Cyberkriminalität – Ein Fall für Sektion 9 (Teil 1)

Beru­hend auf der gleich­na­mi­gen, drei­tei­li­gen Manga-Serie von Masa­mune Shirow, wurde „Ghost in the Shell“ mitt­ler­weile meh­rere Male als Film sowie als Serie umge­setzt. Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina ist beein­druckt von die­sem umfang­rei­chen Werk, das Sci­ence-Fic­tion, Cyber­tech­no­lo­gie, Krimi und Action ver­bin­det und taucht in des­sen Tie­fen ein.

„Ghost in the Shell“ spielt in einer dys­to­pi­schen Ver­sion der 2030er Jahre. Cyber­tech­no­lo­gien, wie bei­spiels­weise künst­li­che Kör­per­teile, sind weit fort­ge­schrit­ten und ebenso die Cyber­kri­mi­na­li­tät. Um den Staats­schutz zu sichern, bedarf es einer spe­zi­el­len Gruppe: der Sek­tion 9.

Diese ist eine kleine Eli­te­ein­heit der Poli­zei aus aus­ge­wähl­ten Mit­glie­dern, die spe­zi­ell für Fälle von Cyber­kri­mi­na­li­tät gegrün­det wurde. Sie agiert in allen vier Abtei­lun­gen des Staats­schut­zes sowie in Aus­lands­ein­sät­zen. Ihre Mit­glie­der, allen voran Major Kusanagi, sind die Prot­ago­nis­ten von „Ghost in the Shell“.

Mit­glie­der der Sek­tion 9 sind:

  • Motoko Kusanagi, eine Frau, die einen voll­stän­dig cybor­gi­sier­ten Kör­per hat. Als Major über­nimmt sie bei Sek­tion 9 die Einsatzleitung.
  • Batou, ein Kriegs­ve­te­ran, der zum größ­ten Teil cybor­gi­siert ist. Bei­spiels­weise hat er zwei künst­li­che Augen. Gegen­über sei­ner – wort­wört­li­chen – har­ten Schale, besitzt Batou ein wei­ches Herz. Er ist gerne an Kusanagis Seite.
  • Togusa, ein ehe­ma­li­ger Poli­zei­be­am­ter, der erst kurz bei Sek­tion 9 arbei­tet. Bis auf eine Kapa­zi­tät-Erwei­te­rung für sein Gehirn ist er ein Mensch aus Fleisch und Blut. Er hat auch eine Fami­lie und arbei­tet häu­fig mit Batou zusammen.
  • Dai­suke Ara­maki, ein älte­rer Mann und Lei­ter der Sek­tion 9, der kom­plett human ist.
  • Ishi­kawa, ein Spe­zia­list für Tech­no­lo­gie und das Hacken. Ebenso ist er in der Daten­ma­ni­pu­la­tion bewan­dert. Bei ihm ist, bis auf ein­zelne Pro­the­sen, vie­les von sei­nem mensch­li­chen Kör­per erhalten.
  • Saito, ein tak­ti­scher Scharf­schütze mit einem künst­li­chen Auge.
  • Borma, ein Waf­fen- und Spreng­stoff­spe­zia­list, der ebenso in der Abwehr von Cyber­at­ta­cken bewan­dert ist. Er ist teil­weise ein Cyborg, was zum Bei­spiel an sei­nen Augen zu erken­nen ist.
  • Paz, der sich uni­ver­sell in eini­gen Berei­chen aus­kennt und für Ermitt­lun­gen außer­halb des Cyber­space zustän­dig ist.

Ant­ago­nis­ten

Es gibt viel­fach keine greif­ba­ren Ant­ago­nis­ten, da viel kom­ple­xere Motive hin­ter einer Tat ste­cken. Bei­spiels­weise ist der Pup­pet­mas­ter ein Ghost oder eine Lebens­form, die im digi­ta­len Netz über­lebt hat. Somit agiert etwas, das zuerst digi­tal war, auch in der Rea­li­tät. Der Pup­pet­mas­ter mani­pu­liert seine Opfer, indem er die­sen fal­sche Erin­ne­run­gen ein­pflanzt. Viele bege­hen des­halb Ver­bre­chen für ihn oder seine Auf­trag­ge­ber, obwohl sie sonst so etwas nie tun wür­den. Aller­dings wird in sei­nem Fall nicht auf­ge­klärt, ob es sich um eine künst­li­che Intel­li­genz oder um ein zufäl­lig ent­stan­de­nes Bewusst­sein handelt.

