Das Mosaik des Lebens „Sternflüstern“ von Paula Carlin

by Satzhüterin Pia

„Stern­flüs­tern“ ist die „Geschichte eines Neu­an­fangs“, wie es im Titel des Romans der Autorin Paula Car­lin (Pseud­onym von Patri­cia Koelle) heißt. Der Tod ihres Freun­des Lunis bringt die Frauen Irith, Sophie und Alix zusam­men – ein bild­star­ker Roman mit klei­nen und gro­ßen Schön­heits­feh­lern. – Von Satz­hü­te­rin Pia

Der Start in die Geschichte ist ruhig und die Spra­che sehr bild­stark: Die Mitt­fünf­zi­ge­rin Irith trau­ert um ihren lang­jäh­ri­gen Freund Lunis, einen eigen­wil­li­gen Künst­ler. Sie spürt den Ver­lust, erin­nert sich an ihren Freund, an das Ken­nen­ler­nen und ihre unge­wöhn­li­che Bezie­hung zu ihm. Beson­ders aber erin­nert sie sich an die Pro­zesse des (gemein­sa­men) Kunst­schaf­fens – denn mit einem von Irith gefer­tig­ten Mosaik aus zusam­men­ge­kehr­ten Scher­ben der Glas­kunst­werk­statt von Lunis nahm alles sei­nen Anfang.

Cover Sternflüstern von Paula CarlinDie Geschichte lässt sich inhalt­lich grob in drei Teile unter­tei­len: Zuerst ler­nen wir Leser:innen die in einem Hotel arbei­tende Irith sowie den ver­stor­be­nen Lunis ken­nen. Im wei­te­ren Ver­lauf kom­men erst Sophie und schließ­lich Alix hinzu. Sich ken­nen­zu­ler­nen, gemein­sam zu arbei­ten und sich anzu­freun­den sowie Lunis los­zu­las­sen, machen den Weg frei für eben­je­nen Neu­an­fang, den der Titel des Buches schon ankün­digt. Die­ser dritte Teil ist der inter­es­san­teste … und der kür­zeste. „Stern­flüs­tern“ ist über­wie­gend keine Geschichte eines Neu­an­fangs, son­dern über weite Stre­cken die Geschichte einer Trau­er­be­wäl­ti­gung – mit einem Neu­an­fang am Ende des Buches.

Stern­flüs­tern! In die­sem Moment ver­nahm ich es wie­der. Die­ses Knis­tern vol­ler Wun­der und Ver­spre­chen und Mög­lich­kei­ten, das sich für einen Augen­blick auf alles um mich herum und in die neuen Tage legte.“ (S. 132)

Irith lenkt sich nach dem Tod von Lunis mit Arbeit ab und geht viel spa­zie­ren. Sie kommt bei einem die­ser Spa­zier­gänge an einem ver­las­se­nen Haus vor­bei, das sie magisch anzu­zie­hen scheint. Inmit­ten der über­hitz­ten Stadt, der Bewäl­ti­gung von Trauer oder der Erin­ne­rungs­se­quen­zen zurück in die Zeit mit Lunis bil­det beson­ders der ver­wil­derte Gar­ten des Hau­ses eine Oase der Ruhe. Immer wie­der kehrt Irith an die­sen Ort zurück: allein, mit Sophie, schließ­lich auch mit Alix. Am Ende ist eben­je­ner Gar­ten mit­samt dem Haus ele­men­ta­rer Bestand­teil des Neuanfangs.

Abschied­neh­men

Den Pro­zess, den die Ich-Erzäh­le­rin Irith durch­macht, spie­gelt der Ver­lauf der Geschichte wider. Sind es anfangs noch die kleins­ten Anlässe, die einen Rück­blick zu einer Lunis-Geschichte aus­lö­sen, wird es immer weni­ger. Zwar bleibt der ver­stor­bene Künst­ler der wich­tige gemein­same Nen­ner der drei Frauen, aber schließ­lich ver­ar­bei­tet Iriths den Ver­lust pro­duk­tiv. Und eigent­lich nicht nur das. Denn Lunis war alles andere als ein ein­fa­cher Mensch und so haben die drei im Prin­zip mehr als nur den Ver­lust zu verarbeiten.

