„Deephaven“: Ein etwas anderer Sommerroman

by Worteweberin Annika

DeephavenSom­mer­ro­mane über junge Mäd­chen in Küs­ten­or­ten gibt es ja wie den sprich­wört­li­chen Sand am Meer. Sarah Orne Jewetts „Deepha­ven“ ist aller­dings anders, fin­det Worte­we­be­rin Annika.

Die bei­den Freun­din­nen Helen und Kate bekom­men im Jahr 1877 die Gele­gen­heit, den Som­mer im Haus von Kates ver­stor­be­ner Groß­tante im Küs­ten­städt­chen Deepha­ven zu ver­brin­gen. Sie packen ihre sie­ben Sachen und ihre Dienst­bo­ten zusam­men und los geht’s! So weit, so gewöhnlich.

Kapi­täne, Leucht­turm­wär­te­rin­nen, Einsiedlerinnen

Doch in Deepha­ven ange­kom­men erwar­tet uns Leser*innen keine Erzäh­lung über Nach­mit­tage am Strand, unglück­li­che Lieb­schaf­ten und Miss­ver­ständ­nisse – auch wenn das für den Umschlag aus­ge­wählte Bild das nahe­legt. Nur kurz wer­den wir in den All­tag der bei­den in Deepha­ven ein­ge­führt und erfah­ren davon, dass es darin durch­aus auch lange Nächte voll Geläch­ter und Gru­sel­ge­schich­ten gibt. Um mich im Set­ting ein­zu­fin­den und die Figu­ren ken­nen­zu­ler­nen, hätte die­ser Part für mich auch län­ger aus­fal­len dürfen.

In den fol­gen­den Kapi­teln erfah­ren wir hin­ge­gen von dem, was für Helen und Kate den Reiz ihres Som­mers aus­macht: den Bekannt­schaf­ten mit den Ein­hei­mi­schen. Helen erzählt im Rück­blick auf den Som­mer ihrer Jugend von Gesprä­chen mit Kapi­tä­nen, einer demen­ten Dame, die in der Ruine ihrer eins­ti­gen Villa haust, einer Ein­sied­le­rin im Wald, einer armen Bau­ern­fa­mi­lie, der Leucht­turm­wär­te­rin und vie­len mehr. So ent­steht eine Sozi­al­stu­die des Küs­ten­or­tes, des­sen Umge­bung und der Zeit, in der der Roman spielt. Sarah Orne Jewett gelingt es, das unter­halt­sam und char­mant zu erzählen.

Ver­ges­sene Autorin wiederentdeckt

„Deepha­ven“ erschien 1877 als Sarah Orne Jewetts Debüt­ro­man und erzählt von einem fik­ti­ven Ort in Maine, ist aber ange­lehnt an die Erfah­run­gen der Autorin, wie ihr Vor­wort ver­rät. Leicht kann man sich vor­stel­len, dass es auch für die zahl­rei­chen, detail­liert geschil­der­ten und unty­pi­schen Figu­ren Vor­bil­der im wah­ren Leben gab.

Obwohl Jewett mit vie­len bekann­ten Schriftsteller*innen wie Mark Twain, Rudy­ard Kipling oder Har­riet Bee­cher Stowe befreun­det war und ihr Werk bewun­dert wurde, sind ihre Texte kaum auf Deutsch lie­fer­bar und sie selbst ist wenig bekannt. Dank der neuen „Deephaven“-Übersetzung von Alex­an­der Pech­mann ändert sich das nun zum Glück! Wer mehr über Jewett erfah­ren möchte, wird im inter­es­san­ten Nach­wort fün­dig. Beson­ders schön ist die biblio­phile Aus­stat­tung mit Lei­nen­ein­band und Schu­ber – da schlägt mein Bücher­städ­te­rin­nen­herz höher!

Selbst wenn es im Roman auch um lange Spa­zier­gänge ent­lang der Klip­pen, Boots­fahr­ten und eine innige Freund­schaft geht, ist „Deepha­ven“ doch alles andere als eine seichte Som­mer­lek­türe. Der Roman ist klug beob­ach­tet, leben­dig beschrie­ben und vol­ler Zeit­geist, mit einem lie­be­vol­len Blick auf die Men­schen am Meer.

Deepha­ven. Sarah Orne Jewett. Aus dem Eng­li­schen über­setzt und her­aus­ge­ge­ben von Alex­an­der Pech­mann. Mare. 2022.

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