Die dys­to­pi­sche Vor­stel­lung der Welt

In „Ghost in the Shell” hat sich die Welt mas­siv ver­än­dert. Der asia­ti­sche Block hat eine vor­herr­schende Macht­po­si­tion und wird von Japan aus ange­führt. Im geschicht­li­chen Ver­lauf gab es bereits einen drit­ten, nuklea­ren Welt­krieg, zwi­schen den reichs­ten und am wei­tes­ten ent­wi­ckel­ten Län­dern die­ser Welt. Er hat zu gro­ßer Zer­stö­rung geführt und zu einer Neu­ver­tei­lung der Macht­ver­hält­nisse. Dar­auf­hin bra­chen die „Dritte-Welt-Län­der“ zusam­men und lös­ten den 4. Welt­krieg aus, der ohne nuklea­ren Ein­satz bestrit­ten wurde. Auch die USA sind in kleine, gegen­ein­an­der Krieg füh­rende Unter­staa­ten zer­split­tert, gel­ten aber trotz­dem noch als ame­ri­ka­ni­sches Impe­rium. Eben­falls ent­stand eine neue Sowjet­union, die durch den Krieg stark belas­tet wurde. Korea hat sich zwar wie­der­ver­eint, jedoch herrscht im Land Bürgerkrieg.

Aus­ge­nom­men ist der Insel­staat Japan. Er konnte ein ver­hält­nis­mä­ßig sta­bi­les Gleich­ge­wicht behal­ten und ist als einer der mäch­tigs­ten und intak­tes­ten Staa­ten aus dem Krieg her­vor­ge­gan­gen. Jedoch wur­den durch die Bom­ben Teile Japans zer­stört, die nach dem Wie­der­auf­bau nun der west­lich ori­en­tier­ten Archi­tek­tur Hong­kongs gleichen.

Des Wei­te­ren cha­rak­te­ri­siert diese Welt die immer wei­ter vor­an­schrei­tende Ver­schmel­zung von Mensch und Maschine. Es ist immer schwe­rer, einen Unter­schied aus­zu­ma­chen, zumal auch ein Zuwachs an künst­li­cher Intel­li­genz bereits stark aus­ge­prägt ist. Was macht nun das Mensch­sein aus?

Der japa­ni­sche Titel bedeu­tet wört­lich betrach­tet: 攻 = Angriff, 殻 = Schale, Hülse; Hülle, 機動隊 = Mobile Ein­satz­truppe. Bei der Über­set­zung ins Eng­li­sche wurde bewusst die For­mu­lie­rung Ghost aus­ge­wählt, damit eine klare Abgren­zung zu Spi­rit und Soul besteht. Zudem scheint der Begriff Shell geeig­net, was unter ande­rem Hülle bedeu­tet. Der „Geist in der Hülle“ kann somit eine Anspie­lung auf den künst­li­chen Men­schen­ver­stand sein – ein Geist in einem Cyber­brain, mit dem man in die wei­ten Netze der Digi­ta­li­sie­rung ein­drin­gen kann.

Die Manga von Masa­mune Shirow

Shirow ver­öf­fent­lichte drei Manga. In sei­nem ers­ten Werk „Ghost in the Shell“ (1989−90) wer­den ein­zelne Fälle prä­sen­tiert, derer sich Sek­tion 9 annimmt. Dabei wer­den auch inter­na­tio­nale Ver­schwö­run­gen auf­ge­deckt und die Team­mit­glie­der sto­ßen auf den Pup­pet­mas­ter, eine künst­li­che Intel­li­genz, die aus dem Netz her­vor­ge­gan­gen ist. Zum Ende hin gibt es eine miss­glückte Ope­ra­tion, wegen der sich Major Kusanagi vor Gericht ver­ant­wor­ten muss.

Im Manga „Ghost in the Shell 1.5 – Human Error Pro­ces­sor“ (2003 als Sam­mel­band) wer­den vier Kurz­ge­schich­ten um die Sek­tion 9 – ohne Motoko – prä­sen­tiert. Diese sind in Schwarz-Weiß gehal­ten und wei­sen ein­zelne Fälle von Cyber­kri­mi­na­li­tät auf, die es zu lösen gilt.

