Besuch vom Grafen – Interview mit einem Vampir II Jochen Till: „Memento Monstrum 2“ I #Todesstadt

by Bücherstädterin Kathrin

Nach ihrem Besuch vor zwei Jah­ren bei Graf Dra­cula höchst­selbst hat Bücher­städ­te­rin Kath­rin nun im zwei­ten Band von „Memento Mons­trum“ geschmö­kert. Wie es ihr gefal­len hat und ob der Graf sich noch ein­mal bli­cken lässt, erfahrt ihr hier.

Gemüt­lich sitze ich auf mei­ner Couch und genieße mei­nen Anis-Pfef­fer­minz-Tee, als es plötz­lich klin­gelt. Nanu? Wer kann das sein? Besuch erwarte ich heute kei­nen. Ich öffne die Tür und sehe … Niemanden.

Ich ver­drehe die Augen. Das muss wohl ein Klin­gel­streich gewe­sen sein. Ich will die Tür gerade wie­der schlie­ßen, doch dann fällt mein Blick auf ein Paket auf der Fuß­matte. Es ist in blut­ro­tes Pack­pa­pier gewi­ckelt und mein Name steht in geschwun­ge­nen gra­zi­len Buch­sta­ben drauf. Seltsam...

Ich nehme das Paket mit in die Woh­nung, um es genauer zu inspi­zie­ren. Außer einem roten Wachs­sie­gel kann ich kei­ner­lei Brief­mar­ken oder der­glei­chen erken­nen. Moment – das auf dem Sie­gel ist doch ein­deu­tig eine Fle­der­maus! Ver­wun­dert kräu­sele ich meine Stirn.

Ich ent­ferne das rote Papier und zum Vor­schein kommt ein ebenso blut­ro­tes Buch! Ich schmun­zele, als ich das Cover erbli­cke. Diese Per­sön­lich­keit erkenne ich doch sofort! Eine sehr flau­schige Fle­der­maus mit blut­ro­ten Augen, einem Man­tel in der­sel­ben Farbe und einer Son­nen­brille – Graf Dra­cula! Auf sei­nem Schoß sitzt eine noch flau­schi­gere klei­nere Fle­der­maus – seine ent­zü­ckende Enke­lin Glo­bin­chen. Ein „Awwwww“ ent­fährt mir und ich muss grinsen.

Sofort kuschele ich mich wie­der auf meine Couch und fange an zu lesen. Ich ver­sinke in der Geschichte und die Zeit ver­fliegt im Nu. Als ich das Buch been­det habe und auf­bli­cke, ist bereits tief­schwarze Nacht. Der Him­mel ist ster­nen­klar. Der Mond hängt wie eine sil­berne Scheibe am Firmament.

Unerwarteter Besuch

Ich habe mir gerade neuen Tee auf­ge­setzt, um das Buch des Gra­fen Revue pas­sie­ren zu las­sen, als ich ein Klop­fen ver­nehme. Huch, was ist das? Ich ver­orte das Geräusch beim Fens­ter und kann dort eine dunkle Gestalt aus­ma­chen. Ich zucke merk­lich zusam­men und mein Tee schwappt über den Rand. Es klopft erneut. Es wirkt nun schon fast unge­dul­dig. Ich kneife die Augen zusam­men und erkenne vom Mond­licht umrahmt eine fle­der­maus­för­mige Gestalt, die ver­däch­tig flau­schig ist.

Ich öffne das Fens­ter. „Herr Graf!“, ent­fährt es mir überrascht.

„Na end­lich haben Sie mich gehört, meine Liebe. Farbe bekom­men sie auch lang­sam wie­der. Ich dachte schon, Sie kip­pen mir gleich aus den Lat­schen vor Schreck!“, erwi­dert der Graf.

Farbe dürfte ich mitt­ler­weile wirk­lich wie­der haben. Mir schießt die Röte ins Gesicht, weil ich mich etwas schäme, ihn nicht sofort erkannt zu haben. Schließ­lich ist der Graf eine Per­sön­lich­keit, die ich sehr bewundere.

Ich räus­pere mich kurz, um mich zu fan­gen. Dann trete ich zur Seite: „Kom­men Sie doch bitte her­ein.“ Ich warte, doch der Graf flat­tert noch immer vor mei­nem Fens­ter. „Möch­ten Sie nicht? Sind Sie nur auf der Durchreise?“

Nun ist es am Gra­fen sich zu räus­pern. „Doch, sehr gerne, aber dafür müss­ten Sie noch die­ses unsäg­li­che Etwas entfernen.“

„Das unsäg­li­che Etwas? Oh, ja, natür­lich! Ver­zei­hen Sie, Herr Graf!“ Schnell löse ich das Flie­gen­netz vom Rah­men, damit der Graf in mein Wohn­zim­mer flat­tern kann.

