Der französische Sherlock Holmes

von | 09.05.2019 | Belletristik, Buchpranger

Ein Mann, der Vorbild für Doyles Sherlock Holmes, Dumas‘ Graf von Monte Christo und Hugos Jean Valjean und Inspektor Javert war und noch dazu die moderne Kriminologie geprägt hat, der als verurteilter Verbrecher anfing, für die Pariser Polizei zu arbeiten – das klingt spannend! Von diesem Mann erzählt Walter Hansen in „Der Detektiv von Paris“. Worteweberin Annika ist mit auf Spurensuche gekommen.

François Vidocq wächst als Sohn eines Bäckers in bescheidenen Verhältnissen auf. Um lesen und schreiben zu lernen, greift er auf einen Geistlichen zurück, der in den Verbrechervierteln arbeitet. Dort schnappt er auch mehrere Fremdsprachen auf, darunter das Rotwelsch, die Sprache der Unterwelt. Durch seine Kontakte gerät Vidocq jedoch unbeabsichtigt auf die schiefe Bahn, muss seine Heimatstadt und die Eltern verlassen und lebt unter falschem Namen. Doch er fliegt immer wieder auf, kommt ins Gefängnis, bricht aus, fliegt wieder auf…

In dreizehn Jahren kommt Vidocq auf respektable 25 Ausbrüche, bevor er dem Polizeipräsidenten einen Vorschlag unterbreitet: „Engagieren Sie mich als Polizist!“ Mit seinem lange Jahre angesammelten Wissen kann Vidocq die französische Polizei reformieren und gleichzeitig ein neues Leben beginnen.

Einmal abstauben, bitte!

Eine spannende Persönlichkeit, über die Walter Hansen da schreibt. Sein Buch über Vidocq erschien ursprünglich schon 1980 und wurde nun 2018 neu aufgelegt. Der überarbeiteten Neuausgabe merkt man jedoch an, dass sie gealtert ist. Auch wenn heutige junge Leserinnen und Leser natürlich noch so gut wie alles verstehen können (wobei einige französische Begriffe Schwierigkeiten bereiten dürften), sind einige von Hansens Ausdrücken doch angestaubt – „Gaunerstreich“ würde heute wohl niemand mehr zu einem ernsthaften Verbrechen sagen.

Hinzu kommt, dass Hansen stellenweise sehr trocken erzählt. Man erhält nur wenig Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Figuren, vor allem nicht in den Protagonisten Vidocq und so wird wenig Anlass zum Mitfiebern gegeben. Noch dazu kommt die Erzählung nur langsam in Fahrt, da erst ausführlich Vidocqs Kindheits- und Jugendgeschichte erzählt wird. Natürlich ist die wichtig, um sein späteres Handeln verstehen zu können, doch so dauert es lange, bis der eigentlich interessante Teil kommt.

Für angehende Kriminalisten

„Der Detektiv von Paris“ gerät durch diese Punkte weniger zu einem spannenden Jugendroman als eher zu einem sachlichen Bericht über eine zugegebenermaßen sehr interessante Person. Hier werden besonders Leserinnen und Leser mit kriminalistischem und historischem Interesse ihre Freude finden. Hansen baut viele Informationen über die Polizeiarbeit ein, aber zum Beispiel auch über den Hergang der französischen Revolution finden sich genaue Beschreibungen. Das wirkt aus heutiger Sicht belehrend und zeigt, wie sehr sich die Kinder- und Jugendliteratur in den letzten vierzig Jahren verändert hat.

Der Detektiv von Paris. Das abenteuerliche Leben des François Vidocq. Walter Hansen. Ueberreuter. 2018.

 

Bücherstadt Magazin

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