Das Auto – Symbol einer neuen Zeit #1920erlesen

Geschich­ten­be­wah­re­rin Michaela blät­tert durch die Feuil­le­tons von Ruth Lands­hoff-Yorck, „Das Mäd­chen mit wenig PS“, und ver­sucht, das Lebens­ge­fühl „moder­ner Mäd­chen und jun­ger Frauen“ der 20er Jahre zu erfassen.

Das Buch „Wo liegt Ber­lin“ von Alfred Kerr, in dem seine Feuil­le­tons der Jahre 1895 bis 1900 zusam­men­ge­fasst sind, brachte mir die Zeit der 1920er und ihre Men­schen nah. Umso gespann­ter war ich auf „Das Mäd­chen mit wenig PS. Feuil­le­tons aus den zwan­zi­ger Jah­ren“, die Men­schen und das neue Lebens­ge­fühl. Ruth Lands­hoff-Yorck beschreibt das Leben „moder­ner Mäd­chen und jun­ger Frauen“, wie wir es uns oft in den gol­de­nen 20er Jah­ren vor­stel­len: frei, unge­bun­den, luxu­riös und emanzipiert.

Autos und Männer

Das Sym­bol des neuen Lebens­ge­fühls der 1920er Jahre, ins­be­son­dere das der Frauen, war das Auto. Frauen kann­ten sich mit der Tech­nik aus, besuch­ten Auto­mes­sen und fuh­ren selbst. Und dem Auto musste anzu­se­hen sein, dass es einer Frau gehörte. Ein Mann wurde nicht nur danach bemes­sen, wel­ches Auto er fuhr, son­dern auch, wie er fuhr. Selbst­ver­ständ­lich fuhr er nicht so gut wie die Frau, die neben ihm saß. Män­ner sind oft Thema in Ruth Lands­hoff-Yorcks Feuil­le­tons. Sie wer­den mit Iro­nie beschrie­ben und oft als Snob bezeichnet.

Die eman­zi­pierte Frau

Ruth Lands­hoff-Yorck hebt ihre Genera­tion von der der Frauen vor dem Ers­ten Welt­krieg ab. Bil­dung war für Frauen wich­tig, Lite­ra­tur spielte eine große Rolle, außer­dem Selbst­stän­dig­keit: Die Frau „hilft dem Mann in den Man­tel und trägt ihre Pakete selbst“. Der Umgang zwi­schen Män­nern und Frauen war in den 20er Jah­ren anders als noch vor dem Krieg. Frauen waren selbst­be­wusst und flir­te­ten. Nach der Ehe­schlie­ßung waren sie nicht nur Ehe­frau, son­dern auch Kame­rad und Freund ihrer Männer.

Dass Frauen arbei­te­ten, war selbst­ver­ständ­lich. Eine gänz­li­che Gleich­be­rech­ti­gung gab es jedoch noch nicht. Jour­na­lis­tin­nen beka­men nur weib­li­che Feuil­le­tons und Frauen brauch­ten wesent­lich län­ger als Män­ner, um ein eige­nes Res­sort zu erhalten.

Das andere Gesicht der 20er Jahre

Ruth Lands­hoff-Yorck berich­tet in ihren Feuil­le­tons von Frauen auf Rei­sen, im Mode­sa­lon, auf dem Ten­nis­platz und auf Bäl­len, also an Orten, an denen man sich die Men­schen der gol­de­nen 20er gerne vor­stellt. Die andere Seite, die vor­herr­schende Armut in der Wei­ma­rer Repu­blik, tra­fen die Damen der geho­be­nen Gesell­schaft nur am Rande und, für den Moment pein­lich berührt und mit­lei­dig, beeil­ten sie sich, mit ihrem Auto weiterzufahren.

Ruth Lands­hoff-Yorck geht nicht dar­auf ein, dass die Frauen die­ser Gesell­schafts­schicht arbei­ten muss­ten und es keine Frage der Eman­zi­pa­tion war, wäh­rend für die Frauen der höhe­ren Gesell­schaft arbei­ten zum guten Ton gehörte. Sie hat­ten eher die Mög­lich­keit, sich einen Beruf aus­su­chen zu kön­nen, sofern der für Frauen zuge­las­sen war. Die meis­ten Frauen konn­ten es sich nicht aus­su­chen. Aber das war auch nicht das Thema von Ruth Landshoff-Yorck.

„Das Mäd­chen mit wenig PS“ macht Lust, mehr von Ruth Lands­hoff-Yorck über die 20er Jahre zu lesen und auch ihre spä­te­ren Berichte aus den USA.

Die Autorin

Die Schau­spie­le­rin und Autorin Ruth Lands­hoff-Yorck schrieb in der Wei­ma­rer Repu­blik für ver­schie­dene Maga­zine. Ihre Berichte han­deln von „moder­nen Mäd­chen und neuen Frauen“, Män­nern der höhe­ren Gesell­schaft in den 20ern, ihren Rei­sen und den Orten, an denen sich diese Gesell­schaft auf­hielt. Die Autorin schreibt in ihren Feuil­le­tons amü­sant und iro­nisch von eige­nen Erleb­nis­sen, über die Geschich­ten und Anek­do­ten der geho­be­nen Gesell­schaft und von den Men­schen mit dem neuen Lebens­ge­fühl der gol­de­nen 20er Jahre.

Ruth Lands­hoff-Yorck wurde 1904 in Ber­lin gebo­ren, lebte abwech­selnd in Deutsch­land, Ita­lien, Frank­reich und der Schweiz, bis sie 1937 in die USA emi­grierte und 1966 in New York starb.

Das Mäd­chen mit wenig PS. Feuil­le­tons aus den zwan­zi­ger Jah­ren. Ruth Lands­hoff-Yorck. Aviva. 2015.

Ein Bei­trag zur The­men­wo­che #1920erlesen. Hier fin­det ihr alle Beiträge. 

Illus­tra­tion: Satz­hü­te­rin Pia

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