Das Schwanken der Welt

by Satzhüterin Pia

Katha­rina Köl­ler hat mit ihrem Roman „Was ich im Was­ser sah“ jüngst ein span­nen­des Debüt ver­öf­fent­licht. Eine Geschichte, die unge­wöhn­lich erzählt wird und über die es sich lohnt, inten­si­ver nach­zu­den­ken, fin­det Satz­hü­te­rin Pia.

Sor­tie­ren wir ein­mal die­sen kom­ple­xen Roman. Wir haben: Kla­rissa, eine junge Frau, die für das Film­stu­dium ihre Hei­mat­in­sel Ei ver­las­sen und die den Kampf gegen den Brust­krebs gewon­nen hat. Ohne Abschluss und ohne Brüste, aber dafür mit einem (krebs­fres­sen­den) Okto­pus auf dem Brust­korb, kehrt sie zurück in die Hei­mat. Nicht alles ist mehr so, wie es war, als sie das letzte Mal auf der Insel war – ganz beson­ders sie selbst nicht. Sie habe sich in ein „andro­gy­nes Wesen“ ver­wan­delt, meint Kla­rissa über sich selbst. Und die Insel? „Der Erobe­rer von Ei war kein Mensch, son­dern eine Firma“: Über­all fin­den sich inzwi­schen glä­serne Wind­rä­der und einige Dinge, die Kla­rissa nicht ganz zuord­nen kann. Dahin­ter ste­cken der Fran­chise-Kon­zern „SUNFISH“ und die Part­ner­firma „STARFISH“.

„Aus dem Ei schlüpft ein glä­sern-rotie­ren­der See­stern. Der Wind der Ver­än­de­rung ist grün.“

Katha­rina Köl­ler setzt mari­time Bil­der wie die­ses wie­der­holt und sehr gekonnt ein. Ange­spro­chen wer­den viele The­men – wich­tige The­men –, Green­wa­shing ist nur eines davon. Die Umset­zung ist mal form­scharf, mal eher schwan­kend und kommt den­noch oft einem erho­be­nen Zei­ge­fin­ger gleich. Viel­leicht durch die Menge an schwie­ri­gen Themen?

Die vor­nehm­lich männ­li­chen homo sapi­ens, die Kla­rissa weis­ma­chen wol­len, sie würde sich bald schon wün­schen, sich für die Implan­tate ent­schie­den zu haben: ein Sei­ten­hieb auf’s Patri­ar­chat? Soziale Kon­struk­tio­nen von Geschlech­ter­rol­len wer­den alle­mal in den Fokus gerückt. Köl­ler greift wei­ter The­men wie den Kli­ma­wan­del und seine Effekte (zum Bei­spiel: Land­flucht, Stadtster­ben), Kon­sum und Kapi­ta­lis­mus (auch: Gen­tri­fi­zie­rung) und nicht zuletzt Migra­ti­ons­po­li­tik auf – immer wie­der und auch verurteilend.

Sti­lis­tisch schafft die Autorin erstaun­li­che und bild­starke Sätze und Sze­nen, durch die die zahl­rei­chen The­men mit­ein­an­der ver­wo­ben wer­den. Alles hängt zusam­men und steht doch für sich. Ob ein­zel­nen Berei­chen mehr Raum hätte gege­ben wer­den kön­nen? Mög­lich. Auf die gesamte Stre­cke des Buches hätte ich mir als Lese­rin jedoch nicht eins der The­men weggewünscht.

„Das Beu­te­tier wähnt sich leben­dig, wäh­rend es lang­sam zer­setzt wird.“

Wie sehr alles zusam­men­hängt und wie pfif­fig pro­phe­tisch und doch sub­til einige Sätze und Gleich­nisse sind, zeigt sich erst gegen Ende des Buches – lie­bend gern würde ich all diese rhe­to­ri­schen Filet­stü­cke hier aus­brei­ten, euch poten­zi­ell zukünf­ti­gen Lese­rin­nen und Lesern des Buches damit aber jeg­li­chen Spaß vor­weg­neh­men. Nach den ers­ten, viel­leicht hun­dert Sei­ten fin­det man in den Roman und seine Spra­che, aber die Geschichte, die braucht länger.

Das Ver­ständ­nis des an sich bis zum Ende recht kom­plex wir­ken­den Romans wird erschwert durch die Par­al­lel­ge­schichte, die dem Buch sei­nen Titel ver­leiht: „Was ich im Was­ser sah“ erzählt einen … Traum? Kla­ris­sas, in dem sie ihre (Halb-)Schwester – eigent­lich eher Adop­tiv­schwes­ter – Irina besu­chen will. Die zehn kur­zen Kapi­tel der kur­siv gedruck­ten Geschichte zie­hen sich über den gesam­ten Roman, was der Erzäh­lung eine extra Zäh­heit ver­leiht. Zäh, wie das Waten durch das Was­ser in der geflu­te­ten Woh­nung, ja, aber sicher nicht langweilig.

Das „fremde, wun­der­schöne Mäd­chen, das kein Mäd­chen und kein Mensch war“

Irina nimmt in dem Roman eine beson­dere Stel­lung ein. Sie ist die geliebte Schwes­ter unse­rer Prot­ago­nis­tin, in ihr Leben getre­ten, als Kla­rissa als Kind ein­mal bei­nahe ertrun­ken wäre. Irina ret­tete sie, ein frem­des und wun­der­schö­nes Mäd­chen, das von da an Teil der Fami­lie wurde und bei ihnen im Gast­haus zur „Schwan­ken­den Welt­ku­gel“ ein­zog. Mit der Figur Irina legt Köl­ler den Fin­ger in die Wunde der Flücht­lings­po­li­tik. Immer wie­der wird das Mäd­chen mit Begrif­fen wie „Flücht­lings­kind“ cha­rak­te­ri­siert – fremd, wun­der­schön, exo­tisch, geheim­nis­voll. Denn woher sie genau kam, erfährt niemand.

Im Roman wird es so weit zuge­spitzt, dass Irina dem Text einen über­na­tür­li­chen und mys­ti­schen Cha­rak­ter ver­leiht. Es wird sug­ge­riert, sie sei viel­mehr ein mensch­ge­wor­de­nes Wesen des Mee­res. Lange habe ich über­legt, warum das sein musste, warum es nicht gereicht hat, die Geschichte über die rhe­to­risch gelun­gene Spra­che zu erzäh­len. Viel­leicht dient die­ses Ele­ment der bei­nahe schon sati­risch über­spitz­ten Dar­stel­lung von geflüch­te­ten Men­schen als Exo­ten? Ich bin mir nicht sicher.

„So blieb ich über der Reling hän­gen und sah, dass der Bug wie ein Skal­pell die dun­kel­blaue Haut des Mee­res aufritzte.“

Katha­rina Köl­lers Debüt „Was ich im Was­ser sah“ hallt noch immer nach – diese Rezen­sion musste war­ten, wäh­rend die Gedan­ken noch beim Roman weil­ten. Der anfäng­lich holp­rige Weg, in die Geschichte ein­zu­tau­chen, hat sich gelohnt (selbst wenn ich die Not­wen­dig­keit des mys­ti­schen Ele­ments in Frage stel­len möchte) und ich bin gespannt auf wei­tere Romane der Autorin. Jetzt jeden­falls bin ich ein wenig ver­lieb­ter in das Meer als noch zuvor.

Was ich im Was­ser sah. Katha­rina Köl­ler. Frank­fur­ter Ver­lags­an­stalt. 2020.

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