Das Ende ist der Anfang

Wie bit­ter ist das Ge­fühl, ein gu­tes Buch be­en­det zu ha­ben. Zu schnell ist man am Ende an­ge­langt, hat den letz­ten Satz, das letz­te Wort ge­le­sen – und dann? Dann fängt al­les von vor­ne an. Vor­aus­ge­setzt, das Buch ist so gut, dass der Wunsch ge­weckt wird, es er­neut zu le­sen. Be­deu­tend ist da­bei der Aus­gang der Ge­schich­te. Schließ­lich ist es das Ende, das uns auf eine er­neu­te Rei­se schickt. Wäre es da­her nicht na­he­lie­gend, zu­erst das Ende ei­ner Ge­schich­te zu le­sen und dann zu ent­schei­den, ob man das gan­ze Buch le­sen möch­te?

Eine Mög­lich­keit, so an Li­te­ra­tur her­an­zu­ge­hen, bie­tet Pa­blo Ber­nas­co­ni mit sei­nem Werk „Ende: Be­rühm­te letz­te Sät­ze der Welt­li­te­ra­tur“. Hier fin­den sich vie­le be­kann­te Ti­tel und Au­to­ren­na­men wie Jack Lon­don (Der Ruf der Wild­nis), Ja­mes Joy­ce (Ulys­ses), Er­nest He­ming­way (Der alte Mann und das Meer) und Vla­di­mir Na­bo­kov (Lo­li­ta). Ins­ge­samt 56 Klas­si­ker fin­den Platz in die­sem il­lus­trier­ten Werk. Mal sind es nur we­ni­ge Zei­len, mal fül­len die letz­ten Sät­ze ei­nes Klas­si­kers eine gan­ze Sei­te. Ab­wechs­lung gibt es au­ßer­dem durch un­ter­schied­li­che Gen­res: Kin­der­li­te­ra­tur (Ali­ce im Wun­der­land) ist eben­so ver­tre­ten wie un­ter an­de­rem Science-Fiction (So­la­ris) und Dys­to­pie (1984).

Das Be­son­de­re an die­sem Buch sind je­doch nicht die aus­ge­wähl­ten Zi­ta­te aus Klas­si­kern, son­dern die Il­lus­tra­tio­nen. Je­der Text wird mit ei­nem ganz­sei­ti­gen Bild il­lus­triert. Ele­men­te, wel­che aus den Tex­ten her­aus­zu­le­sen sind, kön­nen in den Il­lus­tra­tio­nen wie­der­ge­fun­den wer­den. Ber­nas­co­ni in­ter­pre­tiert den Text neu, spielt mit Ma­te­ria­li­en, Far­ben und Struk­tu­ren, ar­bei­tet mit vie­len De­tails und un­ter­schied­li­chen Tech­ni­ken. Wie­der­keh­ren­de Tech­ni­ken sind die Col­la­ge und die Ma­le­rei – ver­knüpft mit Na­tur­ma­te­ria­li­en.

Ber­nas­co­ni ver­lei­tet mit sei­nen Bil­dern zum mehr­ma­li­gen Le­sen und Be­trach­ten und be­weist da­mit, dass ein Bild ähn­lich wie ein Text funk­tio­niert: Man kann das Werk zu Ende und wie­der von Neu­em „le­sen“ – und da­bei je­des Mal ein we­nig mehr ent­de­cken.

Zei­chen­set­ze­rin Ale­xa

Ende: Be­rühm­te letz­te Sät­ze der Welt­li­te­ra­tur. Pa­blo Ber­nas­co­ni. mixtvi­si­on. 2016.

Die­ser Text ist erst­mals in der 21. Aus­ga­be des Bü­cher­stadt Ku­riers er­schie­nen. An­läss­lich der Blog­pa­ra­de #schra­e­ge­sEn­de von schraeg­le­sen ha­ben wir die Re­zen­si­on noch­mal her­vor­ge­holt.

Über die An­ge­wohn­heit, das Ende im­mer zu­erst zu le­sen

Über Zeichensetzerin Alexa 110 Artikel
Zeichensetzerin Alexa ist - in Begleitung des Buchfinken - an verschiedenen Orten der Bücherstadt anzutreffen. Außerhalb dieser arbeitet sie als Erzieherin in einem Bremer Elternverein, studiert Germanistik und Kunst-Medien-Ästhetische Bildung und gestaltet ihr Projekt Zeichenblicke.

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