Sich die an und für sich gut greif­ba­ren Figu­ren vor­zu­stel­len, fällt aus irgend­ei­nem Grund schwer. Durch die Art des Erzäh­lens und der Gedan­ken­gänge kam mir Irith immer viel jün­ger als eine 56-jäh­rige Frau vor. Das hat auch das viele Schwel­gen in Erin­ne­run­gen nicht so recht ändern kön­nen – oder es lag eben daran und hat das Bild der jün­ge­ren Irith prä­sen­ter wer­den las­sen. Den­noch ist die Prot­ago­nis­tin sym­pa­thisch und man fragt sich ledig­lich, wie sie so lange an einer Freund­schaft und Bezie­hung mit dem wort­kar­gen Lunis fest­hal­ten konnte. Sein eigen­bröt­le­ri­scher Ego­is­mus wird immer posi­tiv dar­ge­stellt und bekommt stel­len­weise für mich schon fast etwas Toxi­sches. Die immer wie­der gewahrte Distanz zu Irith, dass er ihr seine Ver­gan­gen­heit ver­schwie­gen und somit Ver­trauen vor­ent­hal­ten hat und nicht zuletzt sein rück­sichts­lo­ses Ver­gal­ten gegen­über ande­ren Men­schen in sei­ner gesam­ten Lebens­ge­stal­tung ste­hen im Kon­trast zu dem posi­ti­ven Licht, in dem Irith den ver­stor­be­nen Freund sieht.

„Unwi­der­steh­lich. So hatte Lunis meine Krea­tio­nen nie genannt. Er hatte immer etwas daran zu ver­bes­sern oder min­des­tens zu ver­än­dern gehabt.“ (S. 73)

Dafür, dass ihre Bezie­hung keine gesunde war, spricht auch ein wei­te­rer Umstand, an dem ich mich gestört habe: Irith lernte nach dem Tod ihres Man­nes vor vie­len Jah­ren Lunis ken­nen und bekam so wie­der Halt und einen Antrieb in ihrem Leben. Nach Lunis‘ Tod ist sie dann erneut sehr ver­lo­ren und halt­los, bevor sie auf Sophie und schließ­lich Alix trifft. Die neue Freund­schaft und das gemein­same Los­las­sen ebnen den Weg für einen Neu­an­fang. Nur: Warum kann Irith nicht sich selbst genug sein und braucht offen­bar immer wie­der andere Men­schen in ihrem Leben, um klar­zu­kom­men? Die Dyna­mik zwi­schen den drei Frauen ist immer­hin eine gänz­lich andere als die, die uns die Rück­bli­cke in die Zeit mit Lunis vermitteln.

Kunst­vol­les Cover, bild­starke Sprache

Das Cover greift das Mosaik-Thema aus dem Roman auf und ist wirk­lich schön gestal­tet. Das fili­gran-ver­spielte Mus­ter passt zu der poe­tisch-bild­star­ken Spra­che und durch kleine her­vor­ge­ho­bene Split­ter wird eine inter­es­sante Hap­tik geschaf­fen. Ich gebe zu, ein biss­chen war meine Wahl des Buchs auch eine Cover­ent­schei­dung, zumin­dest im ers­ten Schritt. Genau wie die Geschichte den titel­ge­ben­den Neu­an­fang nur teil­weise hält, passt auch das Cover-Mosaik nicht zu den geschil­der­ten Mosai­ken der Künst­le­rin Irith. Aber viel­leicht soll es das auch gar nicht …

Zur bild­star­ken Spra­che fällt mir beson­ders das Adjek­tiv „auf­ge­bauscht“ ein. Die vie­len beschrei­ben­den und krea­ti­ven Bil­der, die teils ein­fa­che Hand­lun­gen „auf­bau­schen“, las­sen das Buch umfang­rei­cher wer­den, als es nötig wäre. Sicher ist es eine Stil­frage und wäh­rend mir das manch­mal zu viel wurde, kön­nen andere Leser:innen daran ihre Freude haben. Die Natur­be­schrei­bun­gen von zum Bei­spiel dem Gar­ten oder auch die Beschrei­bun­gen der Kunst­ent­ste­hung sind leb­haft, bild­lich und stim­mungs­voll, ledig­lich in der Summe etwas über­la­den. (Und warum immer diese Hitze? Egal in wel­cher Zeit wir uns befin­den, es ist irgend­wie immer ein spä­ter Rekord­som­mer mit unsäg­li­chen Temperaturen.)

„Stern­flüs­tern“ ist kein Buch, das in mei­nem Regal ste­hen bleibt, aber immer­hin eines, das ich gerne an zukünf­tige Leser:innen wei­ter­ge­ben werde. Selbst wenn es für mich kein neues Her­zens­buch gewor­den ist, wer­den viel­leicht andere Leser:innen ihre Freude daran haben.

Stern­flüs­tern. Paula Car­lin. Diede­richs Ver­lag. 2021.

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