„Ich danke Ihnen. Ich bin nun doch etwas erschöpft von der wei­ten Reise.“

„Set­zen Sie sich. Kann ich Ihnen ein Getränk anbie­ten? Ich habe gerade fri­schen Anis-Pfef­fer­minz-Tee aufgebrüht.“

„Das klingt aben­teu­er­lich, aber ich erwäge die­ses Risiko ein­zu­ge­hen“, lächelt der Graf und seine Zähne blitzen.

Das neue Buch

Wäh­rend ich uns ein­schenke, deu­tet er auf das Buch und das dane­ben lie­gende Lese­zei­chen. „Sie haben es also schon gelesen?“

„Aber natür­lich, direkt und sofort – sogar umge­hend, nach­dem ich es aus­ge­packt hatte. Habe ich Ihnen die­ses Über­ra­schungs­pa­ket zu verdanken?“

Der Graf nippt an sei­nem Tee, kräu­selt kurz die Nase und stellt die Tasse wie­der ab. „Ja, ich dachte mir, dass Sie sich sicher über die Fort­set­zung freuen wür­den, nach­dem Ihnen der erste Teil so zuge­sagt hat. Und dann dachte ich, warum nicht das junge Fräu­lein besu­chen und mit ihr über mein neues Buch plauschen?“

„Das ist wirk­lich sehr nett, Herr Graf! Vie­len Dank! Das freut mich wirk­lich sehr. Aber hätte ich Sie heute erwar­tet, hätte ich ...“

„Kuchen da?“, wit­zelt der Graf in Anleh­nung an das berühmte Lied. „Machen Sie sich nichts dar­aus, ich bin kein Freund von süßen Kleb­rig­kei­ten. Die­ser wun­der­same Tee reicht mir völ­lig. Ich bin sehr genüg­sam, was das angeht.“ Das sehe ich, denn sein Tee steht nach dem ers­ten Schluck ver­waist auf dem Couch­tisch. Ich will ihm gerade etwas ande­res anbie­ten, als er mich fragt: „Nun, wie hat Ihnen denn Band zwei gefallen?“

„Oh, ein­fach groß­ar­tig! Die Erzäh­lung knüpft naht­los an den ers­ten Band an. Ich bin sehr glück­lich, dass ich noch mehr von Ihren span­nen­den Geschich­ten genie­ßen konnte. Das Aben­teuer von Ihnen und Kong, das auf der Spitze des Empire State Buil­dings gip­felt, war phä­no­me­nal. Aber dies­mal kom­men ja auch Ihre Freunde zu Wort.“

„Ja, das stimmt. Yeti erzählt ihre Erleb­nisse bei Dok­tor Vik­tor Frankenstein.“

„Und wir ler­nen ihren vom Dok­tor erschaf­fe­nen Bru­der Fer­di­nand ken­nen. Van Hel­sing berich­tet eben­falls von sei­nen Aben­teu­ern. Das ist eine ful­mi­nante Mischung. Und auch in die­sen Erzäh­lun­gen erfah­ren wir Dinge, die Mons­ter betref­fend, die so sicher nicht bekannt sind. Kong hat es zum Bei­spiel zunächst mit einer Komi­ker-Kar­riere versucht.“

„Rich­tig. Das war damals eine wilde Zeit in New York. Ich hatte noch nicht allzu viel von der Welt gese­hen. Ich war ja noch ein Jung­spund …“ Der Graf seufzt nost­al­gisch und ich erwi­sche mich bei dem Gedan­ken, ob der Graf als junge Fle­der­maus wohl noch flau­schi­ger war als jetzt.

„Aber wo Sie eben erwähn­ten, dass auch meine Freunde dies­mal zu Wort kom­men“, fährt der Graf fort, „fällt mir die wich­tige Bemer­kung von mei­nem Freund Archie ein.“

„Der Wer­wolf, richtig?“

„Ja, genau der. Er meint, dass Geschich­ten immer von denen erzählt wer­den sollten ...“

„... die dabei waren“, ergänze ich.

Der Graf nickt zustim­mend. „Exakt.“ Nach­denk­lich streicht er sich über das flau­schige Kinn. „Ich sehe, Sie haben das Buch wie­der sehr auf­merk­sam gelesen.“

Und die Moral von der Geschicht‘ …

Ich nicke wild, erkenne aber den grüb­le­ri­schen Ton in sei­ner Stimme. „Auch in dem zwei­ten Band geben Sie uns wie­der eine wich­tige Bot­schaft mit auf den Weg: Men­schen sind oft die schlimms­ten Mons­ter. Das ist eine sehr wich­tige Erkennt­nis, denn was macht Mons­ter zu Mons­tern? Das Aus­se­hen? Sicher nicht! Es sind die Taten.“

Der Graf nippt nun doch noch ein­mal an sei­nem Tee, schüt­telt sich dann aber kurz und stellt ihn wie­der weg. „Das ist die Quint­essenz, meine Liebe. Ich danke Ihnen für diese Zusam­men­fas­sung. Es sind defi­ni­tiv unsere Ent­schei­dun­gen, unser Ver­hal­ten ande­ren gegen­über – seien es nun Mons­ter oder Men­schen. Nur weil jemand äußer­lich nicht den Nor­men ent­spricht, bedeu­tet dies nicht, dass er ein Mons­ter ist. Aber die­je­ni­gen, die das ver­meint­li­che Mons­ter quä­len, sind die wah­ren Übeltäter.“

„Man sollte seine Träume des­we­gen nicht ver­ges­sen und den Fak­tor Liebe nicht unter­schät­zen“, ergänze ich die Gedan­ken des Grafen.

