Das Wandern ist des Tierchens Lust Deutscher Jugendliteraturpreis 2019

by Worteweberin Annika

Im Moment zie­hen sie noch jeden Abend um die Häu­ser in mei­ner Straße, doch schon bald wer­den sie sich auf den Weg nach Afrika machen: die Rauch­schwal­ben. Wie sie legen unzäh­lige Tiere Wan­de­run­gen zurück, von denen Mike Unwin im Sach­buch „Wan­de­run­gen“ erzählt. Worte­we­be­rin Annika ist ein Stück des Weges mitgereist.

Auch wir Men­schen gehen ja manch­mal wan­dern oder legen wei­tere Stre­cken zurück, um in den Urlaub zu fah­ren oder flie­gen. Das ist aber natür­lich nicht ver­gleich­bar mit den Rei­sen, die viele Tier­ar­ten in regel­mä­ßi­gen Zyklen auf sich neh­men müs­sen, um ihre Eier abzu­le­gen oder genü­gend Nah­rung zu finden.

Die längste Wan­de­rung macht im Jahr die Küs­ten­see­schwalbe – in ihrem gan­zen Leben käme sie ganze drei Mal von der Erde bis zum Mond! Doch auch andere Tiere beein­dru­cken mit ihren Rei­sen: Mon­arch­fal­ter zum Bei­spiel brau­chen jähr­lich vier Gene­ra­tio­nen, um von Nord­ame­rika nach Mexiko zu flie­gen und Wan­der­al­ba­trosse kön­nen jah­re­lang unter­wegs sein, ohne nur ein­mal fes­ten Boden zu berühren.

Stell dir vor, du bist ein Seevogel

Zwan­zig tie­ri­sche Wan­de­run­gen stellt Unwin auf jeweils einer Dop­pel­seite vor. Zu einem Beschrei­bungs­text kommt eine die ganze Dop­pel­seite ein­neh­mende Illus­tra­tion und eine kurze Zusam­men­fas­sung, aus der man beim schnel­len Durch­blät­tern die wich­tigs­ten Infor­ma­tio­nen ent­neh­men kann. Wenn man mit Kin­dern das Buch immer wie­der durch­blät­tert – und dazu lädt es auf jeden Fall ein – kann man hier eine kleine Erin­ne­rungs­stütze finden.

Unwins Beschrei­bun­gen sind extrem anschau­lich gehal­ten: Mit „Stell dir vor…“ oder „Schau mal genauer hin…“ steigt er in die kur­zen Kapi­tel zu den ein­zel­nen Tie­ren ein und beschreibt oft kon­krete Situa­tio­nen. Er erzählt zum Bei­spiel, wie die Leser gerade mit dem Auto über eine Straße auf der Weih­nachts­in­sel fah­ren, als eine große Flut an roten Krab­ben auf­taucht oder mit wie vie­len Geschwis­tern der Fisch­ad­ler auf­ge­wach­sen ist. In der Vor­stel­lung der Kin­der (und Erwach­se­nen) ent­ste­hen so tat­säch­li­che Begeg­nun­gen mit den Wan­de­rern des Tier­reichs, die umso erleb­ba­rer wer­den, weil Unwin auch sprach­li­che Moment­auf­nah­men gestal­tet: Er erzählt, wel­che Etap­pen das Tier vor der Begeg­nung mit den Lesern schon zurück­ge­legt hat und wel­che es in den nächs­ten Wochen oder Mona­ten noch meis­tern wird – das liest sich viel abwechs­lungs­rei­cher und anschau­li­cher als ein Text nur im Präsens!

Zug­vö­gel unter Wasser?

Die­ser Art des Schrei­bens spie­len auch die wun­der­ba­ren Illus­tra­tio­nen von Jenni Des­mond in die Kar­ten. Teil­weise neh­men die Bil­der die Situa­tio­nen wie etwa die Fahrt im Auto direkt auf, andere brin­gen die Tiere beson­ders nahe oder machen die gigan­ti­sche Wan­de­rung auf Grund der schie­ren Masse an Tie­ren (zum Bei­spiel bei Strei­feng­nus oder Pazi­fi­schen Sar­di­nen) vor­stell­bar. Das Zusam­men­spiel aus Illus­tra­tio­nen und Tex­ten macht ein­fach Spaß. „Wan­de­run­gen – Die unglaub­li­chen Rei­sen der Tiere“ wurde daher zu Recht für den Deut­schen Jugend­li­te­ra­tur­preis in der Kate­go­rie Sach­buch nominiert.

Das Buch schließt mit einer Welt­karte, auf der alle Distan­zen und Rei­se­rou­ten der vor­ge­stell­ten Tiere abge­bil­det sind. Hinzu kom­men einige „ver­blüf­fende Fak­ten“ – dass zum Bei­spiel die Men­schen bis vor 150 Jah­ren noch dach­ten, Zug­vö­gel wür­den unter Was­ser über­win­tern statt in den Süden zu flie­gen, kann man sich tat­säch­lich kaum vorstellen.

Außer­dem macht Unwin hier dar­auf auf­merk­sam, dass die Men­schen durch die Zer­stö­rung der Umwelt die Tiere bei ihren Wan­de­run­gen beein­träch­ti­gen. Den Natur­schutz­aspekt bringt er auch vor­her schon ein, wenn es um die vom Aus­ster­ben bedrohte Art der Schrei­kra­ni­che geht, doch es ist nicht das Haupt­thema die­ses Buches. Vor allem spie­gelt es die Viel­falt der Natur wider und führt Kin­dern vor Augen, zu wel­chen Meis­ter­leis­tun­gen Tiere in der Lage sind. Außer­dem weist der Autor an eini­gen Stel­len dar­auf hin, was die For­sche­rin­nen und For­scher noch nicht wis­sen. Wer weiß, viel­leicht wird hier bei eini­gen Lesern ja der Ent­de­cker­geist geweckt?

Wan­de­run­gen. Die unglaub­li­chen Rei­sen der Tiere. Mike Unwin. Illus­tra­tion: Jenni Des­mond. Aus dem Eng­li­schen von Ste­pha­nie Menge. Fischer Sau­er­län­der. 2018. BK-Alters­emp­feh­lung: ab 5 Jahren.

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