Im wei­te­ren Manga „Ghost in the Shell 2 – Man­ma­chine Inter­face“ (2000) wurde von Shirow eine größ­ten­teils auf­wen­dige und sonst für Manga recht unty­pi­sche Kolo­rie­rung sowie Ani­ma­tion vor­ge­nom­men. Dadurch wer­den bestimmte Atmo­sphä­ren und beein­dru­ckende, detail­lierte sowie farb­lich akzen­tu­ierte Panels erzeugt. Im Manga wer­den die Geschich­ten rund um die Inkar­na­tio­nen von Motoko Kusanagi beschrie­ben, die nun den Namen Motoko Ara­maki trägt. Wei­tere Sek­tion 9 Mit­glie­der tau­chen nicht auf. Dazu sollte noch ange­merkt sein, dass der Manga recht unver­ständ­lich und durch­ein­an­der geschrie­ben ist, sodass viel­fach der rote Faden ver­lo­ren geht.

Shirows Manga-Stil

Beson­ders auf­fäl­lig ist, dass es in Shirows Manga signi­fi­kante Stil­mit­tel gibt, die in spä­te­ren Adap­tio­nen nicht mehr oder nur noch bedingt zum Tra­gen kom­men. Zum einen ist es der Humor, der unter ande­rem durch ver­ein­fachte, car­toon­hafte Dar­stel­lun­gen der Cha­rak­tere am Rand zum Aus­druck gebracht wird, die ihre Emo­tio­nen oder Neben­be­mer­kun­gen einbringen.

Ein wei­te­rer Punkt sind die zahl­lo­sen Neben­be­mer­kun­gen des Man­gaka, in denen er sein Wis­sen teils zum der­zei­ti­gen For­schungs­stand zur Cyber­tech­no­lo­gie oder seine Erklä­run­gen zum Auf­bau des Manga oder der Panels fest­hält. Dadurch bekommt man einen Ein­blick in seine Gedan­ken­welt und merkt, wie viel an Gedan­ken­gut in „Ghost in the Shell“ steckt.

Wei­ter­hin nimmt Shirow kein Blatt vor den Mund, bezie­hungs­weise stellt er dar, wie man sich digi­ta­len Sex im Cyber­space vor­stel­len kann. Auch dass Motoko meist nur leicht beklei­det ist, ist nach­voll­zieh­bar, da sie ihren Voll-Cyborg­kör­per statt als wirk­li­ches Ich eher als Hülle ansieht. Im Manga „Ghost in the Shell 2 – Man­ma­chine Inter­face“ wirkt das jedoch auf­ge­setz­ter, da selbst alle Inkar­na­tio­nen von Motoko sexy Frauen seien sol­len, die schnell mal „aus Ver­se­hen“ ihr Hös­chen zeigen.

Manga: Ghost in the Shell. Man­gaka: Masa­mune Shirow. Über­set­zung: Georg Tem­pel. Egmont Manga. Auf­lage 2. 2016. (Ori­gi­nal von 1989). // The Ghost in the Shell 2 – Man­ma­chine Inter­face. Man­gaka: Masa­mune Shirow. Über­set­zung: Clau­dia Peter. Egmont Manga. // The Ghost in the Shell 1.5 – Human Error Pro­ces­sor. Man­gaka: Masa­mune Shirow. Über­set­zung: John Schmitt-Wei­gand. Egmont Manga. 2017. // Buch: Ghost in the Shell – The ulti­mate Guide. 1995–2017. Über­set­zung: Costa Cas­pary u.a. Egmont. 2017.

Am 05.03.20 erscheint der zweite Teil, in dem Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina auf die Ani­mes aus dem „Ghost in the Shell“-Universum eingeht.

Foto: Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina

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1 comment

Cyberkriminalität – Ein Fall für Sektion 9 (Teil 2) – Bücherstadt Kurier 5. März 2020 - 19:05

[…] mehr­fach als Film sowie als Serie umge­setzt. Wäh­rend Geschich­ten­zeich­ne­rin Celina im ers­ten Teil auf die grund­le­gende Geschichte und die Manga ein­ge­gan­gen ist, stellt sie im […]

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