„Rich­tig. Getreu dem Motto: ‚Wir sind Mons­ter, wir wagen alles.‘“

„Das ist ein sehr schö­nes Lebens­motto. Trotz des doch erns­ten Tones und der wich­ti­gen Bot­schaft schwingt auch viel Hoff­nung in den Erzäh­lun­gen mit, eben weil Freund­schaft und Liebe ein so wich­ti­ger Teil des­sen sind.“

Kurz schwei­gen wir beide, dann ergreife ich erneut das Wort. „Jochen Till erzählt die Geschich­ten wie­der groß­ar­tig“, Zustim­mung beim Gra­fen, „und diese wich­ti­gen Punkte unter­malt Wiebke Rauer erneut ein­ma­lig mit ihren herz­er­wär­men­den Illus­tra­tio­nen, von denen ich per­sön­lich gar nicht genug bekom­men kann.“ Mein Ton ist schwärmerisch.

„Defi­ni­tiv“, stimmt der Graf mir zu. „Wobei sie mei­ner Mei­nung nach auch bei die­sem Band wie­der etwas mit der Flau­schig­keit über­trie­ben hat – zumin­dest was meine Wenig­keit angeht.“

Die Flau­schig­keit – rich­tig – das ist also noch immer ein wun­der Punkt beim Gra­fen. Ich ver­kneife mir also mei­nen Kom­men­tar, dass Wiebke Rau­ers Zeich­nun­gen ihm bis aufs Haar glei­chen und schenke mir statt­des­sen Tee nach.

„Ich hoffe, Sie ver­wen­den die­ses unsäg­li­che Wort nicht allzu oft, wenn Sie unser Gespräch für die Rezen­sion nie­der­schrei­ben. In Ihrem letz­ten Inter­view kam es doch recht häu­fig vor.“ Der Graf glät­tet sei­nen roten Man­tel und über­schlägt die Beine.

„Sie mei­nen flau­schig?“ Der Graf zuckt merk­lich zusam­men. „Ja, genau das. Nun, für mich ist es an der Zeit aufzubrechen.“

Auf ein Wiedersehen?

„Ich habe Sie doch jetzt durch die Erwäh­nung die­ses Wor­tes nicht ver­scheucht?“, frage ich besorgt. „Kei­nes­wegs, meine Liebe, aber es ist früh gewor­den. Ich muss mich sputen.“

Ich sehe auf die Uhr. Wäh­rend des Gesprächs mit dem Gra­fen ist die Zeit genau wie beim Lesen wie im Fluge vergangen.

„Aber die Stre­cke schaf­fen Sie doch nicht in einem Stück, oder? Die Sonne geht bald auf“, sage ich bange. Der Graf schmun­zelt. „Keine Sorge, jun­ges Fräu­lein. Ich werde mir unter­wegs ein sehr, sehr schat­ti­ges Plätz­chen zum Ras­ten suchen.“

„Puh, da bin ich beru­higt.“ Erleich­tert atme ich aus.

Der Graf erhebt sich und geht zum offe­nen Fens­ter. „Es war mir eine Freude, Sie besucht zu haben.“ Dann schwingt er sich in den Nacht­him­mel empor.

Ich lehne mich aus dem Fens­ter „Wer­den wir uns wiedersehen?“

„Ich hoffe doch. Aber nächs­tes Mal koche ich den Tee!“

Ich lächle pein­lich berührt. Der Anis-Pfef­fer­minz-Tee scheint ihm wirk­lich nicht geschmeckt zu haben. „Grü­ßen Sie mir Ihre Enkel, Ihre Frau und Ihre Toch­ter“, rufe ich ihm noch nach. Dann befes­tige ich das Flie­gen­netz wie­der und schließe das Fenster.

Ich hoffe, die­ses Inter­view hat euch neu­gie­rig gemacht, mehr über den Gra­fen und seine Freunde zu erfah­ren, denn das Buch ist wirk­lich ein flau­schi­ger (ent­schul­di­gen Sie, Herr Graf) Gesamt-Genuss!

Memento Mons­trum 2. Ach­tung haa­rig! Jochen Till. Nach einer Idee und mit Illus­tra­tio­nen von Wiebke Rau­ers. Cop­pen­rath. 2022.

Hier geht’s zum ers­ten Inter­view mit dem Grafen.

Ein Bei­trag zur Todes­stadt. Hier fin­det ihr alle Beiträge.

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