„Dann rennen wir“

by Satzhüterin Pia

Dann rennen wirIn „Dann ren­nen wir“ erzählt die iri­sche Autorin Paula McGrath von drei Frauen, die sich auf jeweils ganz eigene Art von Fami­lien, Gesell­schafts­kon­ven­tio­nen, Gewalt oder ande­ren Fes­seln los­sa­gen. Satz­hü­te­rin Pia ist nur so durch die Sei­ten geflo­gen und am Ende war das Lese­er­leb­nis ganz anders als erwartet.

Lese ich rück­bli­ckend den Klap­pen­text noch ein­mal, kann ich nichts Fal­sches darin fin­den und den­noch wird er der Geschichte kaum bis gar nicht gerecht. Jas­mine rennt 1982 in Dub­lin von zu Hause weg und erkämpft sich wort­wört­lich mit Boxen ihr eige­nes Leben. Alis Mut­ter stirbt 2012 in Mary­land. Plötz­lich tau­chen die ihr unbe­kann­ten Groß­el­tern väter­li­cher­seits auf, um sich um die min­der­jäh­rige Enke­lin zu küm­mern, auch wenn sich die bei­den alten Men­schen kaum für sie zu inter­es­sie­ren schei­nen. Schließ­lich läuft auch Ali davon und gerät in gefähr­li­che Gesell­schaft. Beide Stränge wei­sen gewisse Par­al­le­len auf und sind doch ganz eigene Schick­sale. Eben­falls 2012 steckt eine namen­lose Gynä­ko­lo­gin in einem unglück­li­chen Leben in Dub­lin fest. Auf der einen Seite steht ihre demente, im Ster­ben lie­gende Mut­ter, auf der ande­ren Seite ein Part­ner, der dar­auf war­tet, dass sie end­lich zu ihm zieht, den sie aber nicht zu lie­ben scheint.

Erst ver­wir­rend …

Obwohl die Hand­lung mit drei Erzähl­strän­gen zu ver­schie­de­nen Zei­ten und an unter­schied­li­chen Orten erst­mal sehr kom­pli­ziert anmu­tet, schafft man es schnell, sich zurecht­zu­fin­den. Durch die aukt­o­riale Erzähl­stimme bleibt man nah und den­noch selt­sam distan­ziert an den jewei­li­gen Schick­sa­len dran. Die Aus­nahme bil­det die Geschichte um Jas­mine, der jugend­li­chen Aus­rei­ße­rin, die schließ­lich das Boxen anfängt. Sie erzählt ihre Geschichte in der Ich-Form und bil­det so schnell den Hauptstrang.

Wäh­rend die Erzäh­lung ins­ge­samt eher Raum für eigene Vor­stel­lun­gen bie­tet, Situa­tio­nen andeu­tet oder Opti­sches nicht wei­ter benennt, wird es an ande­ren Stel­len wie­derum sehr deut­lich – da blei­ben auch eke­lige Schil­de­run­gen nicht aus. Die Geschichte wird durch das ins­ge­samt so aus­ge­wo­gene Aus­er­zäh­len, Andeu­ten oder Nicht-Erzäh­len sehr authen­tisch und ent­wi­ckelt einen span­nen­den Sog.

… dann fesselnd

McGraths unkom­pli­zier­ter Schreib­stil erleich­tert es uns Leser:innen, uns schnell in das Buch und sei­nen erst­mal ver­wor­ren anmu­ten­den Inhalt ein­zu­fin­den. Die jewei­li­gen Kapi­tel sind sehr unter­schied­lich gewich­tet, manch­mal erha­schen Leser:innen nur einen sehr kur­zen zwei­sei­ti­gen Blick auf die jewei­lige Prot­ago­nis­tin, an ande­rer Stelle ver­ge­hen auf vie­len Sei­ten ganze Monate im Leben einer ande­ren Prot­ago­nis­tin. Auch durch die­sen Wech­sel im Erzähl­tempo ent­wi­ckelt der Roman eine gute Dynamik.

„Erst am Ende kön­nen wir mit einer gewis­sen Per­spek­tive zurück­schauen […]“ (S. 279)

Die­ser Satz der Pfle­ge­rin der demen­ten Mut­ter im Erzähl­strang der namen­lo­sen Ärz­tin passt zur – ich nenne es mal unver­fäng­lich – Bot­schaft, die die Geschichte am Ende bereit­hält. Ich möchte es nicht wei­ter ver­tie­fen, weil es viel vom Sog und Span­nungs­bo­gen der Geschichte neh­men würde.

Paula McGrath traut uns Leser:innen etwas zu – sie wirft uns in die Geschichte rein, ohne Angst zu haben, dass wir nicht mit­kom­men. Sie ver­rät nicht zu viel und bin­det uns schnell emo­tio­nal an die Schick­sale ihrer Prot­ago­nis­tin­nen. Die Wen­dun­gen der Geschichte(n) sind packend und das ganze Buch lie­fert eine dyna­mi­sche Vor­stel­lung ab. Mich hat „Dann ren­nen wir“ sehr posi­tiv über­rascht – nur mit einer gewis­sen Bru­ta­li­tät des Lebens muss man als Leser:in umge­hen können.

Dann ren­nen wir. Paula McGrath. Über­setzt von Karen Ger­wig. GOYA. 2022.

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