rie und The­men scheint ein Vor­an­kom­men der Hand­lung und den Auf­bau von Span­nung zu ver­hin­dern. Span­nungs­mo­mente wer­den dage­gen zu wenig aus­ge­kos­tet und zu schnell abge­han­delt, um dann erneut in lan­gen Beschrei­bun­gen zu enden.

Kli­schee um Klischee

Das Buch ist in acht Abschnitte unter­teilt. In jedem erzählt haupt­säch­lich eine Per­son aus ihrer Per­spek­tive und Sicht­weise. Dadurch wer­den ver­schie­dene Stand­punkte und Ein­stel­lun­gen der Cha­rak­tere beleuch­tet. Den­noch ist es meis­tens nicht genug, um den Erzäh­lern und han­deln­den Per­so­nen wirk­li­che Tiefe und einen eigen­stän­di­gen Cha­rak­ter zu geben. Manch­mal wir­ken die Hand­lun­gen der Per­so­nen aus­wech­sel­bar. Immer wie­der wird mit Kli­schees gear­bei­tet, die ange­sichts der sehr aktu­el­len The­men wie Über­be­völ­ke­rung, Flucht vor Krieg und Hun­gers­not, dem wis­sen­schaft­li­chen Durch­bruch in Gesund­heit und Gen­for­schung, poli­ti­scher Kor­rup­tion und ähn­li­chem nicht sehr ange­mes­sen schei­nen. Das Buch zeigt gegen Ende hin mehr Stär­ken, wird flüs­si­ger, span­nen­der und auf­re­gen­der. Dies wiegt die ers­ten paar hun­dert Sei­ten lang­wie­ri­gen Erzäh­lens aber nicht mehr auf.

Kim Stan­ley Robin­son hat sich an ein kom­ple­xes Werk her­an­ge­wagt, das durch sei­nen Schreib- und Erzähl­stil ein sehr gro­ßes hätte wer­den kön­nen. Lei­der fehlt die Span­nung und ver­läuft sich oft in wis­sen­schaft­li­chen Abhand­lun­gen und Erklä­run­gen aus viel zu vie­len Berei­chen und ist gleich­zei­tig in vie­len Berei­chen zu kli­schee­haft. Schade, denn der Ansatz, die schnelle Ent­wick­lung einer Gesell­schaft auf dem Mars bis zu ihrem Eklat zu ver­fol­gen und zu beschrei­ben und damit durch­aus Par­al­le­len in der Erd­ge­schichte zu fin­den, ist sicher­lich ein span­nen­der. Die Umset­zung hielt aber nicht das, was die Idee versprach.

Roter Mars. Kim Stan­ley Robin­son. Über­set­zer: Win­fried Petri. Heyne. 